Germanwings-Absturz Wenn das Leben in davor und danach zerfällt

Treppen vor dem Joseph-König-Gymnasium in Haltern am See, am Abend nach dem Unglück.

(Foto: AP)

Genau ein Jahr ist der Germanwings-Absturz jetzt her. Richtig fassen kann die Katastrophe bis heute niemand. Versuch einer Rekonstruktion aus mehreren Perspektiven.

Von Oliver Klasen

DAS GEDENKEN

In Prads-Haute-Bléone, einem winzigen Ort mitten in den französischen Seealpen, hat ein Künstler 149 Metallstäbe auf ein Kiesfundament montiert. Die Stäbe, dünn und nur am Boden fixiert, bewegen und berühren sich gegenseitig, wenn der Wind etwas stärker weht, und das tut er oft hier auf 1500 Metern Höhe. Es entstehen dann Töne, die bis weit in die Berge hinein zu hören sind. Jeder der Stäbe erinnert an einen Menschen, der jetzt tot ist, gestorben, als Germanwings-Flug 4U9525 heute genau vor einem Jahr hier im Massif des Trois-Évêchés zerschellte, absichtlich zum Absturz gebracht vom Copiloten Andreas Lubitz.

Die Erinnerung an die Opfer der schlimmsten Luftfahrtkatastrophe, an der eine deutsche Airline je beteiligt war, hat inzwischen viele Orte bekommen. Eine Gedenktafel am Joseph-König-Gymnasium in Haltern am See, kupferfarben, eingestanzt die Namen der 16 Schüler und zwei Lehrerinnen, die bei der Katastrophe starben. Ein auf einen Sockel montierter Stein in der Innenstadt mit den eingravierten Namen. Auch an den Flughäfen in Düsseldorf und Barcelona sowie an der spanischen Schule, die die Mädchen und Jungen aus Haltern zu einem Austausch besucht hatten, wurden vor einigen Tagen Gedenkstellen errichtet. Sie alle dokumentieren das Unglück, doch erklären können sie es nicht.

Gedenkstätten für die Opfer der Germanwings-Katastrophe, in Haltern am See und in den französischen Alpen in den Orten Le Vernet und Prads-Haute-Bléone.

(Foto: AFP, AP, dpa, getty images; Bearbeitung SZ.de)

Um 10.41 Uhr, genau zu dem Zeitpunkt, als die Maschine an jenem 24. März vor einem Jahr aufschlug, gab es am Donnerstag in Haltern eine Gedenkminute. Viele der Angehörigen, etwa 600 sollen es sein, sind jedoch nach Frankreich gereist. Mit drei Sondermaschinen flog die Lufthansa sie nach Marseille, wo am Mittwochabend ein Gottesdienst stattfand. Am nächsten Tag geht es nach Le Vernet, dem Ort wenige Kilometer von der Absturzstelle entfernt, an dem sich die Hinterbliebenen auch im vergangenen Jahr versammelt hatten. Verwandte können sich auf Wunsch ins Gebirge zum Col de Mariaud bringen lassen. Von dem Bergrücken aus ist die mit einem Zeichen markierte Absturzstelle zu sehen.

Die zuständige Départementverwaltung rief, genau wie damals, die Gendarmerie zu Hilfe und bot alles an Sicherheitskräften auf, was verfügbar war, um allzu aufdringliche Journalisten und Schaulustige abzudrängen, um also zu garantieren, dass Menschen, die ihre engsten Familienmitglieder oder Freunde verloren haben, in Ruhe trauern können. Deshalb gab es auch keine Rede irgendwelcher Minister oder Funktionäre. "Das soll eine Zeremonie für die Familien werden, die unter sich bleiben wollen", hatte Bernard Guerin, der Präfekt des Départements Alpes-de-Haute-Provence zuvor gesagt.

Sie blickten in Le Vernet auch auf eine Gedenktafel. Sie sieht ein wenig aus wie ein Grabstein, aufgestellt schon zwei Tage nach dem Unglück, mit Aufschriften in französisch, deutsch, spanisch und englisch. Anfangs stand sie einsam im Wind, davor ein riesiger Haufen von Blumen und Kerzen, dahinter nur die weite Hochebene und das schneebedeckte Bergmassiv.

Jetzt haben sie auf der Rückseite eine Hecke aus Tuja-Bäumen gepflanzt und einen Zaun gezogen, so als könne man damit das Unglück wenigstens ein bisschen eingrenzen.

Schweigeminute vor der St. Sixtus-Kirche in Haltern am See.

(Foto: AP)

DER ABSTURZ

124 Seiten umfasst allein die Zusammenfassung des Abschlussberichts der französischen Flugunfallbehörde BEA (hier die deutsche Version als PDF), der vor etwa zehn Tagen in Paris veröffentlicht wurde. Aus den Auswertungen des Flugdatenschreibers und des Stimmrekorders ist der Verlauf des letzten Fluges von 4U9525 fast sekundengenau rekonstruierbar.

  • Genau 10:00 MEZ Start von Piste 07R des Flughafens Barcelona-El Prat.
  • 10:02:54 Einschalten des Autopiloten im Modus CLIMB.
  • Zwischen 10:16 und 10.27: Diskussion zwischen Kapitän und Copilot über den verspäteten Abflug aus Barcelona und wie damit umgegangen werden soll.
  • 10:27:20 Erreichen der Reiseflughöhe, Flugfläche 380, das entspricht 11 600 Metern Höhe.
  • 10:30:00 Die Besatzung ist auf der Frequenz 133,33 MHz in Kontakt mit der Flugsicherung in Marseille. Der Kapitän erhält die Freigabe für den direkten Flug zum Navigationspunkt IRMAR, eine Routine-Anweisung. Es ist der letzte Funkkontakt mit der Maschine.
  • 10:30:08 Der Kapitän sagt zum Copiloten, dass er das Cockpit kurz verlassen muss.

Ein Wracktteil des Airbus A320, der in den französischen Alpen an einem Bergmassiv zerschellte.

(Foto: dpa)
  • 10:30:13 Geräusche vom Bewegen eines Pilotensitzes 10:30:24 Geräusche, die durch Öffnen und Schließen der Cockpittür hervorgerufen werden.
  • 10:30:53: Die programmierte Höhe verändert sich innerhalb einer Sekunde von 38 000 Fuß auf 100 Fuß, die niedrigste Höhe, die bei einem A320 eingestellt werden kann.
  • 10:33:12 Die Regelung der Geschwindigkeit wird von "Managed Mode" in den "Select Mode" gestellt. Die Zielgeschwindigkeit wird auf 308 Knoten erhöht.
  • 10:33:47 (bei 30 000 Fuß, durchschnittliche Sinkrate 3500 Fuß pro Minute) Der Fluglotse fragt nach der freigegebenen Reiseflughöhe. Der Copilot antwortet nicht. Auch dann nicht, als der Fluglotse in der folgenden Minute noch drei Mal nachfragt.
  • 10:34:23 Die Zielgeschwindigkeit wird nochmals auf 323 Knoten erhöht.
  • 10:34:31 Der Türsummer wird betätigt. Der Kapitän möchte wieder ins Cockpit.
  • 10:34:47 (bei 25 100 Fuß) Das Kontrollzentrum in Marseille versucht vergeblich, Kontakt mit der Maschine aufzunehmen. Es tut dies innerhalb von gut zwei Minuten insgesamt sieben Mal.
  • 10:35:03 Die Geschwindigkeit wird abermals erhöht. Auf 350 Knoten.
  • 10:35:04 Der Kapitän betätigt die Klingel einer Gegensprechanlage zur Kommunikation zwischen Cockpit und Kabine. Er tut dies innerhalb von viereinhalb Minuten insgesamt vier Mal.
  • 10:35:32 Der Kapitän klopft an die Cockpittür. Er tut dies innerhalb von dreieinhalb Minuten insgesamt sechs Mal.

"Die Eltern des Copiloten sind uns willkommen"

Bernard Bartolini hat nach dem Germanwings-Unglück alle 150 Sterbeurkunden unterschrieben. Der Bürgermeister von Prads-Haute-Bléone über die Folgen des Absturzes für sein Dorf. Interview von Christian Wernicke mehr ...
  • 10:37:11 In den folgenden Minuten versucht der Kapitän etliche Male, durch Rufen den Copiloten zum Öffnen der Tür zu bewegen.
  • 10:38:38 Die französische Luftverteidigung versucht, auf der Frequenz 121,5 MHz Kontakt mit der Maschine aufzunehmen. Sie tut das innerhalb von 45 Sekunden dreimal.
  • 10:39:30 Der Kapitän schlägt im Laufe der nächsten Minute fünfmal heftig gegen die Cockpittür. Vermutlich versucht er, die Tür aufzubrechen.
  • 10:39:54 Die Besatzung eines anderen Flugzeuges versucht vergeblich, Kontakt mit Flug 4U9525 aufzunehmen.
  • 10:40:41 Das akustische Warnsignal "Terrain, Terrain, Pull Up, Pull Up" wird ausgelöst und bleibt für den Rest des Fluges aktiv.
  • 10:41:06 Die Aufzeichung stoppt mit dem Aufschlag auf das Gelände.