Franziskus' Bewerbungsrede veröffentlicht Reformgeist in der katholischen Kirche

Bad in der Menge: Franziskus nach der Palmsonntagsmesse auf dem Petersplatz.

(Foto: Reuters)

Ein nie da gewesener Akt der Öffnung: Papst Franziskus hat erlaubt, das Manuskript jener Rede zu publizieren, die er vor dem Konklave hielt. Darin übt er scharfe Kritik an der "kirchlichen Selbstbezogenheit" und einem "theologischen Narzissmus". Auch aus Deutschland werden die Rufe nach Reformen lauter.

Von Matthias Drobinski

Papst Franziskus strebt offenbar einen grundlegenden Richtungswechsel der katholischen Kirche an. Das legt die Veröffentlichung jener fünfminütigen Rede nahe, die Jorge Mario Bergoglio in der Kardinalsversammlung in Rom kurz vor seiner Wahl zum Papst hielt. Sie kritisiert scharf die "kirchliche Selbstbezogenheit" und einen "theologischen Narzissmus". Offenbar trug diese Rede dazu bei, dass die Kardinäle sich für ihn entschieden. In einem bisher noch nicht da gewesenen Akt der Öffnung hat Franziskus Kardinal Jaime Lucas Ortega aus Havanna erlaubt, das Manuskript zu publizieren; das verleiht dem Dokument hohes Gewicht.

Die katholische Kirche sei "aufgerufen, aus sich selbst heraus und an die Ränder zu gehen", heißt es in dem Text, "nicht nur an die geografischen Ränder, sondern an die Grenzen der menschlichen Existenz". Eine Kirche, die das nicht tue, kreise "um sich selbst" und werde krank. "Die Übel, die sich im Laufe der Zeit in den kirchlichen Institutionen entwickeln, haben ihre Wurzeln in dieser Selbstbezogenheit", so der künftige Papst: "Es ist ein Geist des theologischen Narzissmus." Eine "egozentrische Kirche" beanspruche "Jesus für sich drinnen" und lasse "ihn nicht nach draußen treten". Es gebe die Wahl zwischen zwei Kirchenbildern: "Die verkündende Kirche, die aus sich selbst hinausgeht", und "die mondäne Kirche, die in sich, von sich und für sich lebt".

Die Rede steht in hoher Übereinstimmung mit dem, was Bergoglio als Papst Franziskus bislang getan hat. Er setzte als erste Amtshandlung durch, ohne prunkvollen Umhang vor die Gläubigen auf dem Petersplatz zu treten, er tritt betont bescheiden auf, sucht den Kontakt mit einfachen Menschen. Er wird vorerst im päpstlichen Gästehaus Santa Marta wohnen bleiben und nicht in den Apostolischen Palast umziehen, um "eine einfache Weise des Zusammenlebens mit anderen" zu erfahren, wie Vatikansprecher Federico Lombardi erklärte. An diesem Gründonnerstag will er zwölf Insassen einer Jugendstrafanstalt die Füße waschen.

Reformwillen aus Deutschland

Auch Äußerungen aus Deutschland zeigen, wie groß innerhalb der katholischen Kirche der Wunsch nach Veränderungen ist. Der Münchner Kardinal Reinhard Marx kritisierte gegenüber der Nachrichtenagentur dpa das "Hofstaat-Gehabe" der Kurie in Rom. "Der Nachfolger Petri kann kein Monarch sein", sagte Marx. Vom neuen Papst erhoffe er sich eine Kurienreform: "Es war ein Grundgefühl bei den Kardinälen, dass sich etwas ändern muss, dass man Zuständigkeiten neu überlegen muss, dass man die Skandale der Vergangenheit aufarbeiten muss. Darum wird sich der Papst sicher kümmern."

Der Apostolische Nuntius in Berlin, Erzbischof Jean-Claude Perisset, sagte der Mittelbayerischen Zeitung, man müsse über die Verwendung kirchlicher Finanzen nachdenken: "Wir haben einen Mercedes, aber es tut doch auch ein preiswerter Volkswagen." Die deutsche Kirchensteuer sei jedoch sinnvoll. Er deutete auch Bewegung beim Zölibat an: "Vielleicht wird man auf einer Synode darüber diskutieren." Man müsse Vor- und Nachteile des Zölibats auf der ganzen Welt untersuchen.