Radfahren macht schön, gesund und sinnlich - eigentlich würde alles besser, wenn die Menschen öfters zwanglos in die Pedale träten.
"Bei keiner anderen Erfindung ist das Nützliche mit dem Angenehmen so innig verbunden, wie beim Fahrrad", sagte Adam Opel mal. Leider hat Opel selbst dann ein Fahrzeug erfunden, bei dem das Nützliche mit dem Unangenehmen so innig verbunden ist wie nirgends sonst.
BMX-Fahrer leben mitunter gefährlich - für alle anderen ist Radeln sehr gesund (© Foto: AP)
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Plastiksitzgestank, Blechmüll, Benzin, und warum schauen die nur immer alle so hämorrhoidial in ihren Autos? So gehetzt und grundsätzlich benachteiligt? Warum fahren sie nicht einfach mit dem Rad? Sie wären gleich viel schöner.
Mit dem Radeln ist es wie mit dem Umweltschutz. Es gibt Studien en masse. Fettverbrennung, Durchblutung, Sauerstoffaufnahme, Cholesterinwerte, Abwehrkräfte, Brustkrebsrisiko, Wohlbefinden - eigentlich alles wird besser, wenn man Rad fährt.
Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO wären 95 von 100 Bypassoperationen überflüssig, wenn die Patienten nur öfter das Fahrrad benutzt hätten. Was aber machen die verwirrten Menschen, die wochentags ihren Körper durch den Büroalltag schleppen wie eine Alditüte und dann abends stumpf vorm Fernseher hocken und von solchen Studien hören? Sie gehen hin und kaufen sich ein Rennrad, also eines von diesen heillos in sich selbst hineingekrümmten Geräten.
Wichtig: das passende Rad finden
Ingo Froböse von der Sporthochschule Köln könnte graue Haare kriegen, wenn er das sieht. Er hat herausgefunden, dass Radfahren so gesund für den Rücken ist, weil es die Muskelgruppen an der Wirbelsäule kräftige, die für die Stabilisation sorgen.
"Die Körperposition ist letztendlich verantwortlich für die Belastung auf dem Fahrrad. Je aufrechter ich bin, desto schlechter trainiert kann ich sein. Umgekehrt setzt ein Rennrad einen hohen muskulären Trainingszustand voraus." Weshalb das Dümmste überhaupt ist, sich als Sofakartoffel ein Rennrad zu kaufen.
Gründe gegen das Rennrad
Aber das ist ja nur ein Grund, der gegen das Rennrad spricht. Man muss sich mal beim Denken zuschauen, wenn man auf einem Rennrad gegen die Zeit fährt. Das Bewusstsein wird dann winzig klein, es zieht sich zusammen zu einer kompakten steinharten Kugel, die nur noch um sich selbst rotiert. Eigentlich denkt man überhaupt nichts mehr, sondern dreht nur immergleiche Worte oder Sätze um, Ulmeulmeulme, schnellerschneller . . .
Oder man rechnet zwanghaft und verheddert sich in Zahlengestrüpp, 82 Kilometer durch drei Stunden, also 180 Minuten, wie schnell ist das denn jetzt, verdammt? Und dann immer dieses Standgericht über Kollegen. Eine Kleinigkeit reicht aus, die Erinnerung an ein Wort, das jemand gesagt hat, plötzlich ragt es wie eine Wurzel in den leeren Raum, in dem die kleine Kugel rotiert, sie stößt daran und dreht vollends durch.
Es folgt ein finaler Verurteilungsmonolog gegen den widerwärtigen Kollegen, der freilich bei Lichte und im Erholungszustand betrachtet auch nicht schlimmer ist als man selbst. Reinigt einen das? Verfilzt es einen nicht eher noch mehr als man ohnehin schon ist? Und warum tauschen all diese Rennradler freiwillig ein cinemascopisches Landschaftspanorama gegen ihren düsteren Tunnelblick ein?
Zwangloses Radeln ohne Stress
Dagegen das zwanglos gepflegte Radeln - herrlich! Gondeln, trödeln, schauen, ui, ein Baum, sieh an sieh an, und der triefend blaue Himmel dahinter schimmert plötzlich wie der Goldgrund auf Ikonen. "Wer es könnte / Die Welt hochwerfen / Dass der Wind hindurchfährt" - beim Radeln bekommt man eine Ahnung von dem, wonach sich Hilde Domin in ihrem Dreizeiler sehnt.
Auf einer wochenlangen Radtour durch Südfrankreichs Hinterland war da mal nachts der Traum, selber nur Wind zu sein. Das Gefühl, für immer den Trick zu kennen, wie das geht mit dem Fliegen - man musste nur den Lenker des Rads vorsichtig hin- und herbewegen - war so stark, dass ich davon aufgewacht bin. Da stand das Rad vorm Zelt, im Mond, der Lenker starr und schweiget, und der Wind von den Pyrenäen schlug leise gegen die Zeltwand.
"Leben, das ist Bewegung": Felix Grützner tanzt auf Beerdingungen, um an die Verstorbenen zu erinnern und Raum für Gefühle zu schaffen. Jetzt lesen ...
(SZ vom 22.7.2006)
Studie von UN-Kinderhilfswerk