Von Bernd Dörries

Im Heilbronner Polizistinnen-Mordfall verdächtigen die Ermittler nun eine seit 14 Jahren flüchtige Gewalttäterin. Doch das Motiv für den Polizistenmord ist weiter unklar. Musste die Polizistin sterben, weil sie für Scheinkäufe im Drogenmilieu eingesetzt worden war?

Wenn die Polizei nach gefährlichen Verbrechern sucht, spricht sie oft von der Gefahr durch eine "tickende Zeitbombe". Auch diesmal ist wieder davon die Rede. Eigentlich, so muss man aber sagen, tickt hier nichts mehr, denn die Bombe ist schon längst explodiert. Das erste mal vor 14 Jahren.

Bei einem Trauerzug in Böblingen im vergangenen April erweisen Beamte aus ganz Baden-Württemberg der getöteten Kollegin die letzte Ehre. (© Foto: dpa)

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Fast zwei Monate lang suchte die Heilbronner Polizei nach Spuren der Täter, die auf einem Festplatz in der Innenstadt zwei Polizisten in den Kopf geschossen haben. Eine 22-Jährige starb, ihr 24-jähriger Kollege wurde schwer verletzt. Er ist mittlerweile wieder aus dem Koma erwacht und ansprechbar, kann sich aber an die Tat nicht erinnern. Die beiden hatten in ihrem Dienstfahrzeug Mittagspause gemacht und wurden gezielt hingerichtet. Das Einzige, was die Polizei lange mit Sicherheit sagen konnte war, dass es sich um zwei Täter handeln müsse.

Nach wochenlangen Untersuchungen am Dienstwagen sei nun aber eine DNA-Spur gefunden worden, die zu den Tätern führe, teilte die Polizei am Samstag mit. Als die Fahnder das Material in den Computer eingaben und gemeinsam mit Kollegen aus dem Ausland abglichen, ergab sich eine Fülle von Treffern, der erste ist 14 Jahre alt. Damals wurde eine Rentnerin in Idar-Oberstein (Rheinland-Pfalz) erdrosselt und ausgeraubt. Die Tat wurde mit solcher Brutalität ausgeführt, dass die Ermittler erst von einem männlichen Täter ausgingen. Die gefundenen DNA-Spuren am Tatort stammen aber von einer Frau. Die Zeitbombe war offenbar das erste Mal explodiert.

Nach einigen Jahren Pause fand sich im Jahr 2001 wieder eine Spur der Gesuchten, in Freiburg wurde ein Frührentner erschlagen. Die Abstände der folgenden Taten wurden den Polizeiangaben zufolge immer kürzer: Einbrüche in Mainz und Offenbach, ein Autodiebstahl in Heilbronn. In den folgenden Jahren erweiterte die Gesuchte ganz offensichtlich ihren Aktionsradius, in Österreich hinterließ sie bei einer Diebstahlsserie entlang der Inntalautobahn Kleidungsstücke, noch im März dieses Jahres, einen Monat vor der Tat in Heilbronn, fanden sich ihre Spuren bei einem Einbruch nördlich von Linz.

Spur ins Drogenmilieu

Die Heilbronner Polizei spricht jetzt von einem "Durchbruch". Doch ist die Gesuchte so etwas wie ein Phantom: Die Ermittler können ihr zwar mehr als 20 Straftaten in Deutschland, Österreich und Frankreich zuordnen, eine Beschreibung oder Angaben zu Alter und Herkunft gibt es aber auch nach 14 Jahren nicht. Bereits im Jahr 2005 wurde in der Sendung "Aktenzeichen XY ungelöst" nach ihr gesucht. Eine im Oktober 2001 in der Eifel gefundene Einwegspritze mit den Spuren der Gesuchten legt nahe, dass sie dem Drogenmilieu entstammt und die Taten der Finanzierung ihrer Sucht dienen.

Die Polizei in Österreich hat bereits vor einigen Monaten einen Serben und einen Polen festgenommen, die offenbar zumindest zeitweise mit der gesuchten Frau als Trio auftraten. Bei 14 Verbrechen konnte DNA-Material sichergestellt werden, das der gesuchten Frau zugeordnet wird, an mindestens zwei Tatorten in Österreich finden sich Spuren aller drei Personen. Zum Zeitpunkt des Heilbronner Mordes saßen die beiden allerdings bereits in Haft, sagte ein Polizeisprecher in Linz am Sonntag. Die Verdächtigen seien derzeit nicht zu einer Kooperation zu bewegen.

Die Heilbronner Polizei hat nun zwar eine Spur, das Motiv für den Polizistenmord ist aber weiter unklar. Die beiden Polizisten wurden von den Tätern überrascht, hatten keine Zeit, ihre Dienstwaffen zu ziehen, die ihnen später entwendet wurden. Die Sonderkommission "Parkplatz" fahndete von Anfang an im Drogenmilieu, da die getötete Polizistin zuvor in Zivil zum Scheinkauf von Heroin eingesetzt worden war, was in einem Fall zur Verurteilung eines Dealerpärchens führte, das für die Tatzeit aber ein Alibi hat.

Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) hatte schon bald nach der Tat von einem gezielten Racheakt gegen die Polizei gesprochen, in Heilbronn wurde im vergangenen Jahr die offene Drogenszene zerschlagen und 28 Dealer festgenommen. Auch die Verdächtige war immer wieder in Heilbronn. Die Polizei könnte nun mit den Bildern ihrer beiden in Österreich festgenommenen zeitweiligen Begleiter eine öffentliche Fahndung starten, eine Entscheidung darüber war am Sonntag noch nicht gefallen.

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(SZ vom 18.6.2007)