Film "Oscar Pistorius: Blade Runner Killer" Oscar Pistorius schleicht als dunkler Schatten durchs Haus

Bewundernde Blicke - oder eher beängstigend? Andreas Damm als Oscar Pistorius im Film "Blade Runner Killer".

(Foto: Lifetime)

Ein Film versucht sich an einem der spektakulärsten Kriminalfälle der vergangenen Jahre. Und scheitert. "Oscar Pistorius: Blade Runner Killer" ist ein plumper Psychothriller mit Softporno-Sex.

Von Johanna Bruckner, New York

"Wir haben unser gemeinsames Leben geplant. Es war eine perfekte Nacht", sagt Oscar Pistorius, als er oberkörperfrei und blutverschmiert in seiner Garage sitzt. Er spricht mit der Polizei. Die ist in seine Villa in Pretoria gekommen, weil Pistorius seine Freundin erschossen hat, das Model Reeva Steenkamp. Pistorius erzählt, wie die perfekte Nacht, die Nacht zum Valentinstag 2013, zu seinem persönlichen Albtraum wurde. Wie er nicht schlafen konnte wegen der Hitze und aufstand, um einen Ventilator vom Balkon ins Zimmer zu holen. Wie er plötzlich Geräusche hörte im Haus und zu seiner Waffe griff. Wie er sich dem Badezimmer näherte und den Eindringling anschrie, den er dort vermutete. Drohend. Panisch. Wie er feuerte. Vier Schüsse durch die verschlossene Badezimmertür, in kurzer Abfolge. Oscar Pistorius darf seine Wahrheit erzählen.

Diese Szene steht am Beginn des neuen Films "Oscar Pistorius: Blade Runner Killer". Sie könnte der dramaturgische Auftakt sein, um einen der spektakulärsten Kriminalfälle der vergangenen Jahre nachzuzeichnen und in all seinen Facetten zu beleuchten. Denn auch in der Realität konkurrieren bis heute verschiedene Versionen der Geschehnisse. Doch den Machern des Films geht es nicht darum, dem Zuschauer Unklarheiten zuzumuten - das macht schon der reißerische Titel deutlich. ("Blade Runner" war Pistorius' Spitzname als Läufer.) Es bräuchte keinen Kommissar wie aus einem englischen Countryside-Krimi, der nach Pistorius' Zeugenaussage bedeutungsschwanger sagt: "Hier stimmt etwas nicht." Der Zuschauer weiß auch so ziemlich schnell, dass Oscar Pistorius am Ende schuldig sein wird.

Staatsanwaltschaft: Pistorius zeigte keine echte Reue

Dafür viel Selbstmitleid. Bereits zum dritten Mal muss nun ein Gericht über das Strafmaß für den Ausnahmesportler, der seine Freundin erschossen hat, entscheiden. Von Anna Fischhaber mehr ...

Kontroll-SMS auf der Toilette

Das allein wäre noch nicht kritikwürdig, schließlich hat auch Südafrikas Justiz Pistorius schuldig gesprochen. Zunächst der fahrlässigen Tötung, später wegen Totschlags. Doch die Art und Weise, wie Pistorius, gespielt von Andreas Damm, über 84 Minuten demontiert wird, ist plump. "Ich wusste es", ruft Steenkamps Mutter, als sie der Kommissar am Telefon über den Tod ihrer Tochter informiert. Man selbst hätte gerne gewusst, ob die südafrikanische Polizei wirklich Angehörige telefonisch über das Ableben nahestehender Personen informiert. Der Film soll in Teilen auf öffentlichen Aufzeichnungen zum Fall Pistorius beruhen - an welchen Stellen sich die Macher künstlerische Freiheiten genommen haben, bleibt offen.

"Blade Runner Killer" ist der erste Versuch einer fiktionalen Aufarbeitung. Der Film beginnt am Tag vor Steenkamps Tod, in Rückblenden wird die Vorgeschichte eingewebt. Der Zuschauer sieht, wie sich das Model und der Sprinter bei einem Motorsport-Event kennenlernen. Wie sie ihn beim ersten öffentlichen Date gegenüber Journalisten als "Gentleman" lobt, und wie er ihr zuflüstert, dass er nicht immer ein Gentleman sei. Der Zuschauer darf die Nachrichten, die sich das Paar schreibt, mitlesen und er bekommt - wiederum nicht sehr subtil - Hinweise zugesteckt, dass mit Pistorius schon vor der verhängnisvollen Valentinsnacht etwas nicht stimmte.

Ständig bekommt Steenkamp SMS von Pistorius. Beim Fotoshooting am Strand, auf dem Weg ins Fitnessstudio, sogar, als sie während einer gemeinsamen Verabredung kurz auf die Toilette geht. Pling, pling, pling. Steenkamps beste Freundin und Managerin findet den neuen, prominenten Freund "gruselig". Steenkamp, gespielt von dem deutschen Model Toni Garrn, sagt: "Er ist irgendwie intensiv."

Es kommt zu heftigen nächtlichen Streits. Eine keifende Nachbarin, sehr holzschnittartig dargestellt, tritt auf und kommandiert im Bademantel den Wachschutz der Gated Community herum. Und dann, um ein Gefühl wie im Horrorfilm auszulösen, schleicht alsbald ein dunkler Schatten durch die Pistorius-Villa, während das Licht des offenen Kühlschranks die ahnungslose Steenkamp perfekt ausleuchtet. Untermalt wird das Ganze von dräuender Musik.

Die Macher des Films setzen auf einfache Narrative. Die Liebesgeschichte ist genüsslich im Stile eines Boulevardmagazins inszeniert - inklusive Softporno-Sex am Tag vor Reevas Tod. Die Hauptfigur legt der Regisseur küchenpsychologisch als "tickende Zeitbombe" an. "Ich hasse es, dass du mich manchmal so wütend auf dich machst", sagt Pistorius. Alles, was sich nach den tödlichen Schüssen ereignete, das mediale Spektakel, die Prozesse, die öffentliche Debatte in Südafrika um Waffenfanatismus und die Gewaltbereitschaft einer ganzen Gesellschaft, werden dagegen knapp und lieblos abgehandelt.

Mensch, Übermensch, Todesschütze

"Man. Superman. Gunman" betitelte das Time Magazine 2013 eine Titelgeschichte über den Athleten ohne Beine, der im Jahr zuvor nicht nur an den Paralympics in London teilgenommen hatte, sondern auch bei den Olympischen Spielen gegen die besten nichtbehinderten Läufer der Welt angetreten war. Mensch, Übermensch, Todesschütze - diese drei Begriffe erzählen mehr als der knapp anderthalbstündige Film.

Dass es auch anders geht, besser, zeigt die großartige Netflix-Dokumentation "Amanda Knox". Auch dieser Fall trieb die Weltöffentlichkeit um, auch dieser reale Krimi ist bis heute ungelöst. War die amerikanische Studentin Amanda Knox im Jahr 2007 an der Vergewaltigung und dem Mord an ihrer Mitbewohnerin Meredith Kercher beteiligt? Oder wurde sie vollkommen schuldlos in das grausame Verbrechen hineingezogen? Der Film schafft es, dem Drang zu widerstehen, eindeutige Antworten zu geben. Wenn überhaupt erscheinen am Ende alle schuldig, Knox, die Polizei, die Medien. Der Zuschauer bleibt beunruhigt zurück.

Der Pistorius-Film dagegen hat wenig Tiefgang. "Er ist der Brad Pitt der Sportwelt", sagt der eingangs erwähnte Kommissar an einer Stelle. Fall erledigt.

Der Film "Oscar Pistorius: Blade Runner Killer" wurde für den US-Sender Lifetime produziert. Einen deutschen Ausstrahlungstermin gibt es bislang nicht.

"Entweder bin ich ein Psychopath im Schafspelz oder ich bin du"

Amanda Knox wurde zweimal als Mörderin verurteilt und zweimal wieder freigesprochen. Jetzt rekonstruiert Netflix ihre Geschichte: sachlich richtig - und zugleich spannend. TV-Kritik von Marc Hoch mehr...