Von Wolfgang Koydl

Seitdem ein Fuchs zwei Säuglinge attackiert hat, ist ganz London in Aufruhr. Vor allem Boulevardblätter rufen zur Hatz auf - und bekommen unerwartete Unterstützung.

Sie wurden in der Downing Street gesichtet und vor dem Buckingham-Palast. Ein Exemplar schnürte sogar durchs Objektiv einer Überwachungskamera in der National Gallery: Füchse sind aus dem Stadtbild Londons mittlerweile ebenso wenig wegzudenken wie die Tauben am Trafalgar Square. Ungewiss ist nur, wie viele es von ihnen gibt: Schätzungen schwanken stark - zwischen 30.000 und 225.000 Tieren.

Schon wieder Fuchs als Schuh-Dieb ertappt Bild vergrößern

Ein Fuchs hat in London an einem warmen Sommerabend zwei Säuglinge in ihren Betten im ersten Stock eines Reihenhauses angegriffen - seitdem gelten die Tiere nicht mehr nur als lästig, sondern als gefährlich. (© ag.dpa)

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Starke Emotionen haben die Stadtfüchse bislang nicht ausgelöst. Für die einen sind sie eine possierliche Bereicherung der Hauptstadt-Fauna, für andere eine lästige Pest, weil sie sich nachts über Müllsäcke hermachen und deren Inhalt weiträumig in Gärten und Garageneinfahrten verstreuen.

Doch seitdem ein Fuchs zwei Säuglinge in ihrem eigenen Bett attackierte, hat sich das Image der Rotröcke dramatisch verschlechtert. Von überall her werden plötzlich Fuchs-Attacken gemeldet; vor allem die Londoner Boulevard-Presse gebärdet sich, als ob ein Rudel menschenfressender Löwen aus dem Regents-Park-Zoo ausgebrochen sei.

Mit "stählernem Blick" habe der Fuchs sie angestarrt, nachdem er ihre Zwillingsmädchen Isabella und Lola in die Arme und ins Gesicht gebissen habe, zitiert beispielsweise das Massenblatt Sun die Mutter der verletzten Kinder. Er habe keine Angst vor ihr gehabt, beteuerte Pauline Koupparis. Als man ihn schließlich doch verscheucht habe, wollte ein Nachbar gesehen haben, wie er wieder zurück ins Haus wollte: "Er kratzte an der Verandatür, als ob er auf den Geschmack von Blut gekommen wäre."

Fuchs in Panik

Fuchs-Experten freilich bewerten den Vorfall, der sich im Ost-Londoner Stadtteil Hackney ereignete, als einen äußerst raren Einzelfall. "Es ist sehr unwahrscheinlich, dass ein Fuchs bewusst ein Kind angreift, geschweige denn gleich zwei", meinte etwa Martin Hemmington von einer Organisation, deren Existenz bisher wahrscheinlich nur Eingeweihten bekannt war: die Nationale Gesellschaft für die Wohlfahrt von Füchsen.

Hemmington vermutete, dass der Fuchs erschrocken, ja in Panik geraten sein könnte und daher zugebissen habe. "Aber ich verstehe nicht, wieso er gleich zweimal in Panik geraten ist", wunderte er sich. Von einer "tragischen Kombination aus einer warmen Nacht, einer offenen Terrassentür, und einem naiven drei- bis viermonatigen Fuchswelpen" sprach der Fuchsfachmann John Bryant. Immerhin ein neues Detail vertraute er der staunenden Öffentlichkeit an: Das Füchslein sei wohl vom Geruch dreckiger Windeln in den ersten Stock des Reihenhauses gelockt worden.

Schadenfreude auf dem Land

Politiker, angeführt von Londons Bürgermeister Boris Johnson, fordern nun ein härteres Durchgreifen gegen die städtischen Füchse. "Sie mögen zwar knuddelig aussehen, aber sie sind halt doch eine Landplage", meinte Johnson.

Schadenfrohe Töne ertönen indes auf dem Land. Britanniens Bauern und der kleinere Landadel haben es der früheren Labour-Regierung nie vergessen, dass sie die traditionelle Fuchsjagd mit Hund und Reitern verbot. Dass sich die Füchse nun nicht nur die Städte, sondern sogar die Häuser dort als Lebensraum erobern, sehen sie als einen Akt ausgleichender Gerechtigkeit an.

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(SZ vom 10.06.2010/kat)