Geschichte der Unterwäsche Zwinker, zwinker

Die Schwaben gelten nicht gerade als Erfinder der Erotik. In der Entwicklung zum Sexualobjekt aber spielten schwäbische Unternehmer eine wichtige Rolle - wenn auch auf ihre eigene Art.

Von Josef Kelnberger

Da gibt es zum Beispiel diesen uralten, wirklich schlechten Witz. Schwäbische Ehefrau trägt schwarzes Negligé und atmet schwer, schwäbischer Ehemann fragt: "Um Gottes Willa, isch was mit der Oma?"

Der Schwabe und seine Prüderie - ein weites, immer wieder gern beackertes Feld. Nun lassen sich solche Vorurteile auf jede andere Volksgruppe übertragen. Aber passend wirkt es doch, dass das baden-württembergische "Haus der Geschichte" dem Thema Unterwäsche eine Sonderausstellung widmet unter dem knackigen Titel: "Auf nackter Haut - Leib. Wäsche. Träume." Und ganz am Anfang, am Tor zum Intimbereich steht eine Maschine: ein Rundwirkstuhl, in Frankreich erfunden. Textilfabriken in Württemberg und Baden entdeckten ihn Ende des 19. Jahrhunderts für sich, um schneller und günstiger zu produzieren. Als in etwa zur selben Zeit die Männer und Frauen ihren (Unter-)Leib neu zu entdecken und einzukleiden begannen, waren die Cleverles aus dem Südwesten bestens aufgestellt, um den Weltmarkt zu erobern. Die schwäbische Form von Sex sells.

"Mit einem Augenzwinkern" müsse man die Ausstellung betrachten, sagt Thomas Schnabel, der Chef des Hauses. Als müsse er sich dafür rechtfertigen, nach RAF und Erstem Weltkrieg nun Unterwäsche in eine Sonderausstellung zu holen. Sex sells auch im Museum? In ganz Stuttgart sind die Plakate zu sehen, darauf eine Frau im zeitlos-neckischen Flechttrikot aus dem Jahr 1900. Es dauerte, bis ein Model gefunden war. Und das lag nicht daran, dass das Baumwoll-Trikot kratzt. Heutige Models sind schlicht zu groß für damalige Wäsche. Das Foto lässt erahnen, welche Entwicklung die Unterwäsche im Laufe eines Jahrhunderts nahm, vom Gesundheitsartikel zum Sexualobjekt. Bezeichnender für die Ausstellung ist eher das Bild vom Mann in der weißen Unterhose: Schiesser Feinripp mit Eingriff. Hausfrauen begrüßten das Textil schon in den Dreißigerjahren überschwänglich. Keine Knöpfe mehr, die es nachzunähen galt, kein Bügeln mehr. Zeitlos und praktisch.

Die Bademoden-Linie "Ribana" bekam ihren Namen einst aus den Winnetou-Romanen (um 1920).

(Foto: Haus der Geschichte)

Erotik verbreitet die Ausstellung nicht. Die 400 Exponate hängen in Schaufenstern, Bezüge zur Körperwelt der jeweiligen Epoche werden hergestellt durch Filmeinspielungen. Aber Sinnlichkeit steht ohnehin nicht am Anfang der Geschichte der Unterwäsche. Es geht um Funktionalität, Werthaltigkeit. Was diese Qualitäten betrifft, waren Badener und Württemberger führend, als Anfang des 20. Jahrhunderts der Unterleib zum Kampfplatz wurde.

Frauen mussten sich bis dahin in Mieder zwängen, die Taille ließ sich idealerweise mit zwei Männerhänden umfassen. Gegen diese Gängelung begehrte die Lebensreform-Bewegung auf, der "Verein für die Verbesserung der Frauenkleidung" machte mobil. Die Körperlinien wurden fortan fließender, Frauen konnten problemlos ausatmen und durften statt Unterröcken nun auch Unterhosen tragen. Wie die neue Wäsche beschaffen sein sollte, bestimmte maßgeblich der Stuttgarter Arzt und Zoologe Gustav Jäger mit seinem "Wollregime". Unterwäsche sollte aus Wolle sein, "wetterfest, affektfest, seuchenfest", wie Jäger schrieb. Der Stuttgarter Strumpffabrikant Wilhelm Benger schloss mit Jäger einen Exklusivvertrag und warf dessen wollene "Normalkleidung" auf den Markt. In Radolfzell am Bodensee konterte Jacques Schiesser, den Lehren des Hygienikers Max von Pettenkofer folgend, mit einer "Abhärtungswäsche" aus Baumwolle.

Wollregime und Abhärtungswäsche aus Württemberg und Baden standen am Anfang des Unterwäsche-Booms. Anhand von Produkten der Firmen Benger und Schiesser lässt sich die folgende Geschichte der Unterwäsche bestens dokumentieren. Das Produktarchiv von Schiesser ist seit dem Konkurs der Firma 2009 sogar im Besitz des Hauses der Geschichte. Beeindruckend wirkt noch heute die Anpassungsfähigkeit. Anfang der Dreißigerjahre produzierte Schiesser rosa Unterwäsche für Männer, ein paar Jahre später schon problemlos das braune Hemd und "vorschriftsmäßige SA Sportkleidung".

Der moderne Mann wurde nach dem Krieg mit Produktlinien namens Arnold, Arthur, Edwin, Erwin, Eugen oder Roland beglückt. Der modernen Frau hechelte man meist hinterher. "Frei - aber nicht haltlos. Das ist der Busen 1974." So begegnete Schiesser dem Trend zum gänzlichen Verzicht auf Unterwäsche. Als Madonna in den Achtzigerjahren eine neue Wäschelust entfachte und Unterwäsche als Oberbekleidung etablierte, hatten die Textil-Fabrikanten in Baden und Württemberg ihre Marktführerschaft schon längst verloren. Man baute hier jetzt lieber Autos.