Gewalt in Lateinamerika Brasiliens barbarische Bilanz

1,1 Millionen ermordete Menschen in den vergangenen 30 Jahren, allein im vergangenen Jahr 50.000 Morde. Das sind vier pro Stunde. Brasilien leidet unter einer grassierenden Seuche: der Gewalt.

Von Peter Burghardt

Vor allem gute Nachrichten kommen zurzeit aus Brasilien, dem Aufsteiger des Westens. Das größte Land Lateinamerikas wächst zur internationalen Wirtschaftsmacht und nutzt seine Möglichkeiten: Vor der brasilianischen Küste wurden gewaltige Ölreserven entdeckt, das Land veranstaltet 2014 die Fußball-Weltmeisterschaft und Rio de Janeiro 2016 Olympia. 16 Millionen Brasilianer haben zuletzt den Sprung aus der Armut in die Mittelschicht geschafft - das alles verbreitet Optimismus. Dass gleichzeitig die Gewalt mancherorts ein Problem ist, war immer bekannt, doch nun macht eine erschütternde Bilanz die Runde: Laut einer Studie wurden in Brasilien in den vergangenen 30 Jahren fast 1,1 Millionen Menschen ermordet. Allein 2010 waren es annähernd 50.000 Morde. Das sind 137 am Tag. Vier in der Stunde.

"In Brasilien wurden viel mehr Menschen getötet als in einem bewaffneten Konflikt", sagt Julio Waiselfisz vom Institut Sangari in São Paulo, das die Studie mit Statistiken aus dem Gesundheitsministerium erstellt hat. Der Bürgerkrieg in Guatemala zum Beispiel habe 400.000 Leben gekostet, der in Angola 500.000. Und während die Statistik für Deutschland 0,9 Morde je 100.000 Einwohner ausweist, waren es 1981 in Brasilien 11,7 Morde je 100.000 Einwohner, zuletzt stieg dieser Wert auf 26,2. Dabei leidet Brasilien weder unter ethnischen noch religiösen oder politischen Konflikten wie Irak oder Afghanistan. Das Land hat fast nie Krieg geführt, ist Industrienation, Agrarland, Ferienziel, Naturparadies, zunehmend populär für Investoren. Aber die sozialen Gegensätze in Brasilien sind trotz aller Verbesserungen immens. Und vor allem gibt es zu viele Waffen: etwa 16 Millionen, und 14 Millionen davon in den Händen von Zivilisten.

Die Polizei greift durch, doch Sicherheitsfirmen boomen

35.233 der brasilianischen Opfer des vergangenen Jahres wurden erschossen, die meisten mit Pistolen und Gewehren nationaler Marken. Zwar ging die Zahl der durch Kugeln Getöteten dank einer Entwaffnungs-Kampagne nach 2004 zurück; aber noch immer greifen viele im Konflikt zur Waffe. In den Metropolen Rio und São Paulo ist die Zahl schwerer Verbrechen deutlich gesunken, was damit zu tun hat, dass die Polizei einige Slums besetzt und Drogengangs vertrieben hat. Dafür nahm die Kriminalität in nördlichen Städten wie Salvador oder Belém erheblich zu. Und in der erweiterten Nachbarschaft geht es noch ärger zu: Trotz Wirtschaftswachstum und Demokratie bleiben viele Länder Lateinamerikas Bastionen der schnellen Schützen, und Sicherheitsfirmen boomen.

Venezuela zum Beispiel registriert pro 100.000 Einwohner noch mehr Morde als Brasilien. 2010 waren es dort insgesamt mehr als 17.000. Ähnlich ist es in Kolumbien, wo 15.000 Menschen getötet wurden, obwohl die Guerilla zurückgedrängt wurde und Anleger das Land entdecken. Hoch ist der Blutzoll auch in Mexiko - und noch höher in Zentralamerika: Dort ereigneten sich 2006 laut Weltbank 14.000 Morde und damit 40 Mal so viele wie in Spanien, das ähnlich viele Einwohner hat. Honduras hat mit 82,1 Morden pro 100.000 Bürger die höchste Horrorquote der Welt, gefolgt von El Salvador (66 Morde pro 100.000 Einwohner). Das liegt auch an Jugendgangs, Rauschgiftmafia und korruptem Staat. Viele Drogen landen in den USA, zurück kommen Geld und Waffen.

Brasiliens Wähler lehnten das Verbot privaten Waffenbesitzes 2005 ab. Für die Fußball- WM, so heißt es, will der Weltverband Fifa aber jenen Brasilianern verbilligte Tickets anbieten, die ihre Schießwerkzeuge abgeben.