Franziskus auf den Philippinen Papst der Armen

Als es in Strömen zu Regnen begann, lehnte Papst Franziskus die Fahrt im schützenden Wagen ab und schlüpfte, wie alle anderen Gläubigen auch, in einen gelben Plastik-Poncho.

(Foto: REUTERS)

Auf den Philippinen zeigt der Pontifex, wie ernst er es mit seiner Kritik am westlichen Kapitalismus meint. Eine Kirche, die immer bei den Armen ist und mit lauter Stimme für sie eintritt - das ist Franziskus' Vision. Doch damit verlagert der Papst die Gewichte in der katholischen Kirche weg von Europa.

Ein Kommentar von Matthias Drobinski

Am Sonntag wird es wahrscheinlich die größte Menschenansammlung in der Weltgeschichte geben: Sechs Millionen Katholiken werden in Manila Papst Franziskus zujubeln, so die Prognosen stimmen, viermal so viele, wie am Wochenende zuvor in Paris der Opfer des Terrors gedachten. Das zeigt, welche Meisterin der Inszenierung die katholische Kirche nach wie vor ist. Und es zeigt, warum dem Papst Asien so wichtig ist, dass er schon zum zweiten Mal in seiner kurzen Amtszeit dorthin gereist ist, dass er im Februar so viele Bischöfe aus Asien wie nie zuvor zu Kardinälen machen wird.

Nirgendwo sonst wächst die Zahl der Christen so stark wie in Asien, abgesehen von einigen Regionen Afrikas; nicht der Islam, das Christentum ist weltweit jene Religion, die am erfolgreichsten missioniert. In Korea gibt es inzwischen mehr Christen als Buddhisten, in 30 Jahren könnte China das Land mit der zahlenmäßig größten christlichen Bevölkerung sein. Die Gewichte in der katholischen Kirche verlagern sich weg von Europa.

Für Papst Franziskus ist Asien noch aus einem anderen Grund wichtig: Nirgendwo sonst existieren Turbokapitalismus und bittere Armut so unmittelbar nebeneinander, wachsen Volkswirtschaften derart rasant und ohne Rücksicht auf Mensch und Umwelt. Gerade hier ist für Franziskus die Kirche gefragt: Sie muss bei den Armen sein, den Opfern von Ungerechtigkeit und Umweltzerstörung, des Klimawandels. Sie muss laut werden, wenn Menschen zum Objekt werden und zur Ware. Entsprechend hat er nun auch auf den Philippinen die Armut einen Skandal genannt und die Korruption im Land verdammt.

Megamesse in Manila

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Einen "Je suis Charlie"-Button trägt Franziskus nicht

Seine Vorgänger im Amt haben das auch getan. Franziskus aber bringt noch einmal eine neue Dimension in die katholische Soziallehre. Für ihn muss die Kirche selber den Blickwinkel und die Sichtweise der Armen einnehmen. Die Armutsfrage ist für ihn eine Bekenntnisfrage, an ihr entscheidet sich, ob jemand die Sache Jesu ernst nimmt oder nicht. Ansprache um Ansprache zeigt sich: Der harsche Satz "Diese Wirtschaft tötet" in seiner Programmschrift Evangelii gaudium ist so gemeint, wie er da steht. Auch inhaltlich hat der Papst aus Lateinamerika die Gewichte seiner Kirche verlagert, wie sehr, das begreifen die Europäer erst allmählich.

Wie wenig Franziskus in die klassischen europäischen Links-rechts-Schemata passt, zeigt er mit dem, was er noch auf seiner Asienreise gesagt hat. Er hat die zunehmende Zerstörung der Familien beklagt, hat das Nein zu künstlicher Verhütung verteidigt. Und er hat im Gespräch mit Journalisten erklärt, dass für ihn die Kunst- und Meinungsfreiheit ihre Grenzen hat, wo sie Religionen und Gläubige beleidigt; einen "Je suis Charlie"-Button trägt Franziskus nicht. Er stößt sich am westlichen Liberalismus und Individualismus, egal ob es um die Wirtschaft geht, die Gesellschaft oder Kunst und Kultur.

Europas Katholiken - und viele Menschen über die Kirche hinaus - sind mehrheitlich begeistert von dem Mann, der so bescheiden lebt und sich darangemacht hat, die Verhärtungen seiner Kirche aufzubrechen. Das Verunsichernde, das der Papst aus Lateinamerika ihnen bringt, schieben sie noch weg: Was heißt das für Europas reiche Christen und Kirchen - die Perspektive der Armen einzunehmen? Dabei könnte das auch in Europa die Debatten über Menschenwürde und Menschenrechte beflügeln, über Freiheit, ihre Notwendigkeit und ihre Grenzen. Dieser Papst ist nicht nur bemerkenswert, weil er sich im Mittelklassewagen fahren lässt. Mit ihm ist die katholische Kirche im Zeitalter der Globalisierung angekommen.