Von Vom Marcus Jauer

Mit "Big Boss" werden die Leute erfahren, dass Reiner Calmund ein kleiner Drecksack ist: Er wird aus zwölf Kandidaten einen auswählen, der 250.000 Euro gewinnt und sich damit selbstständig machen darf.

Reiner Calmund sagt, die Leute wüssten ja gar nicht, dass er ein kleiner Drecksack sei. Einer, bei dem man sich auf das Sterben freue, solange man für ihn arbeite. Ein positiv Bekloppter, wie es ihn im Fernsehen noch nicht gegeben hat.

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Aber das wird sich jetzt ändern. Von heute an gibt Calmund den Big Boss für RTL. Aus zwölf Kandidaten wird er den, auswählen, der 250000 Euro gewinnt und sich damit selbstständig machen darf. Den Rest wird er feuern, und zwar jede Woche einen. Soweit das Konzept.

Tom Sänger, RTL-Unterhaltungschef, sagt, es gehe aber nicht ums Rausschmeißen. Es gehe darum, Wirtschaft und Unterhaltung zusammenzubringen. Es gehe ums Anpacken. Die Leute in Deutschland sollten wieder Mut fassen.

RTL hat das Konzept aus den USA gekauft, wo die Leute sehr viel Mut haben. Die Sendung hieß dort Apprentice, der Lehrling, und wurde von Donald Trump, dem Immobilienhai, moderiert.

Was die Moderatoren angeht, sieht das dann so aus: Donald Trump ist fünf Milliarden Dollar schwer, die Türgriffe in seinem Turm in Manhattan sind aus Gold und er hat in seinem Leben wahrscheinlich mehr Leute entlassen als je bei Bayer Leverkusen Fußball spielten.

Reiner Calmund ist 150 Kilo schwer, hat 27 Jahre in einem Fußballverein gearbeitet und gezögert, als er sich von einem Trainer trennen sollte, der Drogen nahm. Trump hat sich das Motto der Show patentieren lassen.

Es ist nur ein Satz: "Du bist gefeuert!" Calmund sagt, wenn er nicht aufhört zu reden, sollen ihm die Leute vom Fernsehen "so richtig vor die Schnauze hauen". Das sind die Unterschiede.In Deutschland mag man's nicht so kapitalistisch. Hier sucht man nicht sofort nach einer Geschäftsidee, wenn man entlassen wird, hier geht man zum Amt. Den Amerikanern kann man Trumps Gesicht vom Manchester-Kapitalismus zumuten, den Deutschen nur Calmunds rheinischen Dialekt.

Also verkaufen die Kandidaten in der ersten Folge von Big Boss Würstchen in Frankfurt/Main. Frauen gegen Männer. Die Frauen gewinnen, weil sie zu jedem Würstchen einen Kuss gratis anbieten. Am Ende versammeln sich alle in einem Konferenzraum, um sich von Calmund anbollern zu lassen. Einmal sagt er: "Universitäts-Blabla". Einmal: "Ich krieg 'ne Kreislaufstörung" und: "katastrophal".

Ihm zur Seite stehen Bettina Steigenberger, Hoteliers-Erbin, die in ihrem Leben sieben bis zwanzig Leute rausgeschmissen hat. Und der Wirtschaftsjournalist Roland Tichy, bei dem es mehr als tausend waren. Dazwischen sitzt Calmund, der auf die Frage, wie viele es bei ihm waren, nur sagt: "Zu wenig."

Vielleicht ist er doch ein kleiner Drecksack. Reicht das, um bei RTL ein großer Chef zu werden?

Big Boss, RTL, 20.15 Uhr

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(SZ vom 26.10.2004)