Wie damals, als er in der Vorweihnachtszeit 100 Euro - sein Geld war es ja nicht - an Leute mit niedrigem Einkommen bar auszahlen ließ, als "Teuerungsausgleich". Die Menschenschlange ist damals nicht kürzer gewesen als die, zu der sich die um Haider Trauernden nun am gleichen Platz formieren.

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Griasdi, griasdi, griasdi. Das war im Großen und Ganzen das Rezept im Land. Zum Beispiel hat er einfach einen oberösterreichischen Fußballclub mit Erstligalizenz gekauft, hierher übersiedelt, nannte ihn Austria Kärnten (es gibt bereits einen abgewirtschafteten FC Kärnten) und ließ ihn hier Bundesliga spielen. Das ist so, als wäre es dem Präsidenten von 1860 München in der zweiten Liga zu fad. Also kauft er Borussia Dortmund, nennt die Borussia sofort 1861 München und lässt sie in der Allianz-Arena in der Bundesliga kicken. Da kam die beleidigte Konkurrenz nicht mit. Wen bitte interessieren angesichts von 100-Euro-Handgeld denn Naserümpfen, Rechtsstaat, Waffen-SS, ordentliche Beschäftigungspolitik im Dritten Reich oder Besuche bei Saddam? Griasdi! Die Moderatorin Sonja Kleindienst verabschiedete sich ungefähr mit den Worten: "Liebe Kärntnerinnen und Kärntner, ich wünsche Ihnen so viel Kraft, wie Sie jetzt brauchen."

Ein Freund von vielen

Dass in Kärnten die Sonne untergegangen ist, wie Haiders Stellvertreter in der ersten Pressekonferenz sagte, mag eine dem Anlass entsprechend emotionale und verständliche Reaktion sein. Aber tatsächlich scheint die Sonne hier in Kärnten. Man muss nur hinschauen. Dass die Sonne hier so oft scheint, ist übrigens der Hauptgrund, warum ich all die Jahre in Kärnten geblieben bin. Und man sollte schon erwähnen, dass der Landeshauptmann keinem Attentat zum Opfer gefallen, keiner Krankheit erlegen, dass er nicht einmal von einem Autofahrer mit 142 Kilometern/h auf dem Heimweg abgeschossen worden ist.

Der Landeshauptmann hat sich vielmehr überschlagen und erschlagen.

Ein anderer politischer Repräsentant im Land - kein Parteifreund Haiders, aber wie so viele mit ihm befreundet - den ich beim Mittagessen im Schweizerhaus am Kreuzbergl getroffen habe, sagte mir, er sei jetzt sehr traurig. Haider sei aber letztlich so gestorben, wie er gelebt habe. Wie Lady Diana. Er sei einen Popstartod gestorben. (Man könnte freilich auch sagen: Immer auf der Überholspur - und dann übersehen, dass am rechten Rand die Bankette nicht befahrbar sind).

So singen wir jetzt ein Liadle - eben jenes, das Jörg Haider noch kurz vor seinem Tod höchstpersönlich für eine DVD-Produktion anstimmte: "Pfiat di, liabe Alm, da Summa is umma!"

Wenig später, ich saß noch beim Mittagessen, hat sich auch der Redakteur noch einmal am Handy gemeldet und mich um ein Statement für die Zeitung gebeten. "Eine menschliche Tragödie", habe ich gesagt, "mein Beileid der Familie und insbesondere der Gattin. Alles andere kann an diesem Tag nicht Thema sein." Es gab wenig Verkehr in der Klagenfurter Kreuzberglgegend am vergangenen Samstag. Die Autos krochen. Als ich einen Zebrastreifen über die Sterneckstraße betrat, blieb eines schon fünfzehn Meter vor dem Zebrastreifen stehen! Viele Leute standen offenbar wirklich unter Schock.

Rasende Wechsel von Themen, Trachten, Tonfällen

Nihil nisi bene: Wenn mich an Jörg Haider etwas wirklich verblüfft hat, dann war es einerseits sein Wandlungsreichtum, andererseits seine atemberaubende Geschwindigkeit: Er war schneller und wendiger als Mitbewerber, Konkurrenten, Kritiker. Er war unberechenbar und plötzlich, er war nicht zu erwischen. Bei Debatten wechselte er Themen und Tonfälle je nach dem Publikum, das anwesend war. Im Fall von Niederlagen war er nicht zu sprechen, um sie nicht bestätigen zu müssen. Abgewählt wurde er nie: Wenn Gefahr im Verzug war, schob er eine andere Figur vor, die er dann abservierte. Gewonnen hat immer er. Ich, den viele Ängste plagen, habe Angst gehabt vor einem, der auf die Frage, wovor er Angst habe, geantwortet hat: "Vor nichts". Wohin das führen soll, habe ich mich gefragt. Vielleicht hat der vorige Samstag eine Antwort gegeben.

Nicht nur Themen und Tonfälle, auch Trachten und Garderoben hat Haider rasend oft gewechselt. Allein die Fotos, die am letzten Tag seines Lebens, dem Landesfeiertag, von ihm geschossen wurden, zeigen ihn in zwei verschiedenen Kostümen: Den Kärntner Anzug für die Feierveranstaltungen untertags, DesignerDiscoklamotten für die Feierveranstaltung am Abend, die Blitzlichtparty, und dann die Familienfeier. Von Feier zu Feier zu Feier. Es mag viele Kärntner geben, die diesen Kärntner Anzug tragen, viele andere bevorzugen legere Kleidung. Aber es wird nur wenige geben, die am selben Tag in beide schlüpfen.

Gerade rufe ich eine Mail meines portugiesischen Übersetzers aus Braga ab, der hofft, "die Rechtsextremen mögen seinen relativ frühen Tod nicht dazu nützen, Haider zum Märtyrer zu machen", und der mich um detaillierte Informationen zu den Umständen bittet, die er im Minho natürlich nicht hat. Bevor ich mich an die Antwortmail nach Portugal mache, möchte ich hier noch den dritten Anruf festhalten, den ich am Todestag Haiders von einem guten Bekannten bekommen habe: In der Nacht vom 10. auf den 11. Oktober wurde fast auf die Minute genau zu dem Zeitpunkt, als Jörg Haider dort tot eintraf, im LKH Klagenfurt ein Kind geboren: ein kleines Mädchen, das, wie ich gehört habe, Angelina heißen soll: Engelchen.

Es ist die erste Nichtzeitgenossin aus Kärnten. Angelina war - Ironie des Schicksals - eine Frühgeburt.

Egyd Gstättner, 46, ist Schriftsteller und lebt in Klagenfurt. Im August erschien sein jüngster Roman "Der Mensch kann nicht fliegen" im Picus Verlag, Wien.

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(SZ vom 18.10.2008/grc)