Feuertod in Dessau "Ich kann Oury Jalloh nicht loslassen"

Mouctar Bah, der Freund Oury Jallohs

(Foto: Antonie Rietzschel)

Seit 13 Jahren kämpft Mouctar Bah dafür, dass der Tod seines Freundes aufgeklärt wird. Für ihn steht fest: Es war Mord, möglicherweise begangen von Polizisten. Was nach Verschwörungstheorie klingt, wollen Experten nicht mehr ausschließen.

Von Antonie Rietzschel, Dessau

Mouctar Bah weiß, dass der Leichnam kein schöner Anblick sein wird. Trotzdem bittet er das Bestattungsunternehmen, den Sargdeckel abzunehmen. Bah sieht den kahlen Schädel und das rußgeschwärzte Gesicht. Die Finger an der linken Hand fehlen, sie sind vom Feuer abgetrennt worden. Dort liegt sein Freund Oury Jalloh, vor wenigen Wochen in einer Gefängniszelle zu Tode gekommen. Jalloh, so sagt die Polizei, soll sich selbst angezündet haben. Bah hat vom ersten Tag an Zweifel an der Version, nun wächst sein Misstrauen. Wie kann ein solch heftiges Feuer unter Aufsicht von Polizisten entstehen? Was passierte wirklich in der Zelle? Am Sarg schwört Mouctar Bah seinem toten Freund, Antworten auf diese Fragen zu finden.

13 Jahre ist das nun her. Am 7. Januar 2018, dem Todestag von Oury Jalloh, wird Mouctar Bah wie jedes Jahr gemeinsam mit Unterstützern in Dessau demonstrieren. Für sie steht längst fest, dass Jalloh ermordet wurde, möglicherweise von Polizisten, in staatlichem Gewahrsam also, mitten in Deutschland. Eine unglaubliche These, die lange nach Verschwörungstheorie klang. Doch mittlerweile wollen Juristen, Gutachter und Politiker sie nicht mehr ausschließen. Die Zeit hat viele drängende Fragen aufgeworfen. Auf Anweisung des Justizministeriums in Sachsen-Anhalt hat die Generalstaatsanwaltschaft in Naumburg die Ermittlungen an sich gezogen. Nach langem Ringen erhalten auch die Abgeordneten im Landtag Einsicht in die Akten. Sie sollen sechs Umzugskisten umfassen.

Ein Ort der Trauer

Wird der Fall neu aufgerollt, ist das vor allem Mouctar Bah und der von ihm mitbegründeten "Initiative im Gedenken an Oury Jalloh" zuzuschreiben. Bah sitzt auf einem der grauen Bürostühle eines Internetcafés in Dessau. Neben dem 42-Jährigen stehen ein paar Rechner, die Bildschirme sind schwarz. Vorn im zugigen Eingangsbereich verkauft ein junger Mann Waren aus afrikanischen Ländern: Palmöl, Maniokwurzeln, Bananen. Aber auch Sim-Karten für Handys. Ein älterer Herr kommt herein, man kennt sich. Der Junge nennt ihn scherzhaft "Opa". Die Männer lachen. Für sie ist der Laden ein Treffpunkt. Für Mouctar Bah ist es ein Ort der Trauer. Es gibt keinen Grabstein für Oury Jalloh auf dem Friedhof der Stadt. Sein Leichnam wurde nach Sierra Leone überführt, wo Jallohs Familie lebt. Deswegen kommt Bah hierher, wenn er seinem Freund nah sein möchte.

Einst gehörte der Laden Mouctar Bah selbst, 2003 hat er ihn eröffnet. In sein Telecafé kamen vor allem Flüchtlinge, um die Familie in der Heimat anzurufen. Bah zeigt mit dem Finger auf die Kühltruhe und die Regale voller Saft und Bier. "Dort standen die Telefonkabinen. Die Computer gab es noch nicht, stattdessen ein kleines Büro." Hier beriet er seine Kunden auch in Asylfragen, übersetzte die Briefe der Ämter. Bah erledigte sogar Behördengänge. Sonntags kochte er für alle.

"Es fehlte nur einer: Oury."

Irgendwann im Sommer 2004 steht Oury Jalloh im Laden. Er will telefonieren. Bah schickt ihn in Kabine zwei. Anschließend kommen die beiden Männer ins Gespräch. Jalloh stammt aus Sierra Leone, Bah aus Guinea. Sie sind auf unterschiedlichen Wegen nach Deutschland gelangt. Mouctar Bah 1993 als Student, Jalloh als Flüchtling.

Oury Jalloh kommt von nun an öfter in das Telecafé. Sie nennen ihn "Rasta" wegen seiner Haare. Manchmal übernachtet er bei Mouctar Bah, der damals direkt über dem Laden wohnt. Sie gehen zusammen in die Disco, schauen Fußball. "Er war ein so offener Mensch", sagt Mouctar Bah. Seine Stimme klingt zärtlich, wenn er über Jalloh redet. "Einmal kam er mit einem jungen Asiaten zu uns. Einige reagierten etwas ablehnend. Da sagte Oury, wir seien rassistisch." Bah lacht. Das tut er selten.

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In der Nacht zum 7. Januar 2005 sieht Bah seinen Freund zum letzten Mal. Die beiden wollen tanzen gehen. Als Oury Jalloh seinen Freund Bah abholen will, ist der Laden voll. Bah kann nicht weg, bittet Jalloh zu warten. Doch der zieht irgendwann alleine los. Am nächsten Morgen bekommt Mouctar Bah einen Anruf. Ob er schon gehört hätte, ein Schwarzafrikaner sei auf der Polizeiwache gestorben. Mouctar Bah startet eine Telefonlawine: Alle sollen sich im Telecafé treffen. "Es fehlte nur einer: Oury."