Humor Ein Kessel Kürbiskompott

Wie der Leipziger Künstler Julius Fischer mit einer eigenwilligen Mischung aus Spaß, poetischem Humor und Ernsthaftigkeit den Nerv seines internetaffinen Publikums trifft.

Von Cornelius Pollmer

Comedy, sagt Julius Fischer, bedeute immer: kleinster gemeinsamer Nenner. Frauen stehen vor dem Spiegel, Männer mögen Autos, kennste, kennste? Kennt man, kennt man. Riecht aber komisch. Und klingt nach vorgestern. Nach Zweitausendundmariobarth.

Lernen Sie kennen: Julius Fischer, 31, Autor, Musiker, Kabarettist. Ein Mufukü, ein Multifunktionskünstler, Zweitausendundsechzehn. Julius Fischer macht keine Kennste-Kennste-Witze. Lieber schreibt er mit seinem grell leuchtenden Bühnen-Freund Christian Meyer ein Lied über faden Humor, und darin heißt es dann: "Kennste das, wenn jemand sagt, kennste das, und du kennst es gar nicht?" Kennt man, kennt man. Julius Fischer riecht nicht komisch, lieber schreibt er ein Buch mit dem Titel "Ich will wie meine Katze riechen". Julius Fischer schließlich ist kein Mann für die erstbeste Pointe, sondern einer für den zweiten Blick. Siehe beistehendes Foto. Es ist ein sehr, sehr lustiges Foto.

"Für mich gibt es keinen Grund, den Leuten etwas zu erzählen, das sie schon wissen", sagt Julius Fischer. Er könnte das auch gar nicht. Vor einer Weile tafelte Fischer in mittelgroßer Runde, beim Dessert fragte er begeistert, Mensch, Leute, wisst ihr noch, das Kürbiskompott in der DDR? Niemand erinnerte sich an das Kürbiskompott. Auf der Bühne wie beim Schreiben verlässt sich Fischer deswegen auf etwas anderes. Er setzt "auf die Art und Weise, wie ich die Welt sehe. Das ist das, was ich habe". Diese Sicht ist sein Kapital, und kein geringes.

Was sieht er so, in dieser Welt? Meyer und Fischer addieren sich zu einem Duo, The Fuck Hornisschen Orchestra (TFHO). Für dessen alljährliches Weihnachtsprogramm schreibt Fischer regelmäßig Hits um, im vergangenen Advent wurde die Sängerin Namika mit Freude geopfert: "Tschüssi Lieblingsmensch, schön dass wir uns trennen."

In Leipzig, der gewordenen Heimat von Fischer, ist das Publikum bei den Konzerten im Dezember wieder ziemlich ausgerastet. Das lag, äußerlich, an der speziellen Atmosphäre der TFHO-Auftritte. Ein bisschen Wayne's World, ein bisschen Gameboy-Party, ein bisschen ADHS-Theater. Gespieltes DDR-Kürbiskompott.

"Wenn ich eine Botschaft habe, dann lautet diese immer erst einmal: Liebe." Julius Fischer mischt auf der Bühne Humor und Ernsthaftigkeit.

(Foto: Sven Hagolani)

Zum anderen raste das Publikum, weil es - da ständig im Internet unterwegs - schätzt, wie TFHO die dort übliche Kultur wertvoll auf die Bühne bringt. Running Gags werden zum wiederholten Abspielen in Loop-Stationen eingespeist, Schlager mit Techno gemischt und Musikvideos nach ihrem optischen Inhalt neu betextet. Julius Fischer ruft zwischendurch auch einfach mal so ein "Tropfsteinhöhlensolo!" aus und trommelt ein paar Takte auf der hohlen Wange. Es entsteht dabei ein sehr bunter, freier Raum, in dem das unterhaltungsgeneigte Publikum auch dann nicht murrt, wenn Fischer recht unerwartet, aber glockenklar "Maria durch den Dornwald ging" singt.

Das Hauptfach von Fischer bleibt der Humor, umso bemerkenswerter ist deshalb, dass ihm im vergangenen Jahr der Lessing-Preis des Freistaates Sachsen zuerkannt wurde. In der Laudatio wurde Fischer zu einer Art Freiheitskämpfer stilisiert. Die Komik in Deutschland habe stets unter dem Verdacht der Trivialität gestanden, erbitterte Humorlosigkeit hingegen gelte als sicheres Zeichen dichterischer Größe. Bei Julius Fischer ist das eben andersherum, er fabriziert nicht-trivialen, mitunter poetischen Humor. Ein Beispiel, als kleine Unterscheidungshilfe in dieser Sache: Humor ist, eine Kurzgeschichtensammlung unter dem Titel "Die schönsten Wanderwege der Wanderhure" herauszugeben, wie es Julius Fischer getan hat. Humorlosigkeit ist, deswegen vor Gericht zu klagen, wie es der Verlag Droemer Knaur getan hat.

Wie sich Humor und Ernst bei ihm vermischen, das konnte Julius Fischer einmal in einer Amazon-Rezension zu einem seiner Bücher studieren. Das Urteil: irgendwie ein bisschen zu belehrend, nur drei von fünf Sternen. Fischers Reaktion darauf: "Wenn diese Belehrung immer noch 3 von 5 Sternen wert ist, dann habe ich zumindest aus meiner Perspektive nicht alles falsch gemacht."

Wie sich in der Unterhaltungskunst Fischers Humor und Ernst vermischen, das lässt sich in seiner lustigen Textreihe "Ich hasse Menschen" sehen, die doch keinen Zweifel nährt an der Glaubwürdigkeit folgender Aussage Fischers: "Wenn ich eine Botschaft habe, dann lautet diese immer erst einmal: Liebe."

Liebe. Die ist in Sachsen zuletzt ja nicht gerade auf Bäumen gewachsen. Stattdessen sieht Fischer an fast jeder Ecke Misstrauen, das fängt bei Pegida an und hört bei seiner Katze nicht auf. Seiner Katze? Vor einer Weile hat die Katze zugebissen, Fischer musste ins Krankenhaus, Entzündung, OP, Konzertabsagen. Als die Nachricht davon auf der Webseite einer Regionalzeitung aufleuchtete, klangen die Kommentare so: Ey, Julius, jetzt sag doch mal, was ist denn wirklich passiert? "Dieses Misstrauen ist einfach so anstrengend. Statt sich die Dinge mal in Ruhe anzuhören, haben die Leute gleich eine Meinung. Bei Google gibt jetzt keiner mehr ein: 'Von der Katze gebissen'. Bei Google gibt man heutzutage ein: 'Von der Katze gebissen Lüge'".

Vielleicht wird sich Julius Fischer über Misstrauen auch mal mit Enrico unterhalten, seinem allein auf Papier existierenden, sächselnden Kumpel. Fischer selbst, in Gera geboren, in Dresden aufgewachsen, will trotz Eingängigkeit das Sächsische nicht zum Kennste-kennste-Kern seines Schaffens machen. "Ich wollte nie ein sächsischer Künstler sein", sagt Fischer, wobei er wisse, "dass Dialekt nicht heißt, dass jemand nichts gelesen hat. Mit anderen Worten: Dialekt kann jeden treffen."