Flutkatastrophe auf dem Balkan Serbien ruft dreitägige Staatstrauer aus

"Die Menschen stehen vor dem Nichts"

Eine halbe Million Menschen mussten ihre Häuser verlassen, ein Viertel aller Bosnier hat kein sauberes Trinkwasser mehr: Der Balkan erlebt die schwerste Naturkatastrophe seit mehr als 100 Jahren. Die Fluten bergen eine weitere Gefahr: Tausende Landminen. mehr...

Die Zahl der Toten durch das Hochwasser im Südosten Europas ist erneut gestiegen. Die Gefahr durch Epidemien in den betroffenen Gebieten wächst. Serbiens Ministerpräsident hat für die kommenden Tage eine Staatstrauer ausgerufen - und warnt vor Plünderungen.

Wegen der Hochwasserkatastrophe auf dem Balkan hat die serbische Regierung von diesem Mittwoch an eine dreitägige Staatstrauer ausgerufen. Ministerpräsident Aleksandar Vucic meldete am Dienstag zudem weitere Todesopfer in Obrenovac. Damit hat allein die kleine Stadt südwestlich von Belgrad 14 Todesopfer zu beklagen. Insgesamt sind in Serbien, Bosnien-Herzegowina und Kroatien fast 50 Menschen ums Leben gekommen - beim schlimmsten Hochwasser in der Region seit Beginn der Aufzeichnungen vor 120 Jahren.

Die Lage in den Balkanstaaten ist nach wie vor angespannt. In der Nacht zum Dienstag brach in Nordbosnien der Fluss Save die Sandsackwälle und überflutete mehrere Dörfer. Östlich von Belgrad versuchten Soldaten, Mitarbeiter und Freiwillige das Wasser vom Kohlekraftwerk Kostolac fernzuhalten. Die Gefahr sei noch nicht gebannt, sagte Energieminister Slobodan Antic im Fernsehen. "Wir brauchen Pumpen, Pumpen, Pumpen", erklärte er.

Dagegen scheint das Kraftwerk in Obrenovac gerettet. Es deckt etwa die Hälfte des Strombedarfs in Serbien ab. An der Grenze zu Bosnien drohte den Behörden zufolge ein ganzer Hügel in den Fluss Drina abzurutschen. Das könnte zur Überflutung des benachbarten Ortes Zvornik führen.

Die Gegend um die Stadt Obrenovac ist fast vollständig überflutet.

(Foto: AP)

Warnung vor Epidemien und Plünderungen

Auf dem Balkan ist innerhalb weniger Tage so viel Regen gefallen wie sonst innerhalb mehrerer Monate. Die Zerstörung durch das Hochwasser ist von den Behörden mit den Folgen des Bosnien-Kriegs in den 90er Jahren verglichen worden. Allein in Bosnien ist mehr als ein Viertel der Bevölkerung betroffen.

Die Behörden warnen angesichts der frühsommerlichen Temperaturen außerdem vor einer "Epidemienkatastrophe" in den Überschwemmungsgebieten. "Wir müssen sofort mit den Aufräumarbeiten anfangen, um Seuchen zu verhindern, wir werden Tonnen von Tierkadavern entsorgen müssen", warnte Aleksandar Vucic. Auch sein bosnischer Amtskollege Nermin Niksic betonte, es stehe ein "harter Kampf" gegen Epidemien und Krankheiten an. Experten warnen, dass die bei den Fluten umgekommenen Tiere aufgrund der steigenden Temperaturen schneller verwesen werden als normalerweise. Bosnien hat bereits die internationale Gemeinschaft um mobile Einäscherungseinheiten gebeten.

1,6 Millionen Menschen betroffen

Serbiens Ministerpräsident Vucic warnte zudem vor Plünderungen in den überschwemmten Gebieten. In der Stadt Obrenovac seien bereits zehn Diebe gefasst worden. Die Antwort der Behörden auf weitere Vergehen dieser Art werde "sehr hart" sein, kündigte Vucic an.

Rund um die serbische Hauptstadt Belgrad haben freiwillige Helfer die Dämme mittlerweile über eine Länge von zwölf Kilometer erhöht. Die Befestigungen halten, doch werden für Dienstag neue Höchststände der Save erwartet. Bedroht sind neben Belgrad vor allem die serbischen Städte Sabac und Sremska Mitrovica sowie Orasje im Nachbarland Bosnien. In Serbien wurden bislang etwa 30 000 Menschen vor den Fluten in Sicherheit gebracht, in Bosnien sogar mehr als 100 000. Insgesamt sind etwa 1,6 Millionen Menschen von den Überschwemmungen betroffen.