G8-Gipfel in Nordirland Zirkus im Cameronschen Dorf

Hausgemachte Antipasti, Schwarzwälder Schinken und Prosciutto di Parma. Wenn die Teilnehmer des G8-Gipfels derlei verzehren wollen, müssen sie es selbst nach Nordirland mitbringen. Die Wurstwaren im Fenster des örtlichen Metzgers sind nur aufgeklebt. Schließlich soll für Camerons große Zirkusshow die Kulisse perfekt sein.

Von Lena Jakat

Es gibt ja nicht wenige Bergsteiger, die beklagen, dass die prestigeträchtigsten Gipfel der Welt zu Zirkusarenen verkommen. Umweltkatastrophe am Mount Everest Schlangestehen am Mont Blanc. Auch bei politischen Gipfeln wird mitunter kritisiert, dass es dort längst nicht mehr um echten Sport, Verzeihung, echte Politik geht, sondern die Veranstaltungen zu einer Zirkusshow von Tatkraft, Führungsqualität und Kompetenz verkommen.

Einen Unterschied gibt es aber. Bei politischen Gipfel bestimmt der jeweilige Zirkusdirektor den Ort des Geschehens. Die Runde der acht größten Industrienationen mag nicht in der Lage sein, Berge zu versetzen, - aber die Gipfel kommen dahin, wohin sie gerufen werden. Für Montag hat der amtierende Zirkusdirektor David Cameron nach Nordirland geladen. Und er hat sich vorgenommen, den Gästen eine perfekte Kulisse für die Vorführung zu liefern.

Mehr als hundert Häuser in der Grafschaft Fermanagh wurden für den Besuch der politischen Weltspitze aufgemotzt, neu gestrichen oder dampfgestrahlt. Plakatwände wurden mit atemberaubenden Landschaftsfotografien beklebt und vor krisenbedingten Bauruinen aufgestellt. Und im Dörfchen Belcoo wurden sogar ein paar leerstehende Geschäfte wieder in Betrieb genommen, damit sich die hohen Gäste keine Gedanken um Wirtschaftskrisen zu machen brauchen. Nun ja, fast.

Die Metzgerei Flanagan's bietet die hausgemachten Antipasti, die Kanten von Schwarzwälder Schinken und Parmaschinken aus der Keulen nämlich gar nicht wirklich an. Das Geschäft ist im vergangenen Jahr pleite gegangen, die Waren wurden nur auf die Fenster geklebt. Die alte Apotheke gegenüber wurde mit ein bisschen Klebefolie in ein Schreibwarengeschäft verwandelt. In Enniskillen, 20 Kilometer weiter östlich, entstanden ein Möbelgeschäft, wo keines ist und ein Restaurant - komplett mit vollbesetzten Tischen.

Ein Zirkus zu Gast im Cameronschen Dorf. "Menschen (naja, zumindest tun sie so), Tiere (kommt der Präsidentenhund Bo eigentlich auch?), Sensationen (naja, zumindest tun sie so)!" Dass sich ihre Gegend in eine Art G8-Disneyland verwandelt, finden nicht alle der 55.000 Einwohner von Fermanagh gut. Klar, für die Maler der Gegend hat sich der Gipfel schon gelohnt. "Ich hab nie so eifrige Maler gesehen", teilte ein Verwandter des damaligen Besitzers der Metzgerei Flanagan's der Irish Times mit. Der Zirkusdirektor aus London will der Welt wohl eine glaubwürdige Vorstellung des irischen Friedens bieten. Und örtliche Funktionäre hoffen, dass der Tourismus in der ländlichen Gegend durch die weltweit ausgestrahlen TV-Bilder in Schwung kommt. Nur: "Ich weiß nicht, ob Sie schonmal irgendwo Urlaub gemacht haben, weil sich da die G8 treffen?", fragte ein Passant den Reporter der Financial Times. "Aber ich fürchte, dass es nicht besonders viele sind, die so denken."

Auch Jim Treacy macht sich keine allzu große Hoffnungen. Er war es, der Lough Erne, den Fünfsterne-Kasten inklusive Golfplatz, wo der Gipfel stattfindet, 2008 in der regenreichen Region errichten ließ. Doch in der Finanzkrise zogen sich seine Geldgeber zurück, das Resort sucht derzeit einen neuen Besitzer. Für schlappe zehn Millionen Euro.

Wer weiß, vielleicht erbarmt sich ja einer der Politiker, die tagtäglich mit einem vielfachen dieser Summe den Euro retten und kauft Jim sein Hotel ab. Als Altersvorsorge oder als Altersheim für frustrierte Bergsteiger. Merkel, golfend mit Messner im Moor, ihr Handicap verbessernd. Das würde doch passen. Nur den Parmaschinken für die Pause müssten sie wohl selbst mitbringen.