Von Arne Perras

Im Erdbebengebiet von Java gibt es große Hilfsbereitschaft, doch viele Gaffer machen den Helfern das Leben schwer.

Das Erdbeben hat den Menschen an der Südküste Javas fast alles genommen. Aber eines haben die Gewalten der Natur nicht erschüttert: Den Zusammenhalt innerhalb der Gemeinden. Vor allem in den ersten Tagen nach der Katastrophe haben lokale Kräfte vermutlich mehr Menschenleben gerettet als alle entsandten professionellen Erdbebenhelfer zusammen.

Hilfe, dpa

Mittlerweile kommen Essen und Medikamente in der Erdbebenregion Java an (© Foto: dpa)

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Egal, ob die Leute nun reich oder arm sind, in der Not stehen sie hier in Batul zusammen, und so trifft man zum Beispiel auf sehr wohlhabende Frauen, die seit Tagen in den Ruinen stehen und nichts anderes tun, als ständig Reis einzukaufen und rund um die Uhr zu kochen. Damit die Nachbarn wenigstens nicht verhungern müssen.

Das alles hat wohl viel mit der harmoniebetonten Kultur in diesem Teil der Erde zu tun, und den starken sozialen Bindungen, die sich in den javanischen Gemeinschaften herausgebildet haben. Im Trümmerstreifen südlich der Stadt Yogyakarta kann man jedenfalls gut beobachten, was engagierte Nachbarschaftshilfe alles leisten kann.

Eindeutige Schilder

Einerseits. Andererseits gibt es hier auch Phänomene, die das Helfen eher erschweren denn erleichtern. Man braucht nur diese Schilder zu lesen, die manche Bewohner am Straßenrand aufgestellt haben. Etwa im Dorf Pleret. "Wir wollen nicht begafft werden. Wir sind Erdbebenopfer und brauchen Hilfe. Danke." Die Empörung richtet sich gegen Scharen von Schaulustigen, die seit Tagen in die zerstörten Gebiete hereinströmen, ohne dass sie nennenswert zur Besserung der Lage beitragen würden. Viele stehen einfach nur im Weg.

Doch die Neugierde ist kaum zu bremsen, manchmal kommen die Gaffer in ganzen Konvois. Scheibe runter, Videokamera raus. Und draufhalten. Auch ganz nah an der Klinik in Blawong fahren sie vorbei, wo die Pritschen mit den Verletzten schon fast auf der Straße stehen. Egal, ob die Ambulanz hinten jault, ist ja sowieso kein Platz hier.

Misstrauen gegenüber den Medien

So geht es zu auf manchen Straßen in der Gegend von Bantul. "Ich musste einfach herkommen", erzählt ein Motorradfahrer in einer der lokalen Zeitungen von Yogyakarta. "Ich wollte selbst sehen, ob es denn stimmt, was die Medien berichten. Aber jetzt weiß ich es. Hier ist wirklich alles platt."

Ein Wunder, dass diejenigen, die alles verloren haben, nicht öfter aus der Haut fahren - so wie jene Frau in Bantul, die schimpft: "Die meisten, die hier Stau machen, sind die Glotzer." Viel Zeit, um ihrem Ärger Luft zu machen, haben die meisten nicht, sie werden ja noch von ganz anderen Sorgen geplagt. Und was könnten sie schon gegen die Gaffer ausrichten?

"Das Problem ist, dass man nicht weiß, wer wirklich Unterstützung bringt für seine Verwandten und wer doch nur gucken will", sagt ein indonesischer Helfer. "Vermutlich ist das der Preis, der in einer freien Welt zu bezahlen ist", glaubt Howard Arfin, Koordinator bei der Föderation der Rot-Kreuz-Gesellschaften.

Der Kanadier sieht auch noch eine andere Facette des Problems. Neben reinen Gaffern gebe es auch jene Gruppen, die er "humanitäre Touristen" nennt. Das sind Menschen, die es eigentlich gut meinen. Helfen wollen sie, aber sie haben keinerlei Vorbereitungen getroffen und bringen auch nichts mit, so dass man ihnen am Ende selbst helfen muss.

"Beim Tsunami in Aceh kamen manchmal so genannte Helfer an, denen wir am Ende sogar Zelte geben mussten", erinnert sich Arfin.

Die Gaffer hält der Rot-Kreuz-Mann für nervig und lästig, aber dass sie die professionelle Hilfe auf Java ernsthaft gefährden könnten, das glaubt er nicht. "Die Staus auf den Straßen sind zwar ein Problem, aber wir finden trotzdem noch immer unseren Weg."

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(SZ vom 6.6.2006)