Handyempfang Am Rande des Funklochs

Mexiko hat mehr als 120 Millionen Einwohner – aber nicht jeder hat es so leicht mit dem Telefonieren wie dieser Mann in der Hauptstadt.

(Foto: imago/ZUMA Press)

In den Bergregionen Mexikos haben die Indigenen ihr eigenes Mobilfunknetz aufgebaut, sonst wären sie völlig abgeschnitten gewesen. Doch jetzt ist diese neue Autonomie schon wieder in Gefahr.

Von Boris Herrmann, Rio de Janeiro

Mexiko heißt jenes seltsame Land, in dem der Unternehmer Carlos Slim trotz weit verbreiteter Armut zum reichsten Mann der Welt aufsteigen konnte. Leicht vereinfacht gesagt, gelang ihm das, indem er dem Staat Anfang der Neunziger das Telekommunikationsmonopol zum Freundschaftspreis abkaufte, um dann von seiner Kundschaft nicht ganz so freundschaftliche Preise zu nehmen. Wer heute in Mexiko (und in vielen anderen Ländern der Region) einen Anruf tätigt, egal ob Festnetz oder mobil, der trägt sehr wahrscheinlich zum sagenhaften Reichtum Slims bei. Umgekehrt gilt: Wer nicht genug umsetzt, der bekommt auch keinen Anschluss.

Das betrifft vor allem große Teile der indigenen Bevölkerung, deren Vorfahren dieses Land einst gegründet und aufgebaut haben, die Maya, die Nahua, die Azteken, die Zapoteken. Insgesamt rund zehn Prozent der gut 120 Millionen Mexikaner. Die meisten von ihnen leben heute nicht nur im übertragenen Sinn am Rande der Gesellschaft. Sie wohnen in entlegenen Bergregionen, vor allem in den ärmsten Bundesstaaten Chiapas und Oaxaca. Am Rande Mexikos. Slims unangefochtener Marktführer Telcel hält es für wirtschaftlich uninteressant, in diesen Gegenden in ein Mobilfunknetz zu investieren.

Es ist deshalb keineswegs selbstverständlich, dass man Keyla Mesulemeth, 35, auf dem Handy erreicht. Sie lebt in Talea de Castro, einem Bergdorf in Oaxaca. Ein Smartphone besitzt sie schon länger. Sie nutzt es vor allem zum Fotografieren und als Taschenlampe. Dort, wo das Netzwerk angezeigt werden müsste, hatte sie nie einen Strich. Mesulemeth findet aber: "Jeder hat das Recht, sich mitzuteilen."

Auf dieses Recht würden sie in Talea de Castro wahrscheinlich noch heute warten - hätten sie es sich nicht irgendwann einfach genommen. Talea ist das erste Dorf Mexikos, das sein eigenes Mobilfunknetz aufgebaut hat. Keyla Mesulemeth gehört zu den Pionieren und Organisatoren dieses Projekts. Es wird von einer Art genossenschaftlicher Vereinigung betrieben, den Telecomunicaciones Indígenas Comunitarias (TIC).

Weil es nicht darum geht, Profite zu machen, ist es für die Nutzer viel günstiger als die Angebote des Slim-Imperiums im Rest des Landes. Die monatliche Gebühr beträgt 40 Pesos, etwa 1,70 Euro. Dafür kann man beliebig viele Anrufe innerhalb des TIC-Netzes tätigen und SMS verschicken. Auch Anrufe in fremde Netze sowie auf Festnetztelefone im In- und Ausland sind stark ermäßigt. Die Einnahmen fließen zurück in die Gemeinde, sie werden für den Netzbetrieb und die Wartung verwendet. "Unser Leben hat sich dadurch grundlegend verändert", sagt Mesulemeth, "es ist eine kleine Revolution."

Talea de Castro lebt - mehr schlecht als recht - vom der Kaffee-Ernte. Bis vor Kurzem besaßen viele Einwohner nicht einmal einen Festnetzanschluss. Sie teilten sich einen Apparat im Gemeindezentrum, vor dem sich oft lange Warteschlangen bildeten. Viele telefonierten dort mit ihren entfernten Verwandten in Mexiko-Stadt oder in den USA. Für Kleinunternehmer, die ihre Produkte in der Regel aus der rund drei Autostunden entfernten Provinzhauptstadt beziehen, war es oft einfacher, sich ins Auto zu setzen, als eine telefonische Bestellung aufzugeben. "Man kann jetzt auch mal ein Mototaxi von zu Hause anrufen oder im Notfall einen Arzt", sagt Mesulemeth. Alles neu, alles revolutionär für sie.

Die Idee für diesen Aufstand der Unmündigen gibt es schon seit fünf Jahren. Ein junger, sozial bewegter Amerikaner namens Peter Bloom brachte sie aus Nigeria mit, wo er zuvor schon mit Community-Funk experimentiert hatte. In den ersten vier Jahren ging es vor allem darum, die technischen Probleme zu lösen. "Am Ende", erzählt Bloom, "waren es deutsche Hacker, die uns entscheidend geholfen haben." Er meint die Gruppe Osmocom aus Berlin-Moabit. Von dort stammt die Open Source Software, mit der die Nachfahren von Mexikos Ureinwohnern über den Umweg Nigeria jetzt doch noch in den Genuss des Telefons gekommen sind. Manchmal kann Globalisierung auch funktionieren.

Manchmal. "Die großen Konzerne wollen uns fertigmachen", haucht Mesulemeth ins Handy. Kurz nachdem das TIC-Netz fast störungsfrei funktionierte in Talea de Castro, kam auch der spanische Weltkonzern Telefónica auf die Idee, dort ein Signal anzubieten. "Von den ersten 800 Nutzern waren bald 750 wieder weg." Von diesem Exodus erholt sich die indigene Telefongemeinschaft erst allmählich. Mesulemeth wirbt im Dorf mit den TIC-Preisen und dem politischen Statement des Netzwerks: "Ein Ausdruck unserer Autonomie."

Aber diese Autonomie wird nun auch von politischer Seite bedroht. Im Juni 2016 hatte das mexikanische Bundesamt für Telekommunikation dem TIC-Netz eine befristete Funkkonzession erteilt. Inzwischen wird es von 3000 Menschen in 18 Dörfern genutzt, geplant ist die Ausweitung auf mindestens 350 Gemeinden. Die Behörden fordern dafür aber jetzt die üblichen Gebühren für die Frequenznutzung, die auch die kommerziellen Anbieter bezahlen. Es geht um eine Million Pesos, knapp 45 000 Euro - pro Jahr. Mesulemeth befürchtet, dass damit "alles zusammenbricht, was wir uns aufgebaut haben".

Peter Bloom klingt entspannter. Existenzbedrohend sei die Forderung nicht, aber unfair. "Unser Punkt ist: Wir sind ein Sozialprojekt. Wieso sollen wir Steuern bezahlen, wenn wir gar keine Gewinne machen?" Das wird demnächst vor einem Bundesgericht verhandelt. Es geht dabei auch um die Frage: Wie gerecht ist Mexiko?