Reisen nach Äthiopien und die "Costa Concordia" Der Tod reist mit

Das fatale Auflaufen des Kreuzfahrtschiffes vor Giglio und die Gewalt in der afrikanischen Einsamkeit zeigen, dass auch die schönsten Reiseträume böse enden können: Weil möglichst vielen Menschen möglichst viel Unterhaltung geboten werden soll. Und weil Urlauber aus der reichen Welt auf die Einwohner der armen Welt treffen.

Von Matthias Drobinski

Reisen ist Sehnsucht nach dem Unendlichen. So hat es Friedrich Schlegel gesagt, der Dichter der Romantik, und als er im Jahr 1803 mit der Kutsche Richtung Paris rumpelte, da war das Reisen ein Privileg der wenigen, der jungen Adeligen auf Kavaliersreise und der Abenteurer wie Lord Byron, der immer fliehen musste vor dem Beständigen und vor den Gläubigern. Die anderen blieben daheim.

Der Bauer aus der Oberpfalz im Dorf der Eltern und Großeltern, der Arbeiter aus Paris in dem Arrondissement, in das es ihn gespült hatte. Der Horizont der meisten Menschen waren der Kirchturm und der Tellerrand.

So gesehen ist die Demokratisierung des Reisens eine große Kulturleistung. Wer in Deutschland (und den meisten anderen Ländern des Westens) ein halbwegs durchschnittliches Einkommen hat, kann andere Länder und Kulturen kennenlernen oder sich wenigstens warme Mittelmeersonne auf den Bauch scheinen lassen. Weltweit hat die Reiseindustrie die meisten Beschäftigten, sie ist auch eine der umsatzstärksten Branchen.

Zwei von drei Deutschen wollen, in welcher Form auch immer, dem Alltag entkommen. Als einst Finanzminister Peer Steinbrück riet, am Urlaub zu sparen und das Geld in die Altersversorgung zu stecken, prasselte die Empörung auf ihn hernieder: Die Urlaubsreise gilt den Deutschen als Menschenrecht und als Form der säkularen Sinnstiftung.

Die Branche, die diese Träume vermarktet, ist fein ausdifferenziert; die Reiseunternehmen sind bestens funktionierende Traumfabriken. Nur manchmal geht etwas schief. Da bricht das Unerwartete ins Idyll, Gewalt, Tod sogar, unheimlich und jeden berührend, der je auf eine Reise gegangen ist. Ein Kreuzfahrtschiff fährt vor der italienischen Insel Giglio auf Grund, kippt zur Seite, Menschen, die gerade noch geschlafen oder gefeiert haben, ertrinken. Banditen, von woher auch immer, erschießen fünf Touristen in der äthiopischen Danakil-Senke.

Der Tod im Bauch des Kreuzfahrtschiffes, der Mord in der afrikanischen Einsamkeit - dies sind Hiobsbotschaften von den entgegengesetzten Enden des demokratisierten Reisens. Die Costa Concordia war das Sinnbild der pauschalen Kreuzfahrt, eines der größten Schiffe des größten Anbieters in diesem Segment, der wachsen und ein jüngeres Publikum binden will, mit Sport und Animation. Sie war eine schwimmende Stadt des Selbstreferenziellen und der Selbstbeschäftigung, deren größter Feind die Langeweile ist.

So endete auch das Schiff: Für ein bisschen Abwechslung fuhr es nicht links, sondern rechts an der Insel vorbei, schon knirschte es im Rumpf. Alle Vergleiche mit der Titanic sind unangebracht: Die Titanic sank als Opfer hybriden Fortschrittsglaubens; ihr Scheitern war ein Menetekel. Die Costa Concordia endete in einer banalen Groteske, über die man, wären nicht Menschen gestorben, sehr lachen könnte. Die Reisenden in Äthiopien dagegen gehörten zu jenen individualisierten Abenteurern, denen das Entlegene nicht abgelegen genug ist.