Groundhog Day in Punxsutawney Und heute grüßt das Murmeltier

Einmal im Jahr erwacht das verschlafene Nest Punxsutawney im US-Staat Pennsylvania. Tausende sammeln sich dann in den frühen Morgenstunden, um Murmeltier Phil bei seiner Wettervorhersage zu beobachten. In diesem Jahr hatte der Nager keine gute Nachrichten.

Von Lena Jakat

Wer an einem ganz normalen Tag in das Nest mit dem unaussprechlichen Namen Punxsutawney [panksato:nie] kommt, an einem kühlen, aber sonnigen Novembertag zum Beispiel, erlebt ein im besten Sinne verschlafenes Nest: Amish fahren mit Einspännern durch die Straßen, walkende Ladys mit pinken Trainingsanzügen und fliederfarbenem Haar drehen ihre Runden. Ein Hotel gibt es hier, eine einzige Kneipe, eine Politesse, die schon nach wenigen Stunden für die Auswärtigen mit dem seltsamen Nummernschild ein Auge zudrückt - und, tief im Stroh hinter einer Glasscheibe am Gemeindezentrum vergraben, ein Murmeltier.

Am 2. Februar aber ist gar nichts normal in Punxsutawney. Lange Autokolonnen schieben sich dann durch den Ort, Tausende Menschen strömen im Morgengrauen zu Gobbler's Knob, einem Festgelände am Rande des Ortes. Und schuld daran ist das Murmeltier: Punxsutawney Phil. Phil ist es, der das Nest im Osten der USA jedes Jahr für einen Tag in den Mittelpunkt der nationalen, wenn nicht gar internationalen Aufmerksamkeit rückt. Denn Phil, so wenigstens will es die Legende, hat prophetische Fähigkeiten, das Wetter betreffend.

Einmal im Jahr verlässt das Murmeltier seinen Stall am Stadtplatz von Punxsutawney, um am Gobbler's Knob in einem hohlen Baumstumpf zu verschwinden. Zeitgleich holen ein gutes Dutzend Männer Smoking, Fliege und Zylinder aus dem Schrank, um sich derart aufgeputzt ihrerseits zu Gobbler's Knob zu begeben.

Bill Deeley bahnt sich an diesem kühlen Donnerstagmorgen um kurz nach sieben an der Spitze dieser seltsamen Gruppe den Weg durch die Masse an Schaulustigen. Er ist der amtierende Präsident des "Inner Circle" von "Phil's Club" und der einzige, der "Groundhogese" beherrscht - Murmeltierisch. Und so beugt sich im Morgengrauen auf einer Bühne mitten im Wald von Pennsylvania der große Mann mit dem runden, rosigen Gesicht zu dem kleinen Murmeltier herab und lauscht. Wenig später verkündet Deeleys Vize Mike Johnston stellvertretend für Nager Phil (den "Seher der Seher, Weissager aller Weissager") folgende Botschaft: "Many Shadows do I see, so six more weeks of winter it must be!" Hätte das Murmeltier nur diese vielen Schatten - und vor allem seinen - nicht gesehen. So aber bleibt es auch in den kommenden sechs Wochen winterlich. Ein enttäuschtes Raunen läuft durch die Menge, dann beginnt diese sich an den Rändern bereits aufzulösen. Die Reisebusse warten.

Natürlich spricht Phil nicht wirklich, und wie auch immer seine Weissagungen zustande kommen - ob beim Stammtisch des Inner Circle oder durch andere geheime Rituale - meistens (zu etwa 60 Prozent) liegt er mit seiner Wettervorhersage auch noch daneben. Doch Tradition ist Tradition, und die ist mit 126 Jahren für US-amerikanische Verhältnisse sehr alt. Sie soll mit den ersten deutschen Siedlern nach Pennsylvania gekommen sein und auf Bauernregeln zu Mariä Lichtmess zurückgehen. Und sie wird noch immer eifrig hochgehalten. Kein Schritt lässt sich in Punxsutawney tun, ohne Phil zu begegnen: Als bunt lackierte Skulptur auf dem Gehweg, als Grafitto an Häuserwänden, ja sogar im Wappen der örtlichen Polizei.

Übernachten bei Bill Murray

Weltweiten Ruhm erlangten das Tier Phil und seine Heimat Punxsutawney natürlich durch die Komödie Groundhog Day (Und täglich grüßt das Murmeltier). Im Film gibt Bill Murray einen übellaunigen TV-Reporter, der ausgerechnet am 2. Februar in Punxsutawney in ein Zeitloch fällt und den Murmeltiertag immer und immer wieder erleben muss. Dass der Film überhaupt nicht in Pennsylvania gedreht wurde, tut dabei nichts zur Sache. Ungeachtet dessen gibt es im örtichen Pantall Hotel nicht nur antike TV-Geräte mit Drehknopf, sondern auch eine Bill Murray Suite.

Kein Zweifel: Punxsutawney verlöre mit Phil seine Identität - und so muss der Vorschlag der Tierschutzorganisation "Peta" die Bewohner des Ortes getroffen haben wie ein Schlag ins Gesicht: "Es ist schlimm, dass Phil dieser stressigen Tortur allein zur Bespaßung der Menschen ausgesetz wird", zitierte Spiegel Online kürzlich Peta-Sprecherin Carrie Snider. Die Organisation will das Murmeltier tatsächlich durch einen Roboter ersetzen. "Wir glauben nicht, dass die Tradition dadurch in Mitleidenschaft gezogen wird", argumentiert Snider. Die Bewohner von Punxsutawney, die Tausende Besucher, die alljährlich zum Gobbler's Knob strömen und die Million Zuschauer, die das Spektakel im Fernsehen verfolgen, dürften da entschieden anderer Meinung sein.

"Albern", findet Ron Ploucha, seit 15 Jahren Mitglied des "Inner Circle" den Vorschlag der Tierschützer. Nichts deutet darauf hin, dass er und seine Kollegen sich über dieses Statement hinaus mit der Roboter-Idee auseinandersetzen werden. Und so können sich Auswärtige, die es nach Punxsutawney verschlägt, wohl weitere 126 Jahren darauf freuen, in der Kneipe im Pantall Hotel bei Bier und Jägermeister mit dem ein oder anderen Mitglied des Murmeltierclubs zu plaudern. Über das Wetter, die deutschen Vorfahren - und natürlich über Phil.