Von Tobias Matern, Nowshera

Spurensuche im Nordwesten Pakistans - die Opfer kämpfen verzweifelt gegen das Chaos und die Seuchengefahr. Hier gilt: Des einen Terrorist ist des anderen Katastrophenhelfer.

Sein ganzes Leben hat Shah Wali hier verbracht, in dem kleinen Haus zwischen dem Bahngleis und dem Fluss. Der ist nach der Stadt benannt, in der er geboren wurde, die Shah Wali aber nur von kurzen Besuchen kennt. Vor 31 Jahren kam er in der afghanischen Hauptstadt auf die Welt, nur ein paar Monate später flohen seine Eltern mit dem Baby nach dem Einmarsch der Sowjetunion ins benachbarte Pakistan. Aus den geplanten Wochen und Monaten wurden Jahre. Bis heute reiht sich in Afghanistan ein Krieg an den nächsten, bis heute wohnt die Familie Wali etwas außerhalb von Nowshera im Nordwesten Pakistans, so wie immer noch fast zwei Millionen afghanische Flüchtlinge.

A family wades through flood waters in Pakistan's Muzaffargarh district of Punjab province Bild vergrößern

"Fast alles, was wir uns in den vergangenen 30 Jahren aufgebaut haben, ist an einem Tag in den Fluten verschwunden": eine pakistanische Familie in der Provinz Punjab bei dem Versuch, die letzten Habseligkeiten zu retten. (© REUTERS)

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Der junge Mann hat im Laufe der Jahre geheiratet, eine Frau aus dem Camp. Er ist nun auch für die Braut seines an Krebs verstorbenen Bruders verantwortlich, so will es die Tradition. Und für sieben Kinder. Er hat sich in Pakistan eine bescheidene Existenz aufgebaut. Wali erzählt, wie seine Eltern Jahre brauchten, um von einem Zelt in ein von UN-Helfern aufgebautes, winziges Haus aus Ziegelsteinen umziehen zu können.

"Ein Tisch, ein Bett, ein Teppich, jeder Gegenstand, den wir hier im Laufe der Zeit gekauft haben, war für uns immer etwas Besonderes, weil wir lange dafür sparen mussten", sagt Shah Wali. Und berichtet stolz davon, wie sie nicht mehr auf Almosen angewiesen waren, wie er die Familie ernähren konnte von den umgerechnet etwa 70 Euro, die seine Arbeit als Tagelöhner im Monat eingebracht hat.

Shah Wali macht eine Pause, er ringt um Fassung. Dann sagt er: "Alles, was wir uns in den vergangenen 30 Jahren aufgebaut haben, ist an einem Tag in den Fluten verschwunden. Wir haben nichts mehr." Menschen wie Shah Wali leben nun auf dem Grünstreifen zwischen den Fahrbahnen der Schnellstraße, auch an einem Kanal stehen ein paar Zelte der Vereinten Nationen und von Hilfsorganisationen. Aber es reicht längst nicht für alle Menschen, die diese Flut obdach- und mittellos gemacht hat. Walis Familie hat wie Millionen andere alles in den Wassermassen verloren.

Millionen Kinder gefährdet

Zwei Männer hinter Shah Wali versuchen, Holz und Steine aus dem Morast zu ziehen, ein nacktes Kind spielt unter Bäumen in einer verdreckten Pfütze, über der Moskitos fliegen. Die etwas größeren Jungen baden in einem Kanal, den der Kabul-Fluss geschluckt hat. Das Wasser ist dunkelbraun. Die Vereinten Nationen warnen davor, dass Millionen Kindern lebensgefährliche Krankheiten drohen, weil sie nichts anderes trinken als dieses abgestandene Flutwasser.

Nowshera ist wie große Teile des Nordwestens besonders heftig von der Katastrophe betroffen. Die Pegelstände sind zwar schon etwas zurückgegangen, aber es bleiben Chaos, Hoffnungslosigkeit, Schlamm und die Seuchengefahr. Nicht nur im afghanischen Lager, auch in der Innenstadt Nowsheras sieht es aus wie in einem Kriegsgebiet. Ganze Straßenzüge sind zerstört. Dutzende eingebrochene Häuser und Ruinen reihen sich aneinander. "In dieser Stadt sind fast 100 Prozent der Häuser von der Flut betroffen", sagt ein Lehrer, der vor einem Gebäude steht, in dem einst Mädchen zur Schule gegangen sind. Daran erinnert jetzt nur noch das unbeschädigte Schild. Das Gebäude selbst ist ein einziger Trümmerhaufen.

Der Mann ist wütend, man braucht ihm keine Fragen zu stellen, alles bricht aus ihm heraus. Präsident Asif Ali Zardari sei "ein Dieb", die Politiker im Allgemeinen nutzten selbst diese Katastrophe, "um sich die Taschen mit Geld vollzustopfen". Die Behörden koordinierten sich nicht, auch mehr als zwei Wochen nach der Überflutung Nowsheras fehle es an allem. "Wir haben vor allem nicht genug Pumpen, um das Wasser wegzubekommen", sagt der Lehrer und zeigt auf einen der zahlreichen, stinkenden Tümpel. In jeder Vertiefung der Stadt steht noch immer das Wasser. Auch an Decken fehlt es, an Zelten, an Nahrung. Eine Frau aus der Stadtverwaltung sagt, dass die Behörden völlig überfordert seien.

"Wir heißen jeden willkommen"

Mian Adil bemüht sich, einen anderen Eindruck zu vermitteln. Der bärtige Mann trägt die Basketballkappe einer Jeansmarke und sitzt unter einer Zeltplane. Blaue Wasserbehälter stehen auf dem Gelände, auch zahlreiche gusseiserne Riesentöpfe für die Zubereitung von Essen auf offenem Feuer. Männer in Schutzwesten laufen umher. Adil ist stellvertretender Vorsitzender der Falah-e-Insaniyat, einer Organisation, die nach Ansicht der Beobachter aus der verbotenen Terrorgruppe Lashka-e-Taiba hervorgegangen ist, die für die Anschläge von Mumbai 2008 verantwortlich sein soll und weiterhin Dschihadis für den Kampf gegen Indien nach Kaschmir schickt.

Adil berichtet zunächst lieber ausgiebig von der Fluthilfe, die seine Organisation leistet, von 100.000 Menschen, die sie angeblich täglich mit Essen versorgen. Beweisen lässt sich das nicht, aber die Menschen in den Flutgebieten erzählen von der unkomplizierten Hilfe der Islamisten. Tausende Freiwillige seien im Einsatz, um Spenden zu sammeln, noch mehr seien bei Rettungsaktionen dabei, sagt Adil.

Zu Beginn der Katastrophe griffen Gruppen wie Falah-e-Insaniyat die Regierung und den Westen noch frontal an. Jetzt betont der Vizechef, seine Organisation wolle keine Anarchie, also solle die Regierung nicht als Folge der Flutkatastrophe stürzen, aber darauf achten, dass es gerechter und islamischer zugehe. Auch gegen die Hilfe der sonst verhassten Amerikaner habe er nichts, sagt Adil. "Wir heißen jeden willkommen, der Pakistan in der Stunde der Not zur Seite steht."

Schnell kommt der Mann dann auf den "Widerstand" afghanischer Kämpfer gegen die USA zu sprechen, auf "die indische Besatzung Kaschmirs" und "den moralisch gerechtfertigten Dschihad", den die Dschihadis dort seiner Meinung nach betreiben. Politische Ziele verfolge seine Organisation keine, auch nicht den bewaffneten Kampf, sagt er.

Beobachter sehen das anders. Selbst wenn sie sich nicht an Wahlen beteiligen werden, nutzten Gruppen wie Falah-e-Insaniyat die Nothilfe, um ihre gesellschaftliche Akzeptanz in Pakistan auszubauen; anschließend würden sie auch bemüht sein, weitere Rekruten für den Dschihad zu finden, ist sich ein Experte sicher.

Aber das wird erst die Zeit nach der Flutkatastrophe zeigen. Der afghanische Flüchtling Shah Wali hat im Moment ganz andere Sorgen. Einige der Männer, die ihn umringen, sagen, sie würden nun nach 30 Jahren zurück in ihr Geburtsland gehen. Shah Wali würde lieber bleiben, die Gegend um Nowshera ist seine Heimat. "Ich sehne mich nach Arbeit und dem Gefühl, dass ich meiner Familie und mir selbst helfen kann", sagt er. Aber Arbeit gibt es für ihn keine, es mangelt den Menschen an dem Geld, mit dem sie ihre Häuser wiederaufbauen könnten.

Nach dem Gespräch mit Shah Wali fragt einer der Männer, ob er ein Blatt Papier bekommen könnte. Bevor er sich abwendet, reißt er es in kleine Stücke, steckt eines davon in den Mund und beginnt zu kauen.

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(SZ vom 18.08.2010/jab)