Gentrifizierung Aufgefressen

Der M99 Gemischtwarenladen mit Revolutionsbedarf in der Manteuffelstrasse 99 in Berlin-Kreuzberg.

(Foto: imago stock&people)

Kreuzberg war einmal das Viertel der Revoluzzer Berlins, heute gibt es dort schicke Dachgeschoss-Wohnungen. Nur der Laden von Hans-Georg Lindenau ist noch da - nun aber soll auch er verschwinden.

Von Verena Mayer

Dass es in Kreuzberg einen Laden "für Revolutionsbedarf" gibt, ist nicht besonders ungewöhnlich. Der Berliner Bezirk ist nicht nur für seine langen Nächte bekannt, sondern auch für Bewohner, die sich nicht alles gefallen lassen; also eigentlich gar nichts. In Kreuzberg ist man schneller auf den Barrikaden als jemand "Macht kaputt, was euch kaputt macht" auf eine Häuserwand schmieren kann. Ungewöhnlich ist dagegen, dass es diesen Kreuzberger Laden nun nicht mehr lange geben wird. Der Eigentümer des Hauses hat dem Besitzer gekündigt, der Laden soll geräumt werden. Es sieht schlecht aus für die Revolution.

Die Manteuffelstraße in einer der ursprünglicheren Ecken des Bezirks: viel Graffiti, wenig Gentrifizierung, mittendrin der "M99 Gemischtwarenladen mit Revolutionsbedarf", so steht es auf einem handgeschriebenen Schild. Zwei Räume, bis zur Decke so mit Plastikkisten vollgestellt, dass man den Besitzer erst gar nicht sieht, der hinten im Rollstuhl sitzt. Doch Hans-Georg Lindenau, 58, bayerischer Akzent, ist nicht zu überhören. Jedem, der reinkommt, ruft er zu, er solle sich "zum Känguru machen", den Rucksack vorne tragen, um nichts umzuwerfen. Das ist nötig zwischen den Schnürstiefeln, Gasmasken, Trillerpfeifen, alten Polizeihelmen, Antifa-Broschüren, veganen Schuhen, roten Sternen, Fallschirmspringerjacken, tschechischen Parkas, zapatistischen Kaffeepackungen und Stickern, auf denen "Mehr Dampf im Klassenkampf" steht.

Seit 30 Jahren ist Lindenau, der nach einem Unfall 1989 im Rollstuhl sitzt, im Revolutionsbusiness, auch an diesem matschigen Januartag klappt immer wieder die Eingangstür auf. Junge Männer mit Dreadlocks und Piercings kommen hereingeschneit, viele sind Studenten oder aus Süddeutschland. Sie drehen sich in Kapuzenpullis mit Che-Guevara-Aufdruck vor dem Spiegel, und manchmal sagt jemand: "Ich hätte gerne einen Pfeffer." Dann greift Lindenau in eine Schachtel mit Pfefferspray-Fläschchen und sagt: "Hier, dein antifaschistisches Deo-Spray."

Meistens aber erzählt Lindenau. In Nürnberg aufgewachsen, kam er eines Tages nach Berlin. Dort tat er alles, was man im wilden Kreuzberg vor dem Mauerfall so machte. Ein bisschen Studium, sehr viel Klassenkampf. Lindenau war in der Hausbesetzer-Szene unterwegs, bei Demonstrationen jodelte er. Und er begann, linke Broschüren zu verkaufen, die man sonst nicht bekam. Ein Geschäftsmodell, mit dem er sich nicht nur Freunde machte. Regelmäßig kam die Polizei, um den Laden zu durchsuchen, und selbst einige Linke konnten mit Lindenau nichts anfangen. Einen "jodelnden Revolutionskrämer" nannte ihn die linksalternative taz.

Lindenau redet ohne Punkt und Komma. Er hat mehr von einem Stand-Up-Comedian als von einem Aktivisten, und oft weiß man nicht, was Dichtung und was Wahrheit ist. Aber zu jeder Revolution gehört ja auch, dass sie ihre eigenen Geschichten erzählt, nicht wahr?

Die Geschichte mit dem Tanz auf der Mauer zum Beispiel. 1988 besetzte Lindenau mit ein paar hundert Leuten eine Brache direkt vor der Mauer. Als die Polizei räumen wollte, nahm Lindenau ein Megaphon und forderte alle auf, hinüber in den Osten zu kraxeln. "Um die Mauer ad absurdum zu führen", sagt Lindenau. 200 Leute stürmten los, drüben servierte ihnen die DDR-Volkspolizei Frühstück. In Lindenaus Fränkisch mischt sich die Wehmut.

Denn in Sachen Revolution ist in Kreuzberg kein Stein auf dem anderen geblieben. Im Café neben Lindenaus Laden sitzen amerikanische Hipster vor veganer Haselnuss-Tarte. Der Zettel, auf dem jemand zwei Zimmer in Kreuzberg für 1100 Euro sucht, hätte hier früher gar nicht erst aufgehängt werden können, da war schon jede besser sortierte Weinhandlung verpönt. Und dann der 1. Mai in Kreuzberg. Jahrzehntelang war die Demo zum so genannten "Revolutionären 1. Mai" so etwas wie das Silvester der Autonomen-Szene. Seit einigen Jahren findet an dem Tag in Kreuzberg das "Myfest" statt. Halb Berlin macht dann Picknicks und tanzt und feiert so ausgelassen auf den Straßen, dass man schon vom "Kreuzberger Ballermann" spricht.

Auch Lindenaus Tage sind wohl gezählt. Ein Privatmann aus den USA hat das Haus 2013 gekauft und Lindenau gekündigt, weil er die Räume ohne Erlaubnis "pensionsartig untervermietet" habe und es dabei etwa zu einem Brand gekommen sei, so teilt der Anwalt des Eigentümers mit. Eigentlich sollte Lindenau seinen Laden, in dem er auch wohnt, längst geräumt haben. Doch er hat nicht vor, zu gehen. "Seit Januar bin ich Besetzer", sagt Lindenau. Es klingt kämpferisch, aber auch sehr flehentlich. Er gehöre doch hierher. "Selbst die Bullen sagen inzwischen, ich bin eine Kreuzberger Institution."

Ob Lindenau mit seinem Häuserkampf Erfolg hat, ist ungewiss. Einen Gewerbemietvertrag über 29 Jahre, den ihm der Hausbesitzer angeboten hatte, schlug er aus, die Gerichtsverfahren hat Lindenau bislang alle verloren. Keine Macht für niemand - diese Zeiten sind in Kreuzberg vorbei. Viele der alten Mitstreiter von Lindenau wohnen jetzt in den schicken Dachgeschossen der Häuser, die sie einst besetzten, Lindeau sitzt in seinem zugigen Laden und träumt von der Revolution.

Nur manchmal ist es noch wie früher.

Der Heinrichplatz, an einem kalten Januarsamstag. Bioläden und hochpreisige Kneipen, wohin man schaut, Familien mit Kindern und junge Touristen bevölkern den Platz. Dazwischen stehen etwa hundert Leute und halten rote Transparente in die Höhe. Sie sehen aus, als hätten sie sich im Revolutionsbedarf eingekleidet, und sie sind gekommen, um für Lindenau zu demonstrieren. Ein paar Polizeiautos stehen am Straßenrand, jemand brüllt in ein Megaphon. Ein Hauch von 1. Mai liegt in der Luft. Aber nur ein Hauch.

Es ist nicht nur so, dass jede Revolution irgendwann ihre Kinder frisst. In Kreuzberg fressen die Mieten die Revolution.