Tafel in Essen "Diese Aufregung, dafür ist mein Kopp zu klein"

Die Essener Tafel hat einen Aufnahmestopp für Migranten verhängt.

(Foto: dpa)
  • Die Tafel in Essen steht in der Kritik, seit bekannt wurde, dass sie jetzt nur noch Deutsche als Neukunden aufnehmen will.
  • Der Chef des Vereins begründet die Maßnahme damit, dass sich deutsche Rentner und alleinerziehende Mütter nicht mehr zu der Vergabestelle trauten.
  • Eine Tafelgängerin erzählt, Ausländer und Flüchtlinge würden sich nicht an die Regeln halten.
Von Christian Wernicke, Essen

Jörg Sartor ist ein bekennender Dickschädel. Der Chef der "Essener Tafel" streicht sich übers Kinn, dann blafft er los. Nein, er sei "kein Rassist", nur weil sein Verein beschlossen hat, als Neukunden vorerst nur noch deutsche Bedürftige bei der Verteilung kostenloser Lebensmittel zu akzeptieren: "Wenn wir was gegen Fremde hätten, dann wären hier nicht 75 Prozent Ausländer."

Dann sagt er, wie die Lage sei: Einheimische Tafelkunden, allen voran arme Rentnerinnen, kämen kaum mehr zum alten Wasserturm an der Steeler Straße, weil sie sich in der Warteschlange zwischen den vielen jungen, fremden Männern "einfach unwohl" fühlten. Die deutsche Oma, die alleinerziehenden Mütter sollen wiederkommen. Also sagt Sartor: "Ich werde nicht einknicken."

Besuch bei der Tafel in Essen

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Zustimmung aus den falschen Ecken

Er muss in diesen Tagen einem Sturm trotzen. Der ist über den 61-jährigen Rentner und seine 120 Freiwilligen hereingebrochen, seit bekannt wurde, was die Essener Tafel bereits im Dezember beschlossen hatte: Weil sich der Anteil nicht-deutscher Kunden seit 2015 von damals 35 Prozent mehr als verdoppelte, werden neue Bezugskarten für Brot, Milch oder Gemüse vorerst nur noch an Kleinrentner und Hartz-IV-Empfänger mit deutschem Pass ausgestellt.

Tafeln aus Köln, Düsseldorf oder Berlin kritisieren, die Essener Kollegen spielten "die Bedürftigkeit der Menschen gegeneinander aus". Nordrhein-Westfalens Sozialminister Karl-Josef Laumann (CDU) meldet "Zweifel" an. Vom Paritätischen Wohlfahrtsverband muss sich Sartor vorhalten lassen, er kippe "Wasser auf die Mühlen der Rechtspopulisten".

Sartor hält das für Quatsch: "Diese Aufregung, dafür ist mein Kopp zu klein." 181 Mails sind Freitagmorgen auf seinem Handy angekommen. Klar gebe es Zustimmung auch aus der falschen Ecke, aber mancher deute seine Gangart ebenso als Signal gegen die AfD: "Weil endlich mal einer Eier in der Hose hat." Wohlmeinende Ratschläge, die Essener hätten gesonderte Ausgabezeiten für Rentner einführen sollen, weist er zurück. Und getrennte Zeiten für Deutsche und Fremde? "Dasselbe in Grün", erwidert Sartor, "dann helfe ich am Tag hundert Türken - und den Hundertersten muss ich wegschicken."

Tafel ist eine freiwillige Hilfe, daraus leitet sich kein Anspruch ab

Die Essener deuten ihre Maßnahme als "Notbremse". So sagt es eine Tafelhelferin, während sie Paprika und Blumenkohl verteilt: "Wir sind zu allen gleich nett." Draußen vorm Eingang finden sich reihenweise Menschen, die diese Sicht teilen. Gudrun Haarmann zum Beispiel. Die arbeitslose Essenerin ist eine der 1800 Bezugskarteninhaber, wöchentlich versorgt die Tafel ungefähr 6000 Menschen. Nein, sie habe nichts gegen die Flüchtlinge, beteuert sie, aber die Fremden würden sich ständig vordrängeln und andere auch mal schubsen: "Wenn man was sagt, heißt es, ich sei ein Ausländerhasser."

Oder Detlef G., Hartz-IV-Empfänger, der von 886 Euro lebt: "Ohne die Tafel müsste ich Mülleimer durchwühlen." Neben ihm steht ein Rentner: "Ich schäme mich hier", sagt der Mann, "aber es ist richtig, dass erst mal wir Deutsche dran sind." An manchen Tagen, so erzählt er, "sind nur fünf oder sechs Bio-Deutsche hier - und 80 Prozent Migranten". An diesem Freitag sind hier nur wenige Menschen, denen man ihre Herkunft aus der Fremde ansieht. "Wir müssen Respekt zeigen", sagt eine junge Syrerin, "und uns an die deutschen Gesetze halten." Protest gegen die neuen Regeln der Tafel mag sie nicht äußern.

Als Ursache für seine Probleme macht Jörg Sartor ein Missverständnis aus: "Viele der Flüchtlinge glauben, sie hätten hier einen Anspruch auf Hilfe." Aber die Tafel sei nur eine kleine, freiwillige Hilfe, damit die Menschen anderswo sparen könnten: "Wenn wir die Tore schließen, muss hier niemand verhungern." Er sieht einen Verdrängungswettbewerb unter den Ärmsten: "Vielleicht haben wir zwei Jahre lang Deutsche benachteiligt - ohne es zu wissen." Sobald wieder mehr Einheimische zur Tafel kämen, werde der Ausländerstopp jedenfalls aufgehoben.

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