Von Tomas Avenarius, Tutun

Junge Ägypter riskieren alles, um ins "gelobte Land" zu kommen, doch viele sterben auf dem Weg nach Italien. Ihre Angehörigen in der Heimat profitieren - und betrauern die Toten.

Wenn Mohammed al-Khatib aus seinem Zimmer tritt mit dem gestampften Lehmboden, den Büchern und dem alten Computer auf dem wackligen Tisch, steht er im Hof des Hauses seines Vaters. Links liegt der Stall mit dem Vieh, rechts ragt der kleine tönerne Speicher für das Getreide auf, daneben führt die Treppe steil hinauf aufs flache Dach.

Literaturdozent Mohammed al-Khatib blickt von seinem Hof aus aufs neue Nachbarhaus. Foto: Ayman Hamed

Literaturdozent Mohammed al-Khatib blickt von seinem Hof aus aufs neue Nachbarhaus. (© Foto: Ayman Hamed)

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Der Literaturdozent al-Khatib steigt gerne auf das Dach des 100 Jahre alten Bauernhauses: Es hat sich nicht viel geändert in diesem Haus, und vom Dach aus sieht er über das ganze Dorf Shidmoh. Besser gesagt - er sah über das Dorf. Neuerdings sieht er auf der einen Seite nur noch Beton und Klinkerstein.

Steil wie eine Felswand erhebt sich eine Fassade direkt vor seinem Haus. Fünf Stockwerke hoch, auf jedem Stock dreifach geschwungene Balkone. Al-Khatib schüttelt den Kopf und sagt: "Diese Italiener denken nur noch ans Geld. Immer größere Häuser, neue Autos, teure Fernseher."

Die "Italiener". Sie bauen Häuser im Dorf, fünf, sechs, acht Stockwerke hoch. Dekoriert mit Stuck und Marmor, es fehlten eigentlich nur noch goldene Türklinken. Sie haben Garagen für ihre Autos, fast so groß wie die Häuser der anderen. Sie sind die Besitzer der "Milano-Reinigung", des Supermarkts "Dream-Roma" oder des Shops "Diamant-Milano". Sie haben Geld, Geld, Geld. Kurz: Es geht ihnen gut, den Italienern.

Die anderen sitzen währenddessen im Teehaus und denken darüber nach, wie es denn wäre, selbst so viel Geld zu haben. "Was soll ich hier? Ich bin 23 Jahre alt, verdiene 30, 40 Pfund am Tag", sagt Ahmed. "Wie soll ich je heiraten, ein Haus bauen?

In Italien reich geworden

Er sieht die Paläste seiner ägyptischen Landsleute, die in wenigen Jahren in Italien reich geworden sind als Bauarbeiter und die sie in Tutun und Shidmoh inzwischen "die Italiener" nennen. Deren Hochhäuser ragen zwischen den Häusern wie Türme auf; mitten in Tutun baut einer ein Appartement-Haus für angeblich mehrere hunderttausend Euro.

Über das Geschrei der anderen Teehausbesucher hinweg sagt der 23-jährige Ahmed: "Ich würde auf einer dünnen Holzplanke nach Italien paddeln, nur um hinzukommen."

30 ägyptische Pfund am Tag, das sind vier Euro. Das ist nicht viel, nicht einmal in Tutun oder Shidmoh. Tutun ist ein Städtchen in der Oase Al-Faiyum, gerade mal 100 Kilometer westlich von Kairo, Shidmoh liegt an derselben staubigen Landstraße.

Das Leben wird täglich teurer in Tutun und Shidmoh. Im Supermarkt Dream-Roma steigen die Preise. Auch die Händler mit den billigen Ständen am Straßenrand verlangen immer mehr für ihre Tomaten und Gurken. Jobs gibt es keine. Und wenn, dann sind sie so schlecht bezahlt wie überall auf dem Land in Ägypten.

Adel Ramadan, einer der reich gewordenen Italiener aus Shidmoh, sagt: "Das Leben in Ägypten ist wie ein langsames Sterben. Wenn wir die Reise nach Italien riskieren, sterben wir entweder ganz schnell oder wir leben den Rest unserer Zeit wie die Fürsten."

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