Illegale Straßenrennen "Ein Auto ist fünf Mal gefährlicher als eine Schusswaffe"

Geschwindigkeit im Autoverkehr ist der Killer Nummer eins

(Foto: imago/Bild13)

Als Physiker untersucht André Bresges die Gefahren im Verkehr. Er befürwortet härtere Strafen für Raser, das autonom fahrende Auto - und erklärt, warum sich der Mensch am Steuer oft deutlich überschätzt.

Interview von Thomas Hummel

Die Debatte, wie mit Teilnehmern an illegalen Autorennen auf öffentlichen Straßen umzugehen ist, bewegt Politik und Gerichte. Der Bundestag hat kürzlich das Strafmaß erhöht. Vor allem nach tödlichen Unfällen wartet eine erregte Öffentlichkeit auf die Urteile der Richter. Der Bundesgerichtshof hat am Donnerstag entschieden, eine Bewährungsstrafe für zwei Raser, bei deren Rennen in Köln eine Radfahrerin starb, sei zu milde.

André Breges, 46, von der Uni Köln beschäftigt sich seit Jahren mit dem Raser-Phänomen auf deutschen Straßen. Der Professor für Physikdidaktik spricht über den Zusammenhang von Geschwindigkeit und Unfallgefahr und was das Rasen im Gehirn von Autofahrern auslöst.

SZ: Herr Bresges: Sie halten das schnelle Autofahren für eine unterschätzte Gefahr. Warum?

André Bresges: Wir haben gesicherte Daten darüber, dass Geschwindigkeit im Autoverkehr der Killer Nummer eins ist. Die häufigste Unfallursache ist Linksabbiegen, aber dabei kommen nicht so viele Menschen ums Leben, weil das meist mit geringer Geschwindigkeit geschieht. Unfälle wegen hohen Tempos passieren nicht ganz so häufig, aber da sterben dann Menschen. Die kinetische Energie, die durch die Geschwindigkeit entsteht, tötet.

Bundesgerichtshof hebt Bewährung für Kölner Autoraser auf

Eine 19-jährige Radfahrerin stirbt, als bei einem illegalen Autorennen einer der Fahrer bei Tempo 95 die Kontrolle über sein Fahrzeug verliert. Jetzt hat der BGH entschieden, dass die beiden Männer zu milde bestraft wurden. mehr ...

Gibt es da eine physikalische Formel?

Wenn ich doppelt so schnell fahre wie erlaubt, dann speichere ich vier Mal mehr Energie mit dem Auto. Das heißt, mein Wagen ist dann vier Mal tödlicher als würde ich mit zulässiger Geschwindigkeit fahren.

Der Bundesgerichtshof hat nun ein Urteil eines Landgerichts aufgehoben gegen zwei Raser und bittet um Verschärfung. Der Bundestag hat einen neuen Straftatbestand eingeführt, um Teilnehmer an illegalen Autorennen härter betrafen zu können. Hat das eine abschreckende Wirkung?

Das kommt darauf an. Wir wissen aus der Psychologie, dass ein schärferes Strafmaß nur wirkt, wenn es allgemein bekannt ist und immer durchgesetzt wird.

Wie reagiert die Raser-Szene auf schärfere Gesetze und Strafandrohungen?

Die Grenze zur Straftat ist beim Autofahren nicht so richtig sichtbar. Ist jemand an einem tödlichen Unfall schuld, wird das anders wahrgenommen, als wenn er mit einer Schusswaffe mordet. Ich sage: Da gibt es überhaupt keinen Unterschied. Die Statistik besagt eindeutig: Ein Auto ist fünf Mal gefährlicher als eine Schusswaffe. Von daher muss die Frage erlaubt sein: Warum werde ich hart bestraft, wenn ich mit einer Schusswaffe einen Laden betrete? Aber wenn ich mein Auto als Waffe benutze, weil ich es zum Beispiel deutlicher schneller als erlaubt in der Innenstadt bewege, wird das nur mit Punkten im Verkehrszentralregister und Bußgeld bestraft. Das sehe ich nicht ein.

Kürzlich wurden zwei Raser in Berlin vom Landgericht wegen Mordes zu lebenslänglicher Haft verurteilt, weil ein anderer Verkehrsteilnehmer bei ihrem Rennen starb.

Ich befürworte die damit verbundene Gleichstellung mit dem Schusswaffengebrauch. Das halte ich für gerecht. Auch wenn ich es im Einzelfall tragisch und traurig finde, dass zwei Menschen ins Gefängnis müssen.

Nun ist langsam fahren bei vielen Autofahrern generell nicht gerade in Mode.

Das erklärt uns, warum die Anzahl der Unfälle zunimmt. In den vergangenen Jahren wurde durch Verbesserungen zwar viel kaschiert. Die Karosserien werden immer besser, es gibt technische Hilfen im Auto wie den Airbag, die medizinischen Helfer sind schneller am Unfallort. Aber wenn die Autos immer schneller werden, ist immer weniger zu retten - und diesen Effekt sehen wir in den Unfallstatistiken. Weil die Menschen Zugang zu immer schnelleren Fahrzeugen haben, passieren immer mehr Unfälle.

Im Jahr 2016 wurden laut Statistischem Bundesamt so wenige Menschen bei Verkehrsunfällen getötet wie nie zuvor.

Aber wir haben seit etwa 2012 deutliche Schwierigkeiten, die Abwärtstendenz zu halten. Das ist ein Kampf an der Grenzlinie. Es wird deutlich, dass die technischen Mittel fast ausgereizt sind. Der Faktor Mensch sorgt dafür, dass die Zahlen nicht deutlicher nach unten gehen.