Hochhausbrand in London Ein Jahr nach dem Feuer im Grenfell Tower

"Für immer in unseren Herzen" steht auf dem eingerüsteten Grenfell Tower: Auch ein Jahr danach ist das Unglück unvergessen. Das Feuer hatte sich an den Außenwänden um das Gebäude geschraubt, als habe jemand ein Streichholz an eine Fackel gehalten.

(Foto: AFP/Getty)
  • In der Nacht zum 14. Juni 2017 bricht im Londoner Westen in einem Hochhaus ein Feuer aus. 72 Menschen kommen bei dem Brand im Grenfell Tower ums Leben.
  • In der sogenannten "Grenfell Inquiry", einer unabhängigen öffentlichen Anhörung, werden die Umstände des Unglücks untersucht.
  • Die Aufklärung der Brandkatastrophe ist mehr als die Suche nach einem Verantwortlichen. Sie legt die tiefen Brüche in der britischen Gesellschaft offen.
Von Cathrin Kahlweit, London

Wie misst man Unglück, wie Schuld? Vor einem Jahr, am 14. Juni 2017, starben bei einem Großbrand im Londoner Grenfell Tower 72 Menschen. Es war die schlimmste Brandkatastrophe in Großbritannien seit Jahrzehnten, und es war eine Katastrophe mit Ansage. Immer wieder hatte es Warnungen gegeben, dass das Hochhaus im reichen Stadtbezirk Kensington nicht gewappnet sei für ein Unglück.

Sie wurden ignoriert. Die Folge: ein Feuer, das sich innerhalb von Minuten aus einem banalen Kühlschrank-Kurzschluss zu einem in dieser Form nie dagewesenen Großbrand entwickelte, der sich explosionsartig an den Außenwänden entlang um das Gebäude schraubte, als habe jemand ein Streichholz an eine mit Benzin getränkte Fackel gehalten. Feuerwehrleute werden später sagen, sie seien auf eine "Mission Impossible" geschickt worden.

Expertin dokumentiert schwere Mängel beim Bau des Grenfell Towers

Die Brandschutzingenieurin kritisiert in ihrem Bericht auch die Kommunikation mit den Bewohnern des 24-stöckigen Hochhauses: Die Anweisung, nach Ausbruch des Feuers in den Wohnungen zu bleiben, sei fatal gewesen. mehr ...

Polizei ermittelt gegen 36 Firmen, die Hausverwaltung und die Feuerwehr

Nun läuft seit einigen Wochen die öffentliche Anhörung, die ermitteln soll, wie es zu dem Feuer kommen konnte und wie ein solches Unglück in Zukunft vermieden werden kann. Es ist eine Untersuchung epischen Ausmaßes, nicht nur, weil 562 Teilnehmer Gehör finden wollen oder sollen - Hunderte Überlebende und ihre Angehörigen, Brandschutz- und Katastrophenschutzexperten, die an der jüngsten, so fatalen Renovierung beteiligten Unternehmen, Feuerwehr, Stadtrat und Mieter-Management, Gewerkschaften, Sozialarbeiter, Seelsorger.

Die einen kommen mit ihren Vorwürfen und ihrer Trauer, die anderen mit ihren Anwälten und unter Leugnung jeglicher Schuld. Opferanwalt Danny Friedman sagt - und setzt damit den Ton für alles, was kommt -, die Überlebenden seien nur davongekommen, weil sie Glück hatten. Und nicht, weil die Zuständigen ein Interesse daran gehabt hätten, eine solche Katastrophe durch angemessene Schutzvorkehrungen zu verhindern.

Nach der öffentlichen Anhörung soll irgendwann der Strafprozess folgen. Die Polizei ermittelt gegen 36 Firmen, die teils untaugliches Material für den Grenfell Tower geliefert und eingebaut hatten, gegen Verantwortliche im Bezirk Kensington und Chelsea, gegen die Hausverwaltung und mittlerweile auch gegen die Feuerwehrführung. Die hatte, als Rettung längst nicht mehr möglich war, den verzweifelten Mietern in ihren brennenden Wohnungen immer noch geraten, dort zu bleiben. "Stay put" war die Devise gewesen - ein tödlicher Rat. Hätten die Notrufzentralen den Anrufern gesagt: Rette sich wer kann, hätten weit mehr Menschen überlebt.

