In Norditalien schicken Gläubige kollektive Hilferufe in den Himmel, die dramatische Dürre bedroht Ernten und Wasserkraftwerke.
(SZ vom 15.07.2003) Der Herrgott war gnädig, aber leider nur in Rovigo. Über dem Städtchen im Nordosten Italiens ging in der Nacht zum Montag endlich eine Regenwolke ab. Sie brachte bei weitem nicht genug Wasser für die ausgedörrten Felder und Flüsse - aber der Bischof konnte immerhin zufrieden sein. "Schicke uns Wasser vom Himmel, uns, Deinen schwachen Söhnen", hatte Monsignor Bruno Mazzocato die Gläubigen zum Gebet gerufen. Und so sammelten sich in der Diözese Rovigo am Sonntag viele Leute in den Kirchen und baten um "Wasser, das unser Land fruchtbar machen und unsere Flüsse wieder füllen wird. "
Ausgezehrt zieht der Po durch Norditalien. (© )
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14 Millimeter, aber es reicht nicht
Anderntags wurden in Rovigo tatsächlich 14 Millimeter Regenwasser gemessen; in der Nachbarregion waren es nur neun Millimeter. Doch ob 14 oder neun Millimeter, das ändert in Wahrheit nicht viel: Für die Dürrekatastrophe, die Italien zurzeit heimsucht, ist alles nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
Seit Monaten hat es vor allem in Norditalien nicht richtig geregnet, stattdessen wird das Land von einer beispiellosen Hitzewelle geplagt. Viele Flüsse sind ausgetrocknet, die Feldfrüchte können mangels Wasser nicht wachsen und in den Elektrizitätswerken beginnt das Kühlwasser knapp zu werden. Nach den Wetterprognosen ist keine Besserung in Sicht - Italien steht am Rande einer Dürrekatastrophe.
Damm sichert Wasser
Schon der Pegel des Po, der großen Lebensader des italienischen Nordens, gibt Auskunft über die dramatische Situation. Mit 7,58 Meter unter normal liegt er so niedrig wie seit hundert Jahren nicht. Einstmals ein großer Strom, soll man an einigen Stellen jetzt das Flussbett durchwaten können.
Viele Zuflüsse sind praktisch versiegt, statt Wasser blitzen darin nur noch weiße Steine in der Sonne. Bei Piacenza haben Spezialisten in Nachtarbeit einen 200 Meter breiten Damm im Po errichtet, um so genug Wasser zu sammeln, um ein Elektrizitätswerk zu bedienen. Denn das ist eines der größten Risiken, welche die Trockenheit mit sich bringt: ein totaler Strom-Blackout.
Kraftwerke ohne Kühlung
Bereits in den vergangenen Wochen hatte es in Italien immer mal Probleme mit der Stromversorgung gegeben. Da blieben schon mal die Aufzüge stecken, weil es Schwankungen gab im überlasteten Netz. Bedingt durch die Hitze laufen allerorten Klimaanlagen, Ventilatoren und Kühlgeräte auf Hochtouren. Das hat den Stromverbrauch auf Rekordwerte getrieben, wie sie selbst im Winter bislang kaum erreicht wurden. Derweil können jedoch die Kraftwerke nicht genug produzieren - aus Wassermangel.
Schon vor Wochen war ein Dekret ergangen, wonach die Elektrizitätszentralen ihr Kühlwasser mit etwas höherer Temperatur wieder an die Natur abgeben konnten, als bislang gesetzlich erlaubt war. Die Anordnung wurde von Umweltschützern hart kritisiert, weil sie zu einer künstlichen Erwärmung der Flüsse führt. Doch mittlerweile ist das Dekret längst überholt, jetzt fehlt es überhaupt an Kühlwasser. In der Nähe von Mantua musste schon ein Kraftwerk mangels Wassers abgeschaltet werden.
Derzeit wird mit Sorge die Entwicklung beim Großkraftwerk Porto Tolle am Unterlauf des Po beobachtet. Das Pumpwerk der Anlage im italienischen Nordosten schöpft allein 40 Kubikmeter Wasser pro Sekunde aus dem Po, dafür liefert die Elektrizitätszentrale fünf Prozent des gesamten italienischen Strombedarfs. Sollte sie ausfallen, wäre mithin ein großflächiger Blackout gewiss.
Seen als Reservetanks
Politiker haben deshalb schon vorgeschlagen, aus den zahlreichen Seen im Norden Wasser abzulassen, um die Kraftwerke zu bedienen. Dagegen aber laufen die Tourismus-Manager Sturm, die Geschäftseinbußen befürchten, wenn etwa die Ufer des Gardasees unschöne Trockenheitsränder aufweisen. Unterdessen klagen die Bauern schon jetzt über Ernteausfälle in Millionenhöhe. Die Reisproduktion ist in Gefahr, weil die Felder nicht mehr genügend bewässert werden können. Im Veneto trocknen die Weinberge aus, an den Hängen des Gardasees fehlt Wasser für die Olivenhaine - in einzelnen Regionen wird mit bis zu 35 Prozent Ernteausfällen gerechnet.
Wasser vertropft nutzlos
Schuld daran ist allerdings nicht nur die Hitzewelle, sondern auch der Wasserverbrauch. Mit rund 290 Litern pro Tag pro Kopf haben die Italiener einen Rekordverbrauch. Da tropft's nicht nur daheim aus den undichten Leitungen, auch im öffentlichen Netz gehen 40 Prozent des Trinkwassers verloren. Die maroden Leitungen zu sanieren aber würde viele Milliarden Euro kosten; um den privaten Verbrauch einzudämmen, bedürfte es einer gründlichen Informationskampagne. Und so hat die Katastrophe in Wahrheit auch viel mit den vom Bischof zitierten "schwachen Söhnen" zu tun.
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