Von Michael Kläsgen

Dubiose Einsiedler-Idylle: Ein Franzose hat seine zwei Söhne entführt und mit ihnen elf Jahre lang glücklich im Wald gelebt, während die Mutter verzweifelt nach ihnen suchte. Jetzt sitzt der Mann in Haft.

Elf Jahre lang lebte er mit seinen beiden entführten Söhnen im Wald, abgeschieden von der Welt, irgendwo am Fuße der Pyrenäen - in einem Holzschuppen. Ende vergangener Woche erkannte ein Dorfbewohner die 17 und 18 Jahre alten Jungen wieder: Er hatte einst Kinderfotos von ihnen auf Fahndungsplakaten gesehen.

Frankreichs Einsielder: Zurück in der Zivilisation, AFP

Solarzellen auf der Dachterrasse: In diesem Haus hat ein Vater elf Jahre lang mit seinen beiden Söhnen gelebt. Am Freitag wurde die Einsiedler-Idylle beendet. (© Foto: AFP)

Anzeige

Nun sitzt Xavier Fortin in Haft und glaubt alles richtig gemacht zu haben. Seine Söhne stimmen ihm zu, und auch der Bürgermeister von Massat meint, die drei hätten sich in der Einöde besser ernährt, als wenn sie im Supermarkt einkaufen gegangen wären.

Die Zeichnung von dem 52 Jahre alten Fortin, die während der Vernehmung angefertigt wurde, zeigt einen sehr alt wirkenden Mann mit langem Bart und schulterlangen Haaren, eingewickelt in eine Decke. Die Dorfbewohner, die das französische Fernsehen interviewte, finden kaum etwas ungewöhnlich an dem Eremiten.

"Ganz normal und sympathisch"

Sie kannten und mochten ihn und seine Söhne. "Der hat ein anderes Leben gesucht und sich liebevoll um seine Kinder gekümmert. Er war ja Lehrer und hat ihnen Lesen und Schreiben beigebracht", sagt ein Mann mit grauem Bart. Ein jüngerer Dorfbewohner, etwa im Alter von Pierre und Théo, wie Fortin seine Söhne nannte, ergänzt: "Beide sind ganz normal und sympathisch."

Aktuelle Bilder von ihnen gibt es nicht, nur die alten Fahndungsfotos. Sie zeigen zwei lachende Jungen, Okwari und Shahi'yena, so ihre richtigen Namen, sechs und acht Jahre alt - das Alter, in dem ihr Vater mit ihnen verschwand. Bei der Polizei sagten sie jetzt aus, nie habe ihr Vater ihnen etwas Schlimmes angetan. Statt zur Schule zu gehen, halfen sie ihm, Ziegen und Schafe zu hüten.

Sie waren noch klein, als sich ihre Eltern trennten. Das Gericht sprach der Mutter das Sorgerecht zu, aber Fortin durfte seine Söhne regelmäßig besuchen. Weihnachten 1997 entführte er sie. Ein Gericht verurteilte Fortin 2005 in Abwesenheit zu zwei Jahren Haft.

Auf Seite 2: Wie die Einsiedler ihr Leben organisierten

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt Zurück in der Zivilisation
  2. Zurück in der Zivilisation
Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Der Trauertänzer

"Leben, das ist Bewegung": Felix Grützner tanzt auf Beerdingungen, um an die Verstorbenen zu erinnern und Raum für Gefühle zu schaffen. Jetzt lesen ...