Es ist jedoch zu bezweifeln, dass Richter in einem Strafprozess darüber urteilen können, welche Entscheidungen in dem Chaos jener Nacht eindeutig richtig oder falsch waren. Oder wer daran schuld ist, dass die ohnehin schlampigen Vorgaben für Feuerschutz nicht eingehalten, durch politische Vorgaben weiter verwässert und durch eine radikale Sparpolitik unterminiert wurden.

Der Grenfell Tower war ein Sozialbau - auch darüber wird in Grobritannien debattiert

Daher hat die Grenfell Inquiry, von der britischen Öffentlichkeit intensiv begleitet, eine ungeahnte Bedeutung angenommen. Schon jetzt, kurz nach Beginn der Anhörung, ist deutlich geworden, dass sie sich zu einer Art Wahrheitskommission entwickeln könnte. Und dass im stickigen, getäfelten Konferenzzimmer eines Londoner Hotels die tiefen Brüche offengelegt werden, welche die britische Gesellschaft durchziehen: Armut und Reichtum, Vernachlässigung und Ignoranz, Sparpolitik und Elitedenken, Klasse, Rasse und Diskriminierung, Immigration und Nation.

Es geht um Geld, natürlich. Denn Kensington ist einer der reichsten Bezirke der Stadt, und die Bewohner des Sozialbaus Grenfell Tower, Migranten aus aller Welt, hatten schon lange das Gefühl, sie seien Mieter zweiter Klasse in einer Gegend, in der Multimillionäre die Immobilienpreise bestimmen. Die Chefs der Bezirksverwaltung bestreiten das; sie hätten bei der Renovierung nicht gespart, das Budget mehrmals angehoben und regelmäßige Kontrollen der Baumaßnahmen durchgeführt. Seltsam nur, dass die eingebauten Materialien schlicht untauglich und die Arbeiten schlampig ausgeführt waren, dass notwendige Investitionen in Feuerschutztüren, Sprinkler, Fluchtwege unterblieben.

Es geht um Rasse, auch wenn das im multikulturellen London nicht gern gehört wird. Hat es, wie Opfer-Anwalt Imran Khan in den Raum stellt, nicht nur bei den Investitionen in das Haus, sondern auch später bei der Rettung womöglich eine Rolle gespielt, dass viele Mieter schwarz oder arabischer Herkunft waren? Khan spricht von "institutionellem Rassismus". Die Feuerwehr dementiert das energisch, ihre Leute seien weder rassistisch, noch hätten sie bei der Evakuierung Weiße bevorzugt.

Es geht in der Befragung auch um eine neoliberale Politik, die Profit über Sicherheit stellt

Und es geht um eine neoliberale Politik, die womöglich Profit über Sicherheit stellt; die durch weitreichende Deregulierung überhaupt erst möglich machte, dass bei der Renovierung des Hochhauses, dessen Außenwand zuvor aus Beton bestanden hatte, brennbare Materialien verbaut werden konnten, ohne dass es eine unabhängige Instanz gab, die dies hinterfragte oder kontrollierte. Weshalb die betroffenen Firmen bis heute sagen, sie treffe keine Schuld; schließlich hätten Verwaltung und Management gewusst, was sie kauften und bestellten. Dass sie Isolation und Außenverkleidung verkauften, die leicht brennbar waren - na und?

In einem aufsehenerregenden Text für die London Review of Books hat der Autor Andrew O'Hagan monatelang bei Überlebenden, Politikern, Helfern und Rettern recherchiert. Auf mehr als 40 Seiten erzählt er, spannend wie ein Krimi, die Geschichten der Familien des Grenfell Towers; wie sie lebten und liebten, wie sie flüchteten oder gerettet wurden, wie sie starben oder davonkamen. Er hat aufgeschrieben, wie Baufirmen und Aufsichtsbehörden um jeden Cent feilschten und gleichzeitig die Londoner Feuerwehr durch Sparmaßnahmen die Hälfte ihrer Ausrüstung einbüßte.

O'Hagan räumt ein, dass er vor Beginn der Recherche überzeugt gewesen sei, der Bezirk Kensington und Chelsea sei schuld am Desaster. Hinterher habe er das anders gesehen; die Stadtverwaltung habe getan, was sie konnte, findet der Autor. Sein Resümee: "Die Lobby der Bau-Industrie, unterstützt vom Deregulierungswahn der Regierung und ihrem Drang, Sicherheit zu kommerzialisieren", habe dazu geführt, dass als "normale Praxis" betrachtet wurde, was verboten sein müsste.

Den Überlebenden vom Grenfell Tower ist das kein Trost.

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