Freizeit Im Sturzflug

Die Politik will die Flughöhe für Modellflieger auf 100 Meter begrenzen. Waghalsige Manöver wären dann nicht mehr möglich.

(Foto: Niels P.Jørgensen)

Verkehrsminister Alexander Dobrindt will den Luftraum neu ordnen. Zugunsten von Paket-Drohnen? 200 000 Modellflieger in Deutschland fürchten um ihre liebste Freizeitbeschäftigung. Ein Ortstermin.

Von Christoph Dorner, Schlangen

Seglerschlepp, das ist so ein bisschen wie Paar-Eiskunstlauf am Himmel. Ein motorisierter Flieger zerrt ein Segelflugzeug an einem Seil in die Luft. Sie steigen höher und höher, dann wird das Seil ausgeklinkt und die beiden Flugzeuge drehen in entgegengesetzte Richtungen ab. Ein anmutiges Schauspiel. Im Großen wie im Kleinen - hier, auf dem Seglerschlepp-Modellflugwettbewerb in Schlangen, am Rande des Teutoburger Waldes. Doch wenn es nach den Plänen von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) geht, könnte schon bald Schluss sein mit dieser hohen Kunst des Modellfliegens. Nicht nur für die Brüder Schupp aus dem schwäbischen Ravensburg wäre das eine Katastrophe.

So ganz versteht man es nicht, was die Modellflugpiloten, beide Mitte 50, da gerade mit ihren tablettgroßen Fernsteuerungen anstellen. Doch dafür gibt es ja das zehnseitige Regelwerk und die fünf Wertungsrichter. In jedem Fall sind für ihre Darbietung weit über tausend Punkte zu vergeben, für das Flugverhalten, das Timing und die Landung. Nur wer den Flieger außerhalb der markierten Piste aufsetzt, "bei den Krokodilen", wie Andreas Schupp sagt, bekommt null Punkte. Und damit ist keine Meisterschaft zu gewinnen.

Man sollte die Menschen hier ernst nehmen. Sie investieren viel Zeit und Geld

Aus ganz Deutschland sind Flugfreunde nach Schlangen gereist, um die Meister im Mini-Seglerschlepp zu ermitteln. Auf dem Modellflugplatz mit Blick auf das Paderborner Land steht eine Wagenburg aus Kleinbussen und Wohnwagen, ein kleines Bierzelt, eine Würstchenbude, drei Dixi-Toiletten. Das Steak mit Toastbrot kostet sechs Wertmarken, die Zweite Bürgermeisterin spricht bei der Siegerehrung ein herzliches Grußwort. Deutscher Vereinsalltag.

200 000 aktive Modellflugsportler gibt es in Deutschland. Man sollte sie ernst nehmen. In ihr Hobby investieren sie viel Zeit und Geld. Allein die detailgetreue Pilotenpuppe, die im Segelflieger von Matthias Schupp den Steuerknüppel umklammert, hat 400 Euro gekostet. Ein bisschen sieht sie wie Dobrindt aus. Die größten Feinde der Modellflieger sind: Windkraftanlagen, die auch in Schlangen immer näher an den Modellflugplatz heranrücken. Und Drohnen.

Wegen der steigenden Zahl privat und gewerblich genutzter Drohnen plant das Bundesverkehrsministerium derzeit, die Luftverkehrsordnung zu ändern. Unbemannte Luftfahrzeuge sollen in Zukunft nur noch 100 Meter hoch fliegen dürfen. Eine Katastrophe - nicht nur für kleine Seglerschlepper, die während des Wettbewerbs bis zu 400 Meter in den Himmel steigen.

Um im Verbandssprech zu bleiben: Wird die Luftverkehrsordnung tatsächlich geändert, so würde dies bei 15 von 19 Sportklassen erhebliche Einschränkungen bedeuten. "Unsere Vereine sind in ihrer Existenz bedroht", sagt Armin Lutz, Sportreferent des "Deutschen Modellflieger Verbands" (DMFV). Sein Verband hat eine Petition für die Erhaltung des Modellflugs in seiner bisherigen Form gestartet. Seit April haben schon mehr als 85 000 Menschen unterschrieben.

Amazon hat Vorschläge für den Luftraum der Zukunft gemacht. Für Hobbypiloten ist kein Platz

Im Ministerium gibt man sich zurückhaltend. Die Novellierung der Luftverkehrsordnung - von der Modellflugzeuge genauso betroffen wären wie einfache Spielzeug-Kopter und semiprofessionelle Systeme mit Kamera und GPS - begründet man mit "der steigenden Gefährdungslage am Himmel". In Deutschland sollen bislang 400 000 zivile Drohnen verkauft worden sein, schätzt die Deutsche Flugsicherung. Zu Zwischenfällen kommt es immer wieder: Im Dezember wäre eine Kameradrohne während eines Rennens in Italien fast auf den österreichischen Skifahrer Marcel Hirscher gestürzt. Passagierflugzeuge sollen im Landeanflug wiederholt von Drohnen in Bedrängnis gebracht worden sein. Und durch das fahrlässige Verhalten einiger Drohnen-Piloten, bedingt durch die kinderleichte Steuerung, fühlen sich nun auch die Modellflugsportler in Sippenhaft genommen. Sie haben ihre Zweifel, ob es der Politik vor allem um Sicherheit geht.

Erst im Frühjahr nämlich war dem Logistikunternehmen DHL eine dreimonatige Testphase für Paketkopter-Flüge zu einer Berghütte im bayerischen Reit im Winkl genehmigt worden. Der Online-Gigant Amazon hat schon Vorschläge für eine globale Regulierung des Luftraums präsentiert. Demnach soll der Bereich zwischen 60 und 120 Metern künftig allein autonom fliegenden Transport-Drohnen vorbehalten werden. Für den Modellflug wäre dann kein Platz mehr.

Die Signale aus der Politik seien doch eindeutig, warnt DMFV-Präsident Hans Schwägerl: Deutschland wolle bei den Drohnen vorne mitmischen. Dass es am Ende Ausnahmegenehmigungen für Modellflugplätze geben könnte, das tröstet die Szene nicht. "Der Luftraum ist Allgemeingut, das man nicht an die Wirtschaft verschenken sollte", sagt Modellflieger Ewald Harms an der Landebahn in Schlangen. Und er wirkt dabei recht zornig. Es geht ja um sein Hobby.