Holocaust-Gedenktag Das KZ vor der Haustüre

In einem kleinen Dorf in Baden-Württemberg sollten Tausende jüdische Zwangsarbeiter eine Fabrik errichten. Viele ließen dabei ihr Leben - das Bauwerk wurde nie fertig.

Vaihingen an der Enz war eine kleine, fast verschlafene Stadt, als im Frühjahr 1944 die jüdischen Gefangenen eintrafen. Weil die Rote Armee in Polen immer weiter vorrückte, hatte die SS das Konzentrationslager Radom im Norden des Landes aufgelöst.

Das Step21-Team für Pforzheim (v.l.): Christian Schäfer (18), Vito Masiello (18), Sebastian Schroth (19) und Dominique Köppen (18). Vorne: Natascha Kastner (20), Helen Hauser (18) und Frederik Glaser (19)

(Foto: Foto: step21)

Mehr als 2000 Häftlinge wurden von dort über Auschwitz nach Vaihingen transportiert. Sie wurden in dem anliegenden Konzentrationslager Wiesengrund, einem Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof untergebracht, das bereits zuvor in einem verlassenen Tal errichtet worden war.

Für die "Organisation Todt" von der NS-Regierung in Auftrag gegeben, sollten die Zwangsarbeiter hier eine unterirdische Fabrik zur Produktion von Jagdflugzeugen bauen - in einem alten Steinbruch. Ein "Loch, von doppeltem Stacheldrahtzaun und etlichen Wachtürmen" umgeben - so beschreibt der ehemalige Häftling Alfred Lipson den Ort.

Da das Fachwissen der Gefangenen für den Bau der Fabrik nicht ausreichte, wurden zusätzlich Sprengmeister, Elektriker und Maurer angestellt. So arbeiteten auf der Baustelle mit dem Decknamen "Stoffel" Häftlinge und zivile Arbeiter gemeinsam.

Die Menschen in Vaihingen waren offiziell auf die Ankunft von "Kriminellen" vorbereitet worden. Trotzdem steckten einige den Häftlingen immer wieder heimlich Brot, Kartoffeln und Äpfel zu. Wohl aus Mitleid, wie der Überlebende Jules Schelvis glaubt: "Wir waren stark unterernährt und sahen in unseren Lumpen absonderlich und verwahrlost aus."

Nach nur drei Monaten wurden die Arbeiten auf der Baustelle eingestellt, da die ständigen Bombardierungen der Alliierten diese zu sehr behinderten. Die Häftlinge hatten zwar einen Luftschutzstollen in den Stein gesprengt, doch sie selbst durften dort keine Zuflucht suchen.

Schon bald wurden die kräftigsten Häftlinge aus dem KZ Wiesengrund auf andere Arbeitslager in der näheren Umgebung verteilt. Aus dem Außenlager Wiesengrund wurde ein sogenanntes Kranken- und Erholungslager - faktisch ein Sterbelager. Täglich kamen Züge mit weiteren Gefangenen an, darunter auch russische, italienische und norwegische Juden. Ende 1944 war das Lager mit rund 2400 Häftlingen restlos überfüllt.

Zum Sterben zurückgelassen

Den Winter 1944/45 überstanden viele der jüdischen Häftlinge nicht. "Außerhalb der Stollen beeinträchtigten Schnee und Nässe unsere Widerstandsfähigkeit", erinnert sich Jules Schelvis. "Wir hatten nur dünne Holzklötze unter den Füßen und Unmengen von Läusen." Darüber hinaus breiteten sich Krankheiten wie Flecktyphus und Tuberkulose rasend schnell aus.

Auch der ehemalige Häftling Floris Barkels berichtet von den schlimmen Zuständen im KZ Wiesengrund: "Immer - auch nachts - wurden irgendwo Menschen gequält." Ständig habe er das Jammern und Schreien der Männer gehört.

Als die französische Front herannahte, verließen die SS-Bewacher fluchtartig das Lager. Die Gefangenen, die noch gehen konnten, nahmen sie mit und brachten sie ins Konzentrationslager Dachau.

Fünf Tage lang blieb das Lager unbewacht, bis am 7. April 1945 die französischen Panzer einrollten. "Die Befreier fanden 80 tote Körper, die über das Lager verstreut waren, und 837 halbtote Gefangene", erzählt Alfred Lipson in seinem Bericht für das Buch "Das KZ vor der Haustüre".

Damit der Typhus sich nicht weiter ausbreitete, wurden einige Tage später alle Baracken und Kleidungsstücke verbrannt. Doch anscheinend sollte nicht nur die Seuche verschwinden: Der zuständige Landrat Dr. Friedrich Kuhnle befahl jedem arbeitsfähigen Mann aus der Gegend zwischen 17 und 60 Jahren, für einen Tag nach Vaihingen zu kommen, um die letzten Überreste des Lagers zu beseitigen.

In den Amtlichen Nachrichten vom 15. Dezember 1945 heißt es, die Spuren des "beschämenden" Konzentrationslagers müssten getilgt werden.

Ohne die mahnenden Ruinen des Konzentrationslagers ließen sich die furchtbaren Ereignisse, die vor der eigenen Haustür zu traurigem Alltag geworden waren, schneller vergessen. Doch wie sollten die Menschen begreifen können, welches Unrecht dort geschah?

Mit der Beseitigung der Spuren wurden zugleich die Erinnerungen an das geschehene Unrecht und damit die Möglichkeit zu Gedenken genommen. Erst viele Jahre später errichtete der Verein "Initiative KZ-Gedenkstätte Vaihingen/Enz e.V." auf den Grundmauern der ehemaligen Desinfektionsbaracke eine Gedenkstätte. Auch ein Friedhof wurde angelegt, um den Häftlingen, die im Außenlager Wiesengrund ihr Leben ließen, eine würdige Ruhestätte zu geben.

Der Text ist entstanden im Rahmen des Projektes "Weiße Flecken" der Organisation "Step21 - Initiative für Toleranz und Verantwortung". Anlässlich des Holocaust-Gedenktages am 27. Januar haben Schülergruppen aus Deutschland, Polen und Tschechien, Geschichten aus der NS-Zeit gefunden und aufgeschrieben, die in ihren Heimatgemeinden von der damaligen Presse totgeschwiegen oder falsch dargestellt wurden. Die zugehörige Zeitung kann über die Homepage von Step21 bestellt werden.