Hamburg Aufpolierte Subkultur

Ein Bild aus vergangenen Tagen: Im Moment ist die Rote Flora hinter einem Gerüst verschwunden. Bald soll die Gebäudefront neu verputzt werden.

(Foto: Christian Charisius/dpa)

Die Rote Flora im Hamburger Schanzenviertel wird renoviert, 50 solidarische Handwerker wollen das heruntergekommene Gebäude schöner machen.

Von Thomas Hahn, Hamburg

Die Führung durch die Oase des anderen Denkens beginnt im großen Konzertsaal, dessen Wände derart voll und bunt sind, dass sie wie ein Dschungel aus wildgewachsener Kunst und systemkritischen Sprüchen wirken. Klaus und Marc vom linksautonomen Kultur-Zentrum Rote Flora gehen voraus. Sie zeigen die Werkstatt, in der vom aktuellen Umbau nichts zu sehen ist. Im Keller wirkt auch noch alles so, als verändere sich gerade gar nicht so viel in der Flora. Schummerlicht, zugesprühte Wände. Aber dann öffnet Klaus eine Tür, die in ein helles Treppenhaus führt, und sagt: "Hier fängt das Neue an."

Die Rote Flora wird renoviert. Die Fassade des früheren Musical-Theaters im Hamburger Schanzenviertel ist hinter einem Gerüst verschwunden. Bald beginnen 50 solidarische Handwerker und Handwerkerinnen aus dem ganzen Bundesgebiet damit, die Gebäudefront neu zu verputzen. Und das ist nicht nur deshalb eine Nachricht, weil damit eine der markantesten Sehenswürdigkeiten der Hansestadt ihr Äußeres verändert. Sondern auch, weil die Veränderung Fragen zum Selbstverständnis der linksautonomen Szene aufwirft.

Ergeben sich die Linksextremen der Bürgerlichkeit? Werden sie jetzt auf einmal spießig?

Vor 26 Jahren hatten Unangepasste und erklärte Staatsgegner die Theaterhausruine besetzt und danach gegen alle Begehrlichkeiten verteidigt. 2014 verkaufte Immobilienkaufmann Klausmartin Kretschmer das Gebäude wieder an die Stadt zurück, ohne dass er dort je etwas hätte anfangen können. Jetzt bekommt die Graffiti-Burg am Schulterblatt plötzlich Stuck und Einheitsfarbe. Nach einem Konzept des Künstlers Christoph Faulhaber wird auf dem Gerüst am 15. August sogar das "Phantom der Oper" aufgeführt, das in den Achtzigerjahren mal als Musical in der Flora geplant war und Proteste im Viertel provozierte. Ergeben sich die Linksextremen der Bürgerlichkeit? Werden sie spießig?

Eher nicht. Die Phantom-Geschichte ist eine einmalige Sache und als "ironische Überspitzung" angelegt, wie es auf der Internetseite des Theaterhauses Kampnagel heißt. Und die Renovierung zeigt allenfalls, dass auch radikale Kapitalismuskritiker die Zeichen des Verfalls erkennen. Die Fassade der Flora hat einen Anstrich aus den Siebzigerjahren, Feuchtigkeit setzt dem Gemäuer zu - die Renovierung ist eine glatte Notwendigkeit. Außerdem war die Rote Flora in ihrem Inneren kein besonders praktisches Gebäude. Die Autonomen wollten mehr Raum für Subkultur und politische Arbeit. "Das Neue", das Klaus ankündigt, als er die Tür im Keller öffnet, ist auch eine Botschaft. Die Flora-Besitzer von der Stadt sollen sehen, dass die Flora-Besetzer ihre Ziele mit ungebrochener Entschlossenheit verfolgen. Klaus sagt: "Dieser Ausbau ist ein Ausdruck für das, was wir wollen: nämlich bleiben."

Das helle Treppenhaus ist neu, es ermöglicht einen direkten Aufgang zum Büro. Der Café-Raum ist größer, die Küche renoviert. Der Bau hat eine zusätzliche Zwischendecke bekommen, zusätzliche Räume und Toiletten. Der Umbau ist irgendwie auch eine Leistungsschau des Kollektivs. Mit Spenden ist er finanziert, aber im Grunde ist alles selbst gemacht von Architekten, Schreinern, Stuckateuren und anderen Fachleuten, die der Flora verbunden sind. Wobei nicht alles gleich geht. Ein Rollstuhl-Aufzug fehlt. "Für den müsste noch Geld vom Himmel fallen", sagt Klaus.

Natürlich hat das Kollektiv lange über den neuen Anstrich diskutiert. Muss man vermeiden, dass er zu schön wird, damit das Haus die Aura des Unangepassten behält? Muss er gerade deshalb schön werden, damit er mit dem Klischee bricht, bei den Linksextremen könne nichts schön sein? Ergebnis: Die Flora wird erst mal schön. "Wenn man renoviert, sieht es erst mal ordentlich aus, das lässt sich nicht vermeiden", sagt Klaus. Aber danach werden sicher die Subkultur-Schaffenden mit Ideen und Sprühdosen kommen. Und dann wird die Flora bald wieder anders aussehen.