Großbritannien Pflaumenkuchen

Früher, vor dem Brexit, brauchte er keine Papiere, um sich deutsch zu fühlen: James Mendelssohn.

(Foto: Privat)

Der Physiker Kurt Mendelssohn floh einst vor den Nazis nach London. 84 Jahre später will sein Sohn James Deutscher werden: Weil er sich als Deutscher fühlt, sagt er. Aber die Sache ist ziemlich kompliziert.

Von Julia Ley

Wenn er wählen könnte, dann wäre James Mendelssohn Deutscher, Europäer und Brite, und zwar in dieser Reihenfolge. Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass er seit seiner Geburt in Großbritannien lebt. Er ist 71.

James Mendelssohn, weißes Haar, er spricht ein wohlüberlegtes Englisch, ist ein Nachkomme jener jüdischen Familie von Intellektuellen, Musikern und Bankiers, die Deutschland lange geprägt hat - und von den Nazis vertrieben wurde. James' Vater Kurt Mendelssohn floh 1933 nach England, und jetzt, 84 Jahre später, will der Sohn zurück. Er will Deutscher werden. Nur: Wie es derzeit aussieht, wollen die deutschen Behörden das nicht.

Die Geschichte von James Mendelssohn ist speziell, einerseits, wegen seines Namens, seiner Herkunft. Zugleich ist sie exemplarisch: Für eine größer werdende Gruppe von Briten, deren Eltern und Großeltern einst von den Nazis vertrieben wurden, und die jetzt zurückwollen. Ein bisschen Schuld daran ist auch der Brexit.

James Mendelssohn hat das Pech, dass sein Vater damals Glück im Unglück hatte

Im Frühjahr 2016, vor dem Brexit-Referendum, war James Mendelssohns Schwester Monica bei Freunden, alle jüdisch, noch glaubte niemand, dass die Briten für den Austritt stimmen würden. "Zur Not werde ich Deutsche", witzelte jemand, es war ein Spaß. Dann stimmten die Briten ab. Die Zahl der Anträge britischer Bürger, die Deutsche werden wollen, stieg sprunghaft an. In den Monaten vor dem Referendum waren es nie mehr als zehn pro Monat - allein im August 2016 waren es 132. Im Jahr 2017 liegt die Zahl weit jenseits der 1000.

Die meisten von ihnen berufen sich auf ein Gesetz, das mehr als 70 Jahre alt ist: den sogenannten "Wiedergutmachungsparagrafen". In Paragraf 116 des Grundgesetzes, Absatz zwei, steht: "Frühere deutsche Staatsangehörige, denen zwischen dem 30. Januar 1933 und dem 8. Mai 1945 die Staatsangehörigkeit aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen entzogen worden ist, und ihre Abkömmlinge sind auf Antrag wieder einzubürgern." James Mendelssohn und seine Schwester wurden nie selbst vertrieben, sie wurden wie viele andere Antragsteller in England geboren. Aber weil das Gesetz Nachkommen explizit einschließt, haben viele jüdische Briten auch heute noch einen Anspruch.

Die Mendelssohns haben nicht nur Deutschland geprägt, sondern Deutschland hat vor allem sie geprägt, so sieht es James Mendelssohn. Das war auch vor dem Brexit so, sagt er, nur musste er seine Zugehörigkeit da niemandem beweisen. In einem grenzenlosen Europa konnte er sich ohne Papiere deutsch fühlen.

Im Frühjahr 2017 stellt auch James Mendelssohn den Antrag, die Behörden sind hilfsbereit, doch in den Archiven findet sich nicht viel: ein, zwei Aktenvermerke, ein paar Dokumente. Dass Mendelssohn einmal Deutscher war, ist nicht wirklich strittig. Am Ergebnis, das die Behörde ihm im Juni 2017 auf zwei Seiten mitteilt, ändert das nichts: Abgelehnt.

"Der Zweck des Artikels 116 Absatz 2 besteht darin, eine durch eine Ausbürgerung entzogene oder vorenthaltene deutsche Staatsangehörigkeit wiederherzustellen", heißt es in dem Schreiben der deutschen Behörden. Bedeutet: Weil James Mendelssohns Vater nie formal ausgebürgert wurde, kann der Sohn nicht wieder eingebürgert werden. Flucht hin oder her. James Mendelssohn hat, wenn man so will, das Pech, dass sein Vater damals Glück im Unglück hatte. Ab November 1941 bürgerten die Nazis alle im Ausland lebenden Juden zwangsweise aus. James Mendelssohns Großvater passierte genau das - seinem Vater nicht. Kurt Mendelssohn, ein brillanter Physiker, floh früher und wurde 1939 von den Briten eingebürgert, den deutschen Pass musste er abgeben.

