Germanwings-Absturz Was Ermittler über die letzten Tage des Copiloten herausgefunden haben

  • Der Germanwings-Copilot hat kurz vor dem Absturz im Internet nach Beschaffungsmöglichkeiten für tödliche Medikamenten-Cocktails gesucht.
  • Das geht nach Informationen von SZ, NDR und WDR aus der Auswertung eines iPads hervor, das Andreas Lubitz gehörte.
  • Am Tag vor der Katastrophe hatte er sich, offensichtlich für den Fall, dass ein Suizid misslingen könnte, mit Patientenverfügungen beschäftigt.
  • Nach weiteren Ermittlungen war Lubitz, der 2009 nach einer Depression seine Fliegerausbildung wieder aufnahm, bis Ende 2014 offenbar nicht ernsthaft krank.
Von Hans Leyendecker, Georg Mascolo und Bastian Obermayer

Der Germanwings-Pilot Andreas Lubitz, der 149 Menschen mit sich in den Tod riss, hat Tage vor dem Absturz offenbar überlegt, alleine aus dem Leben zu scheiden. Das geht nach Informationen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR aus der Auswertung eines iPads hervor, das in seiner Düsseldorfer Wohnung von Ermittlern sichergestellt worden war. Danach suchte er im März im Internet nach Beschaffungsmöglichkeiten für Zyankali, rezeptfreies Valium und tödliche Medikamenten-Cocktails.

Am Tag vor dem Absturz informierte sich Lubitz - offenbar aus Angst, dass ein Suizid misslingen könnte - auf der Webseite der Hamburger Ärztekammer über eine Patientenverfügung. In einer solchen Verfügung wird beispielsweise geregelt, wie weit Ärzte lebensverlängernde Maßnahmen durchführen oder anordnen dürfen, wenn jemand schwer verletzt ist und sich nicht mehr äußern kann. Bisher war nur bekannt geworden, dass Lubitz Möglichkeiten der Selbsttötung recherchierte und sich dazu auch im Netz über den Verriegelungs-Mechanismus von Cockpit-Türen informierte.

Lubitz war nach Angaben des zuständigen französischen Staatsanwalts zum Zeitpunkt des Unglücks flugunfähig. Er sei niedergeschlagen, instabil und psychisch krank gewesen, sagte Staatsanwalt Brice Robin am Donnerstag in Paris. Er sei nicht mehr in der Lage gewesen, ein Flugzeug zu fliegen.

Keinerlei Hinweis auf eine Suizidgefahr

Nach den weiteren Ermittlungen war Lubitz, der 2009 nach einer Depression seine Fliegerausbildung wieder aufnahm, bis Ende 2014 offenbar nicht ernsthaft krank. In den entsprechenden Patientenakten findet sich kein Hinweis auf eine Rückkehr der psychischen Erkrankung oder gar auf eine Tendenz zum Suizid. Erst im Dezember 2014 bekam er offenkundig psychische Probleme.

Er glaubte ein Augenleiden zu haben, das er offenkundig nicht hatte. Möglicherweise hatte er Furcht, wegen der angeblichen Augengeschichte nicht mehr fliegen zu dürfen. Zwischen Dezember 2014 und März 2015 suchte er zahlreiche Mediziner auf, darunter Augen-Experten, Neurologen und Psychiater. Dort klagte er über eine Beeinträchtigung seiner Sehfähigkeit. Gefunden wurde nichts. Neurologen gingen von einer Angststörung aus. Es gab aber nach den bisherigen Ermittlungen keinerlei Hinweis auf eine Suizidgefahr.

Massive Schlafstörungen

Zudem berichtete Lubitz über massive Schlafstörungen. Zeitweise, erklärte er, habe er nur zwei Stunden schlafen können, weil er sich immer wieder mit der angeblichen Augenkrankheit beschäftigt habe. Ein Mediziner diagnostizierte im März einen "psychosomatischen Beschwerdekomplex". Diese Krankschreibung enthielt Lubitz seinem Arbeitgeber vor. Er gab ein Attest eines anderen Arztes ab, der "anhaltende Sehstörung mit unklarer Genese" diagnostiziert hatte. Es gehe nur um seine Augen, ansonsten sei alles in Ordnung, schrieb er einem der Mediziner.

Die in dem Fall ermittelnde BAO Alpen hat insgesamt 46 Patientenakten von Lubitz seit 2008 ausgewertet. Es handelt sich um Allgemeinmediziner, Fachärzte, Psychiater, Psychologen und Labormediziner. Keiner der ihn behandelnden Ärzte ging von Suizidtendenzen oder Fremdaggressivität aus. Die meisten dieser Arztbesuche fanden nach Dezember 2014 statt. Auch gegenüber seiner Familie und seiner Lebensgefährtin ließ Lubitz offenbar nicht erkennen, wie es tatsächlich um ihn stand. Noch zwei Wochen vor dem Absturz verbrachte die Familie ein gemeinsames Wochenende in Berlin, am Tag vor dem Absturz erledigte Lubitz mit seiner Lebensgefährtin die Wocheneinkäufe.

In Paris hat indes der Präsident der Opfervereinigung Fenvac, Stéphane Gicquel, mitgeteilt, dass die Ermittlungen ausgeweitet werden. Drei Untersuchungsrichter würden im südfranzösischen Marseille die Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung übernehmen. Die richterliche Untersuchung solle "die Frage nach der fahrlässigen Tötung stellen und, ganz klar, nach Fehlern oder Versäumnissen bei der Feststellung des Gesundheitszustandes" von Copilot Andreas Lubitz "durch die Fluggesellschaft Lufthansa", sagte Gicquel weiter.

Zuvor hatten sich etwa 200 Angehörige von Opfern mit dem zuständigen Staatsanwalt von Marseille, Brice Robin, in Paris getroffen. Bisher hatte der Staatsanwalt selbst ermittelt. Für den Fenvac-Präsidenten, der an dem Treffen mit dem Staatsanwalt teilgenommen hatte, müssen die Untersuchungsrichter herausfinden, ob es "Fehler bei der medizinischen Betreuung" des Copiloten gegeben habe. Bisher hatte der Staatsanwalt wegen fahrlässiger Tötung in Marseille selbst ermittelt.

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