Herrliche Alternativen Zum Piepen

Da sollte man nicht um den royalen Brei herumreden, das sind Tatsachen: Was die britischen Royals so twittern, ist gähnend langweilig. Wie gut, dass es gefälschte Accounts gibt.

Von Claudia Fromme

Für die britischen Royals war es eine turbulente Woche. Die Queen zeigt sich zum 65. Thronjubiläum mit viel Wangenrot und den Saphiren, die ihr König George 1947 zur Hochzeit vermacht hatte. Camilla wird Patin eines Tierheims in Windsor und bedankt sich dafür. William, Harry und Kate laufen für gute Zwecke ein Stück beim London Marathon mit. Esme, 4, schenkt Prinz Charles ein selbstgebasteltes Buch mit Gebeten für den ewigen Thronfolger.

Das alles twitterten die Windsors, und für Monarchisten ist es die brutalstmögliche Selbstveräußerung, die schwer am Diktum des Ökonomen Walter Bagehot kratzt, der mahnte, dass Royals sich abschotten müssen, sonst sei ihr Mythos entzaubert.

Es ist aber, das muss man schon sagen, extrem langweilig, was die Royals so aus ihrem Leben twittern oder twittern lassen.

Wie viel erfrischender zeigt sich da die virtuelle Verwandtschaft zweiten Grades. "Kim Jong Un on the phone. Very upset that he's no longer the world's craziest leader. #Trump", twitterte Elizabeth Windsor diese Woche. Der nordkoreanische Führer befürchtet also, nicht mehr der verrückteste Staatschef der Welt zu sein. Auch schön, wie sich die Queen vor einem Besuch von Kates Eltern fürchtet, ist doch von der Mutter ein Hang zu unangebrachter Jovialität ("Sag Carol zu mir!") bekannt. Dem Vater werden rustikale Manieren nachgesagt, die darin gipfeln, dass er die Bratensoße vom Teller leckt: "We've got Mrs 'call me Carol' and Mr Middleton here for lunch today. One does wish Mr Middleton wouldn't lick the gravy off of his plate." Elizabeth Windsor alias @Queen_UK hat inzwischen 1,38 Millionen Follower, beschreibt sich als "Queen of everywhere" und als Gin-Fan. Natürlich ist das ein Fake-Account, aber ein sehr lustiger. Die echte Queen lässt retweeten, dass ihre Enkel beim Marathon für einen guten Zweck laufen, die falsche twittert an ihr Volk in Turnschuhen: "Könnt ihr ein wenig ruhiger sein, wenn ihr am Palast vorbeikommt? Ich habe einen unglaublichen Kater."

Die falschen Tweets der Royals sind inzwischen eine eigene Kunstform geworden, und natürlich mischt ein unautorisierter Charles mit, dessen Gegenstück im echten Leben ebenfalls ein ziemlich schräger Geselle ist. Mit 441 000 Followern stellt sich @Charles_HRH als "Future King" vor und gibt als Adresse Clarence House an, wo auch der echte Charles zu erreichen ist. Zur Inauguration twittert er: "Das Pentagon hat die Atomcodes geändert auf mehr als 140 Zeichen, damit Präsident Trump sie nicht twittern kann." Seine Spezialität aber sind Briefe jedweder Art. Den Geheimdienst MI5 fragte er, vorgeblich für einen Freund: "Kann man nichts tun gegen dieses schreckliche kleine Mädchen, Justin Bieber?" Und natürlich gibt es auch ein Billett an Trump, in dem er ihn bittet, vor dem Twittern doch nachzudenken. Seiner Frau Melania empfahl er, Michelle Obama als Redenschreiberin einzustellen, damit es keinen zweiten Fall von Plagiarismus gibt.

Das Genre der royal fake accounts blüht, es gibt eine beachtliche Zahl von Menschen, die unter den Namen der Hoheiten sehr Lustiges, manchmal aber auch auf dem Niveau von Schülerwitzen twittern. Zuweilen zum Schmunzeln bringen einen Harry als @Prince___Harry oder Prinz Edward als @Edward_HRH. Großartig ist Prinz George, Sohn von William und Catherine, inzwischen drei Jahre alt, aber immer noch unter dem Namen @IamRoyalBaby abrufbar. Der Thronfolger an dritter Stelle twittert zum Beispiel das offizielle Foto zum Kindergartenstart, auf dem er eher unglücklich aussieht. Es ziert der gefälschte Kommentar: "Erster Tag im Kindergarten. Umgeben von verdammten Bürgerlichen."

Wer sich hinter den alternativen Royals verbirgt, ist ein gut gehütetes Geheimnis. Bei der Queen und Prinz Charles immerhin führt die Spur zu einem Londoner Start-up, das nicht nur T-Shirts mit dem Aufdruck "Make America Great Britain again" vertreibt, sondern auch erfolgreich Bücher ihrer Stars verkauft. Die geheimen Memoiren der Queen heißen "Gin o'clock", Prinz Charles schreibt den "Guide to Great Britishness". In Großbritannien sind die Bücher Bestseller. Die wahren Autoren hinter Text und Tweets geben sich nicht zu erkennen. Ist es der Geschäftsführer des Start-ups, ein Werbetexter oder ein Journalist von einer der Zeitungen, in denen öfters Kolumnen von @Queen_UK erscheinen?

Insgesamt folgen mehr als zwei Millionen Menschen den alternativen Royals, was stattlich ist, auch wenn die echten Hoheiten mehr Fans haben: Charles und Camilla, die sich hinter @ClarenceHouse verbergen, haben 603 000 Follower, Königin Elizabeth lässt als @RoyalFamily 2,76 Millionen Fans mitteilen, was sich ganz allgemein im königlichen Haushalt so tut.

Das Großartige an den fake tweets ist dabei, dass sie lustig sind, aber nur bis zu einem gewissen Grad irre, was in schöner Regelmäßigkeit dazu führt, dass Botschaften für wahr gehalten werden.

Prinz Charles schreibt an Präsident Trump? Kann doch sein. Vor der Folie der wahren Windsors scheinen viele der Tweets immer im Bereich des Möglichen, denkt man einmal an Prinz Philip, den Gemahl der Queen, dessen Bonmots inzwischen Bücher füllen. Seine besten Sprüche haben es selten auf mehr als 140 Zeichen gebracht. "Stammen die meisten von Ihnen nicht von Piraten ab?", fragte er auf den Cayman Inseln einen Honoratioren. "Ich erkläre das Ding hier für eröffnet, was auch immer das ist", sagte er, als er in Vancouvers Rathaus einen neuen Anbau einweihte. Bei einem Besuch in Cardiff sagte er zu hörbehinderten Kindern, die neben einer karibischen Steelband standen: "Wenn ihr in der Nähe dieser Musik steht, ist es kein Wunder, dass ihr taub seid."

Die falschen Tweets sind eine Imitation der Realität. Befand nicht auch Aristoteles in seiner Poetik, dass alle Dichtung Nachahmung sei, und Menschen die Erfahrung dieser Nachahmung Freude bereitet? Die Fälscher haben auch darum so viel Erfolg, weil sie im Sinne klassischer Dichtkunst die Realität zeigen, wie sie sein könnte.

Demgemäß könnte es durchaus sein, dass der ehemalige Fußballprofi David Beckham derzeit sehr nachhaltig bei der Queen vorstellig wird, um doch noch von ihr zum Ritter geschlagen zu werden. Das stand öfters auf der Agenda, seit einigen Tagen aber stehen die Chancen schlecht, sind doch Mails aufgetaucht, in denen Beckham das Auswahlkomitee unflätig beschimpft. "Pleeeeeeeese nite me!" habe Beckham sie per SMS angefleht, twittert die falsche Queen. Ihre Antwort auf die Bettelei gibt es auch zu lesen, und sie erinnert sehr an den trockenen Humor der echten Queen: Sie gedenke ihn kurz nach dem Weltuntergang zum Ritter zu schlagen.