Nach dem Krieg war da auch die Frage, wie man umgehen soll mit jenen Deutschen, die von den Nazis vertrieben worden waren. Die Verfasser des Gesetzes zur Wiedereinbürgerung wollten das Unrecht zwar rückgängig machen, das Deutsch-Sein aber auch keinem Vertriebenen aufzwängen. Also einigte man sich auf einen Kompromiss: Wer zwangsausgebürgert worden war, hatte Anspruch auf Wiedereinbürgerung. Ein Antrag genügte.

Auch Kurt Mendelssohn hätte jederzeit wieder Deutscher werden können, wenn er gewollt hätte; zwar nicht mithilfe des Paragrafen 116, für Fälle wie ihn gab es andere Regelungen. Die Nachkommen aber werden heute nur berücksichtigt, wenn die Eltern tatsächlich zwangsausgebürgert wurden. Michael Newman, Leiter der britischen Association of Jewish Refugees, kann das nicht verstehen. Antragsteller seien so davon abhängig, wie ihre Eltern nach dem Krieg zu Deutschland standen. "Der Paragraf muss reformiert werden", sagt er.

Als Kurt Mendelssohn im April 1933 in England ankam, war er noch keine 30. Die Fotos aus der Zeit, die James Mendelssohn in seinem Haus nun aus einer alten Kiste hervorkramt, zeigen einen gut aussehenden jungen Mann: die Haare gescheitelt und mit Pomade nach hinten gekämmt. Ein aufstrebender Physiker aus Berlin, zusammen mit seinem Cousin Franz Simon hatte er in Breslau einen der ersten Helium-Verflüssiger entwickelt. In Oxford interessierte man sich für ihre Forschung, doch er wollte Deutschland nicht verlassen: Die Universität Breslau war damals für Physiker wesentlich renommierter.

Als Hitler wenige Wochen später an die Macht kam, war die Gefahr jedoch nicht mehr zu übersehen. Juden wurden auf der Straße angegriffen, an Ostern 1933 entging Mendelssohn selbst einem Übergriff nur knapp: Ein SA-Trupp kesselte am S-Bahnhof Potsdam-Babelsberg Menschen ein. Kurt Mendelssohn entkam. Und verließ am selben Tag das Land.

Jahrzehnte später schrieb er in einem Aufsatz: "Als ich aufwachte, schien die Sonne in mein Gesicht. Ich hatte tief, lange und gut geschlafen - zum ersten Mal seit Wochen. Die Nacht zuvor war ich in London angekommen und erstmals ohne die Angst zu Bett gegangen, dass um vier Uhr morgens eine Gruppe SA-Männer vorfahren und mich mitnehmen würde."

Beruflich war England für Kurt Mendelssohn ein Glücksfall, er stieg bis zum Vizepräsidenten der Physikalischen Gesellschaft auf. Ein Vertriebener blieb er trotzdem, bis zuletzt fühlte er sich deutsch.

Ein Gefühl, das sein Sohn teilt, bis heute. Warum? James Mendelssohn zeigt auf den Teller, von dem er isst: "Pflaumenkuchen." Er sagt es auf Deutsch. Es ist ein altes Rezept seiner Mutter. Zuhause, das ist für ihn bis heute Kartoffelsuppe und Würstchen und der Geruch von eingelegten Salzgurken. Ein Geruch, den seine Klassenkameraden nicht kannten. Worin genau sein Anderssein lag, verstand er erst, als er mit dem Vater das erste Mal nach Berlin reiste, irgendwann in den Sechzigern.

"Es war seine Stadt", sagt James Mendelssohn. "An jeder Ecke blieb er stehen." Auch ihm selbst kam diese Stadt vertraut vor. Als würde ein Teil von ihm, der nie ganz gepasst hatte, sich plötzlich nahtlos in die Umgebung einfügen. Wie ein Puzzlestück. Die Spuren seiner Vorfahren fand er später oft: Mal stieß er auf das Mendelssohn-Bartholdy-Denkmal in Hamburg, mal suchte er im Jüdischen Museum in Berlin nach dem Namen Moses Mendelssohn und fand nicht ein, zwei Exponate - sondern einen ganzen Raum.

Noch hat James Mendelssohn nicht aufgegeben, seine Chancen aber stehen schlecht. Die Frage ist also jetzt: Ist da keine Wut auf dieses Land, das seine Eltern vertrieben hat? James Mendelssohn lächelt, fast unmerklich. Er hat diese Antwort schon lange parat, vielleicht viel länger, als es den Brexit gibt. "Ich habe den Deutschen immer nur eins übel genommen", sagt er. "Dass sie mich nie als einen der Ihren gesehen haben."