Femen-Aktivistinnen eröffnen Trainingszentrum "Sorry, die Sofas waren zu gemütlich"

Melanie Schmitz, 27, aus Köln ist dabei, weil sie etwas für Femen in Deutschland lernen will. Wenn sie schreien soll, lacht sie. "Hass mich", brüllt Schewtschenko, an ihrem Hosenbund hängen vier Minisender, fürs Fernsehen. Schmitz schreit.

Die deutschen Femen-Aktivistinnen haben das zuletzt nicht so hinbekommen. Es gibt Bilder, die sie bei Ikea in Hamburg zeigen, nachdem die Möbelkette alle Frauen aus ihrem Katalog in Saudi-Arabien wegretuschiert hatte. Sie hatten ihre Brüste in Deutschlandfarben angemalt, sie saßen auf Sofas. Sie lächelten. Schewtschenko sagt dazu: "Oh no". Schmitz sagt: "Sorry, die Sofas waren zu gemütlich." Für eine Aktion gegen Flatrate-Bordelle verhandelt sie, sehr korrekt, mit der Polizei in Köln.

In Paris haben die Frauen zuletzt bei einem Vergewaltigungsprozess protestiert, bei dem es lächerliche Strafen gab. Während eines Interviews bei al-Dschasira zog Schewtschenko als Protest gegen Burkas ihr T-Shirt aus. Der Sender brach die Übertragung ab. Bei einer Demonstration der katholischen Gruppe Civitas gegen die Schwulenehe traten die Femen-Frauen am Wochenende als halb nackte Nonnen auf.

Protest als Show

Der Körper ist es, der einer Frau im 21. Jahrhundert schaden kann, sagen sie. Jetzt soll er helfen. "Wir nutzen unsere Brüste, um die Demokratie zu testen", sagt Schewtschenko. "Je härter die Reaktion des Staats, desto schlechter sein Zustand."

Bei der Aktion zu Gunsten der Homo-Ehe passierte es zum ersten Mal, dass einige Pariser keinen Spaß verstanden. Etwa 30 radikale Katholiken hätten die Frauen verprügelt, berichteten französische Medien. Auch die Journalisten, die sie begleiteten, seien angegriffen worden. Danach standen vor dem Trainingszentrum von Femen zu ihrem Schutz Polizisten.

Vieles was Femen fordert, würden die meisten Frauen und auch Männer unterschreiben. Ihre radikalen Mittel aber machen den Protest zu einer Show. Die dient ihrem Schutz. Aber sie verwischt auch ihr Anliegen.

Zurück zum Trainingsraum. Hier ist die mediale Erregung nun kurz vor ihrem Höhepunkt. Die Frauen üben Selbstverteidigung: