Hamburger Türsteher Wer Ärger macht

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Und wie entscheiden Sie dann, ob jemand in den Club reinkommt oder nicht?

Ich möchte nicht nach irgendwelchen festen Vorgaben arbeiten, ich will auch keinen Dresscode umsetzen. Wenn man in einem Club arbeitet, in dem eine bestimmte Musik läuft, regelt sich das meist von selber. Was an der Tür für mich zählt: Ist jemand zu besoffen oder ist er unfreundlich? Dann kommt er nicht rein. Wenn man aber anfängt, Leute auszusortieren, weil sie anders aussehen oder weil man auf Nummer sicher gehen will, dass drinnen im Club alles gut ist, schafft man selber eine ungute Atmosphäre.

Wie erkennen Sie Leute, die Ärger machen könnten?

Oft erkennt man es schon an der Art, wie die Leute die Straße entlanggehen. Jemand, der etwas Schlimmes vorhat, schlendert nicht gedankenverloren herum. Er bewegt sich irgendwie eckiger, zielgerichteter. Auch so eine gewisse angespannte Haltung ist typisch: Schultern hoch, misstrauischer Blick. Jemand, der arglos einen Club betreten möchte, ist meistens ganz verblüfft, wenn ich ihn an der Tür aufhalte.

Damit wären wir beim nächsten Punkt. Ich spreche die Leute an der Tür einfach an, gehe ihnen ein bisschen auf die Nerven: Na, wie heißt du, was machst du so? Wenn mich jemand ganz offen und mit großen Augen anschaut, lasse ich ihn rein. Anders, als wenn sich jemand sofort in Abwehrhaltung begibt und fragt: "Was willst du von mir?" So eine Reaktion kann natürlich immer auch ein Zeichen von Unsicherheit sein. Deswegen frage ich dann oft nochmal nach: Alles klar bei dir? Wenn sich aber jemand gar nicht entspannt, sage ich: Heute nicht. Es ist ein ziemlicher Balanceakt.

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Gibt es auch schwere Entscheidungen?

Klar, an der Tür bin ich nicht als Freund der Gäste unterwegs. Viele von ihnen finden mich erst mal scheiße. Manchmal muss ich im Sinne des Betreibers auch Dinge tun, die eigentlich gegen meine Überzeugung sind. Zum Beispiel sage ich den Leuten immer, sie müssen auf ihre Taschen aufpassen. Meistens kommt dann eine pampige Antwort zurück: "Ich bin schon groß." Aber wenn doch etwas passiert, heißt es natürlich, in dem Club wird geklaut. Viele Gäste sind dann schon misstrauisch, wenn ein paar Männer im oder vor dem Club herumstehen, die sie für Taschendiebe halten - zum Beispiel, weil sie eine dunkle Haut haben. Zu denen muss ich dann hingehen und sagen: Könnt ihr ein bisschen vom Eingang weggehen, euch woanders hinstellen? Sonst bleiben die Gäste weg.

Oder wenn fünf Typen vor dem Club stehen, von denen ich weiß, dass sie kein Geld haben. Da muss ich sagen: Sorry Jungs, ich kann euch nicht reinlassen, ihr blockiert mir den Laden. Reine Männergruppen muss ich sowieso häufig wegschicken, weil ich auf die richtige Mischung im Laden achten muss. Am Anfang des Abends sind oft hauptsächlich Frauen da, dann kommen die Männer. Die sind irgendwann besoffen genug, um die Frauen anzuquatschen - bis die nach und nach gehen, weil sie darauf keine Lust haben. Am Ende hast du immer eine Herrensauna. Wenn durch den Männerüberschuss irgendwann gar keine Frauen mehr in deinen Club kommen, hast du ein Problem.

Hat sich die Situation auf dem Kiez für die Frauen denn in jüngster Zeit geändert?

Ich glaube, Frauen sind durch die Vorfälle von Silvester sensibler geworden für das allgemeine männliche Verhalten. Sie lassen sich bestimmte Dinge nicht mehr bieten - egal, aus welchem Kulturkreis die Männer kommen. Das finde ich gut. Noch besser fände ich es, wenn die Frauen mir Bescheid sagen würden, wenn sie belästigt werden. Leider gehen sie meistens einfach, ohne etwas zu sagen.

Manchmal, wenn ich durch den Club laufe, sehe ich, dass Frauengruppen so einen Abwehrkreis bilden, weil ihnen ein Typ zu nahe kommt. Ich gehe dann hin und frage: Kennt ihr den? Soll ich eingreifen? Das ist den Frauen oft sehr unangenehm. Ich weiß nicht, ob sie das Gefühl haben, sie denunzieren jemanden, wenn sie mich zur Hilfe rufen. Ob sie nicht schwach erscheinen wollen. Oder ob sie zu viel Angst vor den Typen haben.

Die größten Probleme machen übrigens nicht Flüchtlinge, sondern Anzugträger über 30. Das sind eigentlich gesetzte Typen, die gehen nicht mehr oft weg, aber wenn - dann wollen sie die Sau rauslassen. Und denken, sie können sich alles rausnehmen. Die tragen eine riesige Bugwelle von Selbstbewusstsein vor sich her und lassen sich nichts sagen.

Würden klare Verhaltensregeln für Männer helfen, so wie sie manche Clubs jetzt diskutieren?

Wir haben das mal probiert in einem Laden, in dem ich gearbeitet habe. Da habe ich mit der Geschäftsführerin Zettel auf die Toiletten gehängt. Auf dem in der Damentoilette stand: Wenn euch Typen zu nahe kommen, scheut euch nicht, uns anzusprechen. Das ist kein Denunzieren, wir wollen, dass ihr euch wohl fühlt. Wir sind für euch da. Bei den Herren stand: Wenn ihr angesprochen werdet auf euer Verhalten Mädels gegenüber - reißt euch zusammen, ihr kriegt nur eine Warnung. Gebracht hat es leider nichts. Daran bin ich fast ein bisschen verzweifelt.

Zur Person:

Viktor Hacker, 50 Jahre, ist Türsteher, Autor und Synchronsprecher. Mit zwei Kollegen veranstaltet er die Türsteher-Lesung "Zeit für Zorn?" und schreibt regelmäßig Kolumnen für den St. Pauli Blog des Hamburger Abendblatts.