Geschichte des Lottos Casanovas Tipp

Kaufmannstricks, Geldquelle des Alten Fritz' und ein inspirierender Putsch: Wie Lotterien und Zahlenlottos seit Hunderten Jahren die Menschen in ihren Bann ziehen.

Neues Spiel, neues Glück. Schon seit Jahrhunderten zieht der Nervenkitzel die Massen zum Risiko von Einsatz, Gewinn - oder Nieten. Millionen träumen in diesen Tagen rund um den Rekord-Jackpot vom Lotto-Glück.

Die Ursprünge des heutigen Lottospiels liegen dagegen keineswegs in Deutschland und die Kreuzchenjagd wurde auch nicht erst vor wenigen Jahrzehnten ins Leben gerufen.

Der Zahlenspaß ums große Geld kommt ursprünglich vielmehr aus den Niederlanden und der italienischen Hafenstadt Genua. Und zumindest theoretisch war der Urahn von "Lottofee" Franziska Reichenbacher ein Waisenknabe.

Bereits 1445 soll es im flandrischen Sluis zur ersten verbürgten Lotterie gekommen sein. Um ein Stadttor zu finanzieren, verlosten die Kaufleute "wertvolle Preise", die in Wirklichkeit Ladenhüter waren. Die Stadtväter von Sluis machten den großen Reibach - andere fanden Geschmack an der einfachen Art, die Kassen zu füllen.

Herzöge, Kurfürsten und Könige finanzierten mit staatlichen Lotterien ganze Schlossanlagen. Bremen baute mit den Spielerlösen ein Zuchthaus, Friedrich der Große verwendete die Gewinne für den Bau des Potsdamer Neuen Palais oder deckte damit die Verpflegungskosten für seine Soldaten.

"Sire, es ist eine Steuer der exzellenten Gattung, wenn der König den Gewinn nützlichen Zwecken zuführt", soll der berühmt-berüchtigte Giacomo Casanova dem Alten Fritz geraten haben.

Im heutigen Deutschland hieß die Lotterie (niederländisch "lot", Los) damals noch Glückshafen oder Glückstopf - und sie war als Volksbelustigung eher zeitraubend: In Erfurt soll es 1477 fünf Tage in Anspruch genommen haben, die Lose öffentlich zu verlesen. Und der erste Gewinner nahm keineswegs einen Geldsack mit nach Hause, sondern zwei Gänse und ein Pfund Ingwer.

Während Waren- und Geldlotterien im 16. Jahrhundert in ganz Europa Hochkonjunktur hatten, wurde der Grundstein des heutigen Zahlenlottos in Genua gelegt.

Dort wurden nach einem Staatsstreich im Jahr 1575 fünf Senatoren aus einer 90-köpfigen Bürgerliste in den Großen Rat der Stadt hineingelost. Und da Italiener gewohnt waren, auf alles Mögliche zu wetten, schlossen sie auch Wetten darauf ab, wer wohl den Sprung in den Rat schaffe.

Als Erfinder wird Benedetto Gentile genannt. Das erste Glücksspiel nach dem System der Ämterverlosung in Genua fand 1643 statt: Ein als absolut neutral geltender Waisenknabe zog mit verbundenen Augen aus 90 Nummern fünf "Gewinner" - das Spiel 5 aus 90 war geboren.

Über die Alpen gelangte das Lotto 1735 nach Bayern - und erlebte schon zwei Jahre später die erste große Pleite. Der Grund: Vor einer Ziehung waren nur 1472 Gulden eingenommen worden, so dass der Hauptgewinn von 21.000 Gulden die Lottokasse sprengte.

Der Siegeszug ging dennoch weiter und schon damals war die Rede von "Lotto-Fieber" und "Lotto-Rausch". Selbst aufgeklärte Geister wie der Dichter Gotthold Ephraim Lessing erlagen dem Reiz des Glücksspiels. "Ein Maler, dem aufgetragen würde, eine personifizierte Hoffnung zu malen, fände hier Originale in Menge!", schreibt die Zeitschrift Hamburg und Altona 1803 über die Lotto spielende Masse.

Doch moralische Bedenken wegen der zügellosen Spielsucht der Bürger an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert sorgten dafür, dass das deutsche Lotto "zum Schutze des Volkes vor großen finanziellen Verlusten" für 150 Jahre von der Bildfläche verschwand.

Allerdings gab es nach wie vor andere Formen von Lotterien auch in Deutschland. 1928 wurde in Berlin der erste dementsprechende Automat vorgestellt. Die Nazis zogen mit Hilfe der Reichswinterlotterie den Deutschen das Geld aus der Tasche.

Doch das Zahlenspiel hatte erst nach dem Zweiten Weltkrieg sein Comeback, zunächst mit dem Berliner Zahlenlotto, das zur Erhöhung der Gewinnchancen auf 6 aus 49 umgestellt wurde. Während der fünfziger Jahre wurden in ganz Westdeutschland Lottogesellschaften gegründet.

Die Geburtsstunde für das moderne Zahlenlotto mit der Spielformel 6 aus 49 schlug schließlich am 9. Oktober 1955, Punkt 16.00 Uhr: Die zwölfjährige Elvira Hahn, ein Waisenkind, zog in Hamburg die sechs Gewinnzahlen 3, 12, 13, 16, 23, 41 - ausgerechnet die "13" landete zuerst im Topf.