Hermes Phettberg

In den Neunzigern wurde der Österreicher zur Kultfigur. Dann setzte der ORF ihn ab, heute lebt er von Sozialhilfe. Die berührende und verstörende Geschichte eines vergessenen Fernsehstars.

Von Annett Scheffel

Fragt man Hermes Phettberg, was das Österreichischste ist, das Gewöhnlichste an ihm, dem ganz und gar ungewöhnlichen Menschen, dann sagt er, er sei "Wiegel-Wogel": unentschlossen. Bei ihm aber bedeutet dieser sanft über die Zunge springende Ausdruck etwas ganz anderes als bei den meisten anderen, weil es nichts mit der typisch abwartenden Haltung zu tun hat, an die man dabei denkt. Bei ihm bedeutet das: "Ich mache alles. Jederzeit." Und es bedeutet: Jeder kann mit ihm alles machen.

Der Mann, der in einem früheren Leben Pastoralassistent und Kanzlist war und Mitte der Neunziger für eine kurze, wilde Zeit lang Kult-Figur im österreichischen Fernsehen, der bekennende schwule Masochist, Provokateur, Fresssüchtige und Exhibitionist - er macht heute das, was er immer gemacht hat: Er hält sich verfügbar.

Er ist jetzt 62 Jahre alt, sitzt gekrümmt in seinem Rollstuhl auf der Terrasse eines Berliner Hotels, wirres Haar, fleckiges T-Shirt. Darunter drückt sich als Reihe spitzer, kleiner Beulen seine Wirbelsäule ab. Der ehemalige 170-Kilo-Koloss ist um ein Vielfaches leichter als zu Zeiten seiner legendären "Nette Leit Show". Eine ganze Generation liegt mittlerweile zwischen dem Höhepunkt seiner Karriere und heute. Seine Bewegungen sind schwerfällig, sein Gesicht eingefallen, sein Blick gleitet immer wieder schlaff hinab. Ein ums andere Mal richtet er ihn wieder hinauf zum Gegenüber, lächelt und bedankt sich. Er liebt es, wenn man ihm zuhört. "Freud wäre dagegen gewesen. Aber was soll ich machen, ich bin ein totaler Exhibitionist."

Es ist ein guter Tag im Leben des ewig Unglücklichen, der sich selbst als "Publizist und Elender in Wien" beschreibt. Es ist der Tag nach seinem vielleicht letzten großen Abendspektakel: Im Schlacke-Keller des Berghain, sonst Schwulenclub, wurde im flackenden Kerzenschein ein Dokumentarfilm gezeigt, den Sobo Swobodnik in Phettbergs Wohnung in Wien gedreht hat: "Der Papst ist kein Jeansboy". Und um der alten Zeiten - und den nie enden wollenden Obsessionen - willen ließ es sich Phettberg im Anschluss nicht nehmen, sich von vier jungen Männern in kurzen Jeans auspeitschen zu lassen. "Als Objekt einer perfekten Zeremonie (. . .) mit viel Weihrauchgeschwenke", wird er ein paar Tage später in seinem Online-Tagebuch schreiben, hatte er dort als lippenstiftverschmierter König im goldgelben Seidenkleidchen auf der Bühne gethront, mehr kauernd als sitzend, und selig gelächelt unter weihevollen Kirchenfenster-Projektionen. Es war eine Performance nach seiner Art: eine jener sadomasochistischen Kunstaktionen, mit denen er sich Anfang der Neunziger in Wiens linksintellektueller Schickeria einen Namen gemacht hatte. "Verfügungspermanenzen" nannte er das.

Gibt man bei Google seinen Namen ein, wird als Zusatz vorgeschlagen: "tot"

Swobodniks Film gibt ebenso verstörende wie berührende Einblicke in das Leben eines gefallenen und vergessenen Fernsehstars. Eine Woche lang besuchte der Regisseur Phettberg in seiner Wohnung in Gumpendorf im 6. Wiener Gemeindebezirk, beobachtete und befragte ihn. Bereits 2011 realisiert und mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet, soll der Film ab Juli auch in deutschen Kinos laufen. Es sei "ein Film über seine kleine Welt und sein Überleben", sagt Swobodnik.

Ein ungeschönter Blick in schönen, zarten Schwarz-Weiß-Bildern: Schmächtig ist Phettberg nach mehreren Schlaganfällen und einen Herzinfarkt geworden. Er sieht schlecht, kann nicht mehr lesen. Sein einst ununterbrochener Redefluss ist ins Stocken geraten. Er stottert, stammelt und stößt dumpfe Silben hervor. Verstehen tut man ihn nur mit Hilfe eingeblendeter Untertitel. Als "Österreichs bekanntester Sozialhilfeempfänger" lebt er von "Essen auf Rädern". Es ist still in seiner Wohnung, Freunde kommen nur noch wenige zu Besuch. Stattdessen hallt allzeit sein geliebter Radiosender Ö1 durch die Altbauräume. Abschalten müsse er nur, wenn Jazz laufe, sagt er, das mache ihn nervös.

Und er schreibt. Nach wie vor. "Phettbergs Predigtdienst" etwa, seine wöchentliche Kolumne für das Wiener Magazin Falter. Seit 2008 stellt er seine "Gestion" ins Netz: ein akribisch geführtes Onlineprotokoll seines Lebens - oder dem kleinen bisschen Rest, der davon noch übrig ist. Es ein unendlicher Strom aus mühsam getippten Worten, Ich-Kunde und philosophischen Gedanken, aufgelisteten Mahlzeiten und Träumen. Gibt man bei der Google-Suche "Hermes Phettberg" ein, ist "tot" der erste Begriff, den die Suchmaschine aus Zusatz vorschlägt. Die "Gestion" ist sein Weg zu sagen: Ich bin noch am Leben! Und es ist seine Überlebensstrategie: Weil er sich nur durch öffentliche Mitteilung - durch die eigene Veröffentlichung also - lebendig weiß. "Es macht mich wichtig", sagt er.

Es gab eine Zeit in den Neunzigern, da war er das ganz von selbst. Der Außenseiter mit Hauptschulabschluss, der "polymorph perverse" Hampelmann war plötzlich Fernseh-Kult. Zwischen 1995 und 1996 moderierte er "Phettbergs Nette Leit Show", die in seiner Heimat vom ORF und in Deutschland von 3Sat ausgestrahlt wurde. Mit seiner Körpermasse und den Zottelhaaren, mit verquerem Witz und erstaunlichem Fabuliergeist saß er da auf einer kleinen, schrulligen Bühne im trüben Rosa der Neonleuchten und ließ seine durchweg interessanten und schlagfertigen Gäste nicht zu Wort kommen. Lieber plapperte er völlig ungehemmt über eigene absurde Anekdoten oder sexuelle Befindlichkeiten.

Es war eine unwiderstehliche, uncharmante Zumutung: Eine Format-Verarschung, die das Fernsehen bis auf die Knochen der Peinlichkeit entblößte. Für Hermes Phettberg war es der Höhepunkt einer ganz und gar unwahrscheinlichen Karriere zwischen Kunst und Leben, die in den Achtzigern mit der Zurschaustellung der eigenen Exzesse begonnen hatte und mit verschiedenen Rollen in Kurt Palms Theatergruppe Sparverein Fahrt aufgenommen hatte. Aber der Höllentrip durch die Verwertungsketten des Fernsehens war schnell vorüber: Nach zwei Staffeln setzte der ORF die Show ab. Die Republik hatte gewartet, dass der Affe schön brav apportiert und lustig ist, wie Phettberg es 1996 in einem Interview mit dem Focus ausdrückte. Irgendwann wartete niemand mehr.

"Das tat weh", sagt Phettberg, viel mehr noch, als all die Erniedrigung und Zurückweisung, die er schon kannte. Viel mehr noch "als mit diesem winzig kleinen Schwanz durch Leben zu gehen". Auf der Berliner Hotelterrasse hat er - seiner zweiten großen Obsession nachgebend - den Kellner mehrmals um "Marillenkuchen! Marillenkuchen!" gebeten. Stattdessen bekommt er als leidlichen Ersatz einen Brownie vor seinen zusammengesunkenen, verformten Oberkörper gesetzt, immerhin mit viel Schlagsahne. Beim Sprechen rinnt ihm bald schokoladenbrauner Speichel die Mundwinkel hinab auf den verblichenen Stoff seines T-Shirts. Zwischendurch streicht ihm sein Betreuer immer wieder die Haare aus dem aschfahlen Gesicht.

Auch Sobo Swobodnik ist dabei. Die beiden Männer sitzen nicht nur für Hermes Phettberg am Tisch, sondern auch als Übersetzer für die Fragende. Bedingt durch die Schlaganfälle spricht der einst blitzgeschwinde Talkmaster nur noch eine eigenwillige Sprache: Nur mehr als Gebrabbel kommt sie über seine Lippen. Erst nach und nach versteht man einzelne Wörter und Satzteile. Die Gedanken, zu denen sie sich allmählich zusammensetzten, geben den Blick frei auf einen hochsensiblen Beobachter und idealistischen Menschenfreund - gescheit und fantasievoll, weise auf seine Art. Ein hellwacher Geist, der vergraben liegt unter der grotesken Hülle eines geschundenen Körpers.

Schöne kleine Sätze sagt er. "Die Frage ob es Götty gibt oder nicht, ist eine Todeslotterie." Auch wenn es ihm nie gelungen sei, an "Götty" - seine Art, bei Gott auf ein Geschlecht zu verzichten - zu glauben, so findet er, solle man doch unbedingt so leben, als ob es Götty gäbe. Er spricht über seine Liebe zu Thomas Bernhard und Pier Pablo Pasolini. Bei beiden hätte er eine Figur sein können: der "Untergeher" und Selbstvergeuder bei Bernhard und als Antiexistenz wider sexueller und katholischer Normierung. Und er erzählt hübsche, hintersinnige Geschichten aus seiner Kindheit in armen und so "unendlich gequetschten Verhältnissen" im dörflichen Niederösterreich. Wie die "Mami" des fünfjährigen Josef Fenz, so der bürgerliche Name, bitterlich weinte, als er sich auf dem teuer bezahlten Faschingsfoto vor lauter Nervosität als einziger weggedreht hatte: "Danach war es um so wichtiger, sichtbar zu sein."

Würde er noch einmal alles genauso machen mit seinem Leben, hätte er die Wahl? Noch einmal bedingungslos zur Schau stellen, Knecht sein und ewig Elender, aus dem Rahmen fallen und verstoßen werden? "Die einfachste Frage der Welt: Ja!", antwortet Phettberg. "Alle, die was geworden sind, sagen das. Und einem wie mir bleibt nichts anderes übrig, als Ja und Amen zu sagen, zu dem Scheiterhaufen, den man mir angerichtet hat." Er würde "jederzeit gern" noch einmal für alle den Affen geben. Weil er es ja doch zutiefst liebt, dieses quälend widersprüchliche, verpfuschte Leben des Hermes Phettberg.