Flüchtlingsdebatte Warum Gerüchte so mächtig sind

Candles are lit next to a door at the State Office of Health and Social Affairs (LAGeSo) registration centre for refugees in Berlin after news spread over social media on the alleged death of a Syrian migrant on January 27, 2016. Police and health authorities in Berlin had no record of the alleged incident. The source of the information, a volunteer at the 'Moabit Hilft' (a local migrant charity organisation), has not been available after the story emerged. / AFP / TOBIAS SCHWARZ

(Foto: AFP)

Einer setzt eine falsche Geschichte in die Welt - schon geht sie los, die Hysterie. Warum es so schwer ist, Schauermärchen aus der Welt zu schaffen.

Kommentar von Sebastian Herrmann

Vor Jahren entließ Andrew Wakefield eine Lüge in die Öffentlichkeit, die bis heute durch die Welt vagabundiert. Der Arzt arbeitete für Auftraggeber, die sich eine Veröffentlichung wünschten, mit der sie ihre Agenda vorantreiben konnten. Er fabrizierte eine alarmierende Studie. Es gelang ihm, seine Fälschung in einem renommierten Fachblatt zu publizieren. Nach viel zu langer Zeit flog der Schwindel auf. Der Arzt verlor die Approbation. Die Studie wurde als gefälscht gebrandmarkt. Und gerade deshalb wirkt die Lüge des Andrew Wakefield bis heute: Noch immer fürchten viele Eltern, dass die Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln Autismus auslösen könnte.

Die Karriere der Impfhysterie offenbart ein Dilemma. Wer aufklären will, erreicht oft das Gegenteil. Wer Gerüchte widerlegt, befeuert deren Verbreitung. Zugleich darf Desinformation nicht unwidersprochen bleiben. Mediziner waren gezwungen, die irrigen Behauptungen ihres Kollegen zu entkräften. Sie konnten die Angst vor der Immunisierung nicht ignorieren. Sie mussten dem entgegentreten. Doch haben sie der Lüge ihres Kollegen so eine noch größere Bühne verschafft.

Alle diese Geschichten vergiften die Atmosphäre

Vor dem gleichen Dilemma stehen gerade Politik, Medien und Öffentlichkeit. Sie müssen auf die vielen Fehlinformationen reagieren, die sich in der Flüchtlingsdebatte verbreiten. Die Gerüchte handeln von Sexualstraftaten, von verwüsteten Supermärkten, von Diebstählen, Überfällen, von erfrorenen Menschen vor untätigen Behörden, bis hin zu ganz absurden Behauptungen, in denen abgeschlagene Köpfe eine Rolle spielen.

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Manche dieser Lügen werden bewusst in die Welt gesetzt. Andere Gerüchte und Behauptungen entstehen, ohne dass es eindeutige Urheber gibt. Alle diese Geschichten vergiften die Atmosphäre, sie sind Waffen, die Vertrauen zerstören. Und sie sind einfach nicht aus der Welt zu schaffen. Gegen die Verbreitung von Gerüchten haben Psychologen und andere Wissenschaftler bisher keine effektive Therapie gefunden. Sie können allenfalls einige Fehler benennen, die in der Kommunikation vermieden werden sollten.