Germanwings-Absturz in Frankreich Copilot war wegen psychischer Probleme krankgeschrieben

  • Der Copilot der abgestürzten Germanwings-Maschine hat nach Erkenntnissen der Ermittler eine Erkrankung gegenüber dem Arbeitgeber und in seinem beruflichen Umfeld verheimlicht. Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf hat eine zerrissene Krankschreibung für den Absturztag in seiner Wohnung gefunden.
  • Nach SZ-Informationen soll Andreas Lubitz seit langer Zeit bei mehreren Medizinern in psychiatrischer Behandlung gewesen sein. Er hatte den Absturz des Flugzeuges bewusst herbeigeführt, bei dem 150 Menschen ums Leben kamen.
  • Ein Vermerk in Lubitz' Akte beim Luftfahrtbundesamt weist darauf hin, dass er regelmäßig zur medizinischen Kontrolle musste.
  • In den französischen Alpen schreiten derweil die Bergungsarbeiten voran. Gesucht wird vor allem nach dem zweiten Flugschreiber.

Ermittler finden zerrissene Krankschreibung

Nach dem Absturz der Germanwings-Maschine in Frankreich durchleuchten Ermittler das Leben des Copiloten. Bei der Durchsuchung seiner Wohnungen in Düsseldorf und Montabaur am Donnerstagabend wurden "Dokumente medizinischen Inhalts" sichergestellt, die auf eine bestehende Erkrankung und entsprechende ärztliche Behandlungen hinweisen. Dabei seien unter anderem "zerrissene, aktuelle und auch den Tattag umfassende Krankschreibungen" gefunden worden, teilte die Staatsanwaltschaft Düsseldorf in einem Schreiben (PDF) mit. Einen Abschiedsbrief oder ein Bekennerschreiben fanden die Beamten nicht. Auch gebe es keine "Anhaltspunkte für einen politischen oder religiösen Hintergrund des Geschehens".

Andreas Lubitz hatte psychische Probleme

Andreas Lubitz war seit langer Zeit bei mehreren Medizinern in psychiatrischer Behandlung. Das soll nach Recherchen der SZ aus den Unterlagen hervorgehen, die bei der Durchsuchung sichergestellt wurden. Die Krankschreibung stammt angeblich von einem im Rheinland arbeitenden Neurologen und Psychiater, bei dem der Copilot seit einer Weile in Behandlung war. Lubitz hat die Krankschreibung offensichtlich zerrissen, weil er nach Vorlage dieses Attestes vermutlich für längere Zeit nicht hätte fliegen dürfen.

Der Mediziner war an die ärztliche Schweigepflicht gebunden. Andreas Lubitz hat nach bisherigen Ermittlungen seine Erkrankung seinem Arbeitgeber verheimlicht. Die Fluggesellschaft Germanwings wollte sich dazu inhaltlich noch nicht äußern. Andere Unterlagen, die in den Wohnungen gefunden wurden, sollen seine Flugbegeisterung belegen.

Sicher ist mittlerweile auch: Lubitz war Patient der Universitätsklinik Düsseldorf. Das bestätigte das Klinikum. Allerdings sei er nicht, wie Der Tagesspiegel berichtet hatte, wegen Depressionen in Behandlung gewesen, erklärte eine Sprecherin am Freitagnachmittag. Weitere Auskünfte erteilte sie nicht.

Laut einem Bericht der Bild-Zeitung soll sich Lubitz schon vor sechs Jahren für insgesamt eineinhalb Jahre in psychiatrischer Behandlung befunden haben. Der Pilot, der seit 2013 für Germanwings flog, sei in seinen Flugschulkursen mehrfach wegen Depressionen zurückgestuft worden. Bei Abschluss seiner Ausbildung 2009 wurde dem Bericht zufolge eine "abgeklungene schwere depressive Episode" diagnostiziert. Auch vor dem Flugzeugabsturz habe er sich in "besonderer, regelhafter medizinischer Betreuung befunden", schreibt das Blatt.

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Aktenvermerk beim Luftfahrtbundesamt

Auch ein Vermerk in der Akte des 27 Jahre alten Copiloten beim Luftfahrtbundesamt (LBA) deutete schon vor Bekanntwerden der Krankschreibung auf gesundheitliche Probleme hin. Dort findet sich die Codierung SIC ("Specific Regular Medical Examination"), die auf eine regelmäßige medizinische Kontrolle verweist. Allerdings kann der Vermerk laut LBA auf alles Mögliche hindeuten, was eine regelmäßige Untersuchung notwendig macht - vom Heuschnupfen bis zum Beinbruch oder eben zu einem psychischen Problem.

Ein Sprecher des Bundesamts sagte am Freitagmittag, dass das LBA beim Aeromedical-Center der Lufthansa in Braunschweig um Einsicht in die Akten des Copiloten gebeten hat. Das LBA werde die Unterlagen anschließend der französischen Staatsanwaltschaft übergeben, hieß es.

Lufthansa zahlt Hinterbliebenen Überbrückungshilfe

Die Lufthansa bietet den Hinterbliebenen von Opfern des Absturzes der Germanwings-Maschine eine Überbrückungshilfe von bis zu 50.000 Euro an. Eine Germanwings-Sprecherin bestätigte einen entsprechenden Bericht des Berliner Tagesspiegel. Der Sprecherin zufolge wird den Hinterbliebenen das Geld unabhängig von möglichen weitergehenden Ansprüchen als Ersthilfe angeboten. Dieser Betrag müsse auch auf jeden Fall nicht zurückgezahlt werden.

Nach Einschätzung von Luftfahrtexperten könnten auf den Konzern deutlich höhere Entschädigungsansprüche zukommen. "Die Lufthansa haftet unbegrenzt", zitierte der Tagesspiegel den Privatdozenten für Luftverkehrsrecht, Wolf Müller-Rostin. Entschädigungen dürften sich zwischen mehreren zehntausend und mehreren hunderttausend Euro pro umgekommenem Passagier bewegen, sagte dem Blatt der auf dieses Fachgebiet spezialisierte Rechtsanwalt Holger Hopperdietzel.

Bergungsarbeiten werden fortgesetzt

Unterdessen laufen die Bergungsarbeiten in den französischen Alpen. Die ersten Hubschrauber starteten am Morgen bei wolkenfreiem Himmel in Richtung Tête de l'Estrop - hinter diesem Gipfel war die Maschine der Lufthansa-Tochter am Dienstag zerschellt. Die Aufmerksamkeit der Einsatzkräfte gilt besonders der Suche nach dem zweiten Flugschreiber, der weitere Erkenntnisse zum Geschehen im Cockpit vor dem Absturz liefern könnte. Die Helikopter bringen die Toten in das Einsatzzentrum in Seyne-les-Alpes. Rechtsmediziner arbeiten bereits an der Identifizierung der Leichen, die schon ins Tal gebracht wurden.

Piloten beklagen Geheimnisverrat bei Germanwings-Ermittlungen

Mit großer Verärgerung haben Pilotenverbände darauf reagiert, dass Ermittlungsergebnisse vorab an Medien weitergegeben worden sind. Der französische Pilotenverband SNPL kündigte am Freitag an, Anzeige wegen Verrats von Berufsgeheimnissen zu erstatten. Der europäische Pilotenverband ECA fürchtet um die Unabhängigkeit der Ermittlungen. Dass Daten aus dem Stimmenrekorder der Germanwings-Maschine so schnell öffentlich gemacht worden seien, sei ein schwerer Verstoß gegen akzeptierte Standards der Unfallaufklärung, kritisierte der Brüsseler Verband. Er verwies auf ähnliche Kritik des internationalen Berufsverbandes IFALPA.