Berlinale-Partys Terroristen reisen besser ohne Koffer an

Es ist 66. Berlinale und Direktor Dieter Kosslick zeigt Hut auf dem Roten Teppich. Rund um die Internationalen Filmfestspiele zeigt sich mehr Security und Polizei denn je.

(Foto: dpa)

Die Auftakt-Partys des Festivals sind gespickt mit Promis wie eh und je. Die richtige Würze bringt aber erst ein bisschen Terror-Angst.

Von Ruth Schneeberger, Berlin

Natürlich reagiert auch die Berlinale auf die erhöhte Terrorgefahr. Zum Beispiel kann man nicht einfach mit einem Koffer anreisen. Das wäre ja noch schöner. Reist man trotzdem mit Koffer an, etwa zur Eröffnung vom Hauptbahnhof zum Berlinale-Palast , erfährt man, dass man den Koffer nicht mit reinnehmen darf. Zur Akkreditierung oder sonst wohin.

Freundliches Anfragen bei Hotelpersonal und sonstigen Bediensteten bleibt folgenlos: Niemand will auf den Koffer aufpassen, nicht einmal fünf Minuten. Lässt man ihn dann entnervt beim Portier stehen, um sich zumindest mal anmelden zu können, hat man sofort die Polizei am Hals, die aufgeregt rumschreit, man habe einen Polizeieinsatz ausgelöst. Merke: Terroristen reisen besser ohne Koffer an. Das ist einfach zu verdächtig.

Impressionen vom roten Teppich: Undercut und Reptilienhaut

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Einschränkungen gibt es auch bei den Partys rund um die Berlinale-Eröffnung: Dass vor der ARD-Blue-Hour im Museum für Kommunikation zwei Dutzend Polizisten stehen, ist neu. Normalerweise stehen hier Promi-Jäger. Auf diesem Branchentreffen des Öffentlich-Rechtlichen trifft sich die Crème de la Crème des ernstzunehmenden deutschen Films. Also weniger Til Schweiger und die Ochsenknecht-Brüder, sondern eher Jessica Schwarz, Julia Jentsch, Max von Thun oder Tom Schilling. Manche tragen normale Straßenkleidung anstelle der Berlinale-Party-typischen Abendrobe und unterhalten sich bei Champagner und Kartoffelgratin tatsächlich inhaltlich über Filme. Typischer Satz: "Hey, ich habe euren Krimi gesehen, der war toll!" Typische Antwort: "Danke, aber mein Metzger spricht seitdem nicht mehr mit mir." Promi-Dichte: sehr hoch. Location: sehr edel. Nutzwert: Für deutsche Schauspieler vielleicht das einzige Treffen des Jahres, auf dem endlos Champagner fließt.

Im Vordergrund: eine sehr schwangere Isabell Gerschke, Schauspielerin. Im Hintergrund: Partyvolk bei der ARD-Blue-Hour-Berlinale-Party.

(Foto: Getty Images)

Noch mehr und vor allem noch aufgeregtere Polizisten stehen Freitagnacht vor der spanischen Botschaft. Burda ruft zum Bunte-Empfang. Aber dass einfach Promis nett zusammenkommen, geht jetzt nicht mehr so einfach. Erstens gelten in einer Botschaft sowieso strengere Einlassregeln. Und dann könnte ja auch jeder kommen. Also muss das Taxi erst einmal zehn Minuten um die Ecke warten: Polizeikontrolle. Man ist ja nicht zum Spaß da. Entschädigend wirken Location (sehr weiche Teppiche) und Drinks (spanische Köstlichkeiten aus Daniel Brühls Bar). Ein Rückschlag sind manche Outfits (Fransen-Mini zu Stiefeln an Verona Pooth) und betrunkene weibliche Gäste, die aus Versehen eine Kamera vor den Latz geknallt bekommen und fassungslos in den - sehr weichen - Teppich sinken. Promi-Dichte: Mehr geht nicht, Unbekannte werden gar nicht eingelassen. Musik: Grandios, denn Schauspieler Lars Eidinger legt 80er-Jahre-Mukke auf und hat sich extra für seinen Berlinale-Jury-Sitz schwarze Fingernägel aufgetragen und sie dann kunstvoll abgeknabbert. Nutzwert: Eine Berlinale ohne Bunte-Party ist wie ein Hello-Kitty-Tattoo auf der Stirn - ziemlich albern.

Dritte Eröffnungsparty am Eröffnungswochenende: Die "Movie meets Media"-Sause im Ritz. Hier stellen statt bewaffneter Beamter noch die guten alten schreienden Fans vor der Tür sicher, dass sich niemand ohne Einladung in die Nähe wagt. Weil das Berlinale-Zentrum gleich nebenan liegt und weil es halt das Ritz ist, wissen Fans: Hier gibt's was zu gucken, und sei es nur auf dem roten Teppich. Typischer Gast: Verena Kerth. Also eher Zaungäste des deutschen Films, dafür aber hübsch zurechtgemacht.

Movie meets Media im Ritz mit Model Papis Loveday.

(Foto: dpa)

In dem amerikanisch gestylten Hotelkomplex laben sich diese an Steinpilz-Involtini an Paella und Jägermeister-Drinks, Filmvorführungen und auf Wunsch Mentaltrainings. Kann ja bei manchen nicht schaden. Promi-Dichte: Geht so. Optik: Dallas-Hotel meets Denver-Publikum. Nutzwert: Wer an dem Abend nichts Weiteres vorhat, kann hier vom frühen Abend bis spät in die Nacht acht Stunden Lebenszeit wie im Fluge verbringen. Denn nichts passiert - und trotzdem wird so viel gesagt.

Auch die Eröffnung der Berlinale selbst blieb von Unzulänglichkeiten nicht unverschont: Anke Engelke machte als grandiose Moderatorin einen Witz über Leipzig und musste sich dafür am Freitag von der Bild-Zeitung als Leipzig-Beleidigerin beleidigen lassen. Versteht halt nicht jeder bissigen Humor. Engelke verschonte auch die Gastgeber nicht mit ihrem Spott - und nicht mal George Clooney, der dazu säuerlich grinste.

Immerhin: Wer es gefällig haben will, der hat in diesem Jahr trotz Terrorangst größtmögliche Chancen. Die Berlinale strotzt vor Promis und hübschen Foto-Motiven. Außer Clooney, der zur Eröffnung erst mit Ehefrau und Menschenrechtsanwältin Amal über den Teppich stolzierte und dann extra nochmal ohne, waren am Donnerstag und Freitag schon ein bestens gelaunter Clive Owen, ein sehr stolzer Channing Tatum, eine knuddelige Kirsten Dunst, eine gewitzte Meryl Streep, ein höflicher Josh Brolin und eine wie immer sehr besondere Tilda Swinton da. Letztere beschwerte sich auf der Eröffnungsparty im Berlinalepalast höchstpersönlich beim DJ über die Musikauswahl, um ihn zu tanzbareren Klängen zu überreden. Allerdings ohne Erfolg. Denn auch da könnte ja nun wirklich jeder kommen. Denkt sich der Hauptstadt-Discjockey, der etwas auf sich hält.

Amüsierten sich vor ihrem Film "Hail, Caesar!", einer 50er-Jahre-Hollywood-Klamotte: George Clooney mit Gattin Amal und Tilda Swinton mit Freund Sandro Kopp.

(Foto: REUTERS)