Flüchtlingsdrama vor Lampedusa Überfahrt in den Tod

Grausames Ende einer Flucht nach Europa: Ein völlig überladenes Flüchtlingsboot mit 300 Afrikanern an Bord ist vor Lampedusa gekentert. Bis zum Abend konnten nur knapp 50 Passagiere gerettet werden.

Von Andrea Bachstein, Rom

Vor der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa ist es zu einem Flüchtlingsdrama mit zahlreichen Todesopfern gekommen. Wie die italienische Küstenwache am Mittwoch mitteilte, kenterte in der Nacht zum Mittwoch etwa 70 Kilometer südwestlich der Insel ein Flüchtlingsboot aus Libyen mit bis zu 300 Menschen an Bord. Bis zum Abend konnten nur 48 Menschen gerettet werden. Die meisten der Opfer sollen aus Somalia und Eritrea stammen.

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Das Unglück ereignete sich gegen vier Uhr nachts. Der italienischen Küstenwache zufolge kenterte das völlig überladene Boot bei Windstärke sechs in maltesischen Gewässern. Das Schiff setzte per Satellitentelefon noch einen SOS-Ruf ab, den die maltesischen Behörden nach Rom weiterleiteten. Von Lampedusa aus eilten daraufhin zwei Boote der italienischen Küstenwache und ein Hubschrauber der Finanzpolizei zu Hilfe. Das Boot der Flüchtlinge war offenbar gerade ins Schlepptau eines italienischen Schiffes genommen worden, als die Wellen es umwarfen. Zahlreiche Flüchtlinge stürzten in die stürmische See.

Italienisches Militär und Küstenwache sind seither mit Schiffen und Hubschraubern im Rettungseinsatz, ebenso ein größeres Fischerboot. Es wurden auch Schwimmwesten und Flöße im Bereich der Unglücksstelle abgeworfen. Die Aktion wurde allerdings von den schlechten Wetterbedingungen und mehrere Meter hohem Wellengang behindert.

Die Geretteten wurden zunächst auf die 200 Kilometer vor Sizilien gelegene Insel Lampedusa gebracht. Unter ihnen war eine im achten Monat schwangere Frau. Auch die nicht schwerer Verletzten sollen unter Schock stehen und an Unterkühlungen leiden. Die Geretteten gaben an, dass unter den Passagieren des Unglücksbootes eine größere Zahl von Frauen und Kindern gewesen sei. Dass sie von Libyen aufgebrochen sind, lasse sich vom Kurs, den das Boot so nahe an Malta genommen hat, ableiten, erklärte die italienische Küstenwache. Über Libyens Küste führt der klassische Fluchtweg aus Schwarzafrika nach Europa. Seitdem in Libyen Krieg ist, werden die Grenzen nicht mehr kontrolliert.

In der Nacht zum Mittwoch landeten auch andere Flüchtlinge auf Lampedusa. Insgesamt 354 Menschen kamen aus Tunesien, Ghana, Eritrea, Somalia und Äthiopien. Einer der Flüchtlinge berichtete, sie hätten für das Boot pro Kopf 400 Euro bezahlt, man habe ihnen auch ein GPS-Gerät zur Navigation gegeben mit dem voreingestellten Kurs auf Lampedusa. Keiner an Bord habe jedoch gewusst, wie man ein Schiff überhaupt führt.

Um Unglücke wie das in der Nacht zum Mittwoch zu verhindern, fährt die italienische Küstenwache den Flüchtlingsbooten nach Möglichkeit bis an die Hoheitsgrenze entgegen, sobald sie von Flugzeugen oder Schiffsradar geortet werden. Die Zahl der vor allem aus Tunesien in Italien gelandeten Migranten übersteigt seit Jahresbeginn bereits 20.000. Es sind zum überwältigenden Teil junge Männer, die in der Hoffnung kommen, in Europa Arbeit zu finden.

Um den Zustrom der Migranten aus Tunesien zu stoppen, traf Italiens Innenminister Roberto Maroni am Dienstag eine Vereinbarung mit der tunesischen Übergangsregierung. Demnach sagte Innenminister Habib Essid in Tunis zu, dass von nun an Grenzkontrollen wieder verschärft würden und Tunesien dabei mit italienischen Behörden kooperieren werde. Dem Wunsch Roms, die 20.000 bereits eingereisten Tunesier sofort wieder in ihre Heimat zurückweisen zu können, widersetzte sich jedoch die tunesische Regierung.