Gaza-Streifen Pfeifen auf die Emanzipation

Die radikal-islamische Hamas verbietet den Frauen des Gaza-Streifens das Rauchen von Wasserpfeifen. Um gesundheitliche Gründe geht es den Sittenwächtern dabei nicht.

Von Tomas Avenarius

Meinte einer es gut mit der Hamas, könnte er das Wasserpfeifen-Verbot als gesundheitspolitischen Schritt gegen den Tabakgenuss sehen: Frauen im Gaza-Streifen dürfen in der Öffentlichkeit nicht mehr an der Shisha ziehen. Werden die Frauen, dank der Islamisten, so zur Avantgarde der guten Sache? Die Wahrheit sieht anders aus: Erstens haben die den Gaza-Streifen beherrschenden Hamas-Politiker die Frauen nicht gefragt, ob sie die Vorhut spielen wollen im Kampf gegen den Tabak. Und zweitens qualmen die Männer von Gaza-Stadt bis Rafah ungestört weiter. Die Kaffeehaus-Besitzer hingegen rauchen vor Zorn: Der Umsatz fällt.

Frauen waren gute Kundinnen. Die Pfeifenfüllungen - Apfel, Banane oder andere süßliche Geschmacksrichtungen - sind teuer. Manche Raucherin ließ zwei-, dreimal nachfüllen. Das Rauchverbot ist ein neuer Versuch der radikalen Hamas, eine angeblich islamische Lebensform durchzusetzen. Die Shisha ist aber auch Teil der arabischen Lebensform. Ob Kairo, Beirut oder Dschiddah: Die vor sich hinblubbernde Pfeife wird morgens angezündet und geht erst spät in der Nacht aus. Zunehmend rauchen in Cafés in Kairo oder im saudischen Dschiddah auch Mädchen: Je konservativer das Land, desto weiter ziehen sie sich dabei in Hinterzimmer oder Frauenetagen zurück. Die Pfeife ist auch ein Mittel, in der Öffentlichkeit einen Platz zu beanspruchen und mehr Spaß zu haben als nur zu Hause Kinder oder Geschwister zu hüten. Es ist eines der wenigen Ausgehvergnügen an Orten, an denen Alkohol streng verboten ist.

Animiert das Mundstück der Pfeife zu sexuellen Gedankenspielen ?

Hamas aber meint: Frauen, die im Café oder am Strand rauchen, verstoßen gegen Tradition und Geschmack der islamisch-arabischen Gesellschaft. Das Verbot reiht sich in ähnliche Regierungserlasse: Mädchen werden in der Schule angehalten, den Schleier und lange Gewänder zu tragen. Sie dürfen nicht auf dem Motorroller mitfahren. Sie sollen als Anwältinnen mit Schleier vor Gericht auftreten. Männer sollen am Badestrand T-Shirts anziehen, kurze Hosen auf der Straße gelten als dekadent. Und Paare werden auf der Straße befragt, ob sie verheiratet seien.

Ein Teil der Edikte wurde nie umgesetzt - es gab zu viel Widerstand. Bei der Shisha scheint Hamas aber ernst zu machen. Seit dem Wochenende sind Frauen an dem schlauchartigen Mundstück nur noch in teuren, auch von westlichen Reisenden besuchten Hotels zu sehen. Einiges spricht dafür, dass die Islamisten den Gaza-Streifen langfristig in ein Gemeinwesen staatlich verordneter Gottesfurcht umwandeln könnten. Das ist in Gaza einfach: Die meisten Menschen sind konservativ, die Traditionen streng.

Gleichberechtigung der Frau im westlichen Sinne ist fürs Erste so unwahrscheinlich wie die Aufhebung der israelischen Blockade gegen Gaza.

Wie in anderen arabischen Gesellschaften sind es die eisernen Traditionen, auf die sich Islamisten berufen, um ihre so kruden wie populären Ideen umzusetzen. Ein palästinensischer Anthropologe attestierte ihnen: Die Wasserpfeife mit ihrem Mundstück drohe männliche Beobachter in sexuelle Gedankenspiele abschweifen zu lassen. Das passt nicht zur Gaza-Realität: Durch die Schmugglertunnel an der ägyptischen Grenze kommen neben Raketen, Granaten und Lebensmitteln auch große Mengen Viagra-Pillen ins Land: Diese stützen weniger den rechten Glauben als die Männlichkeit. Etwas Moderne soll dann eben doch sein in Gaza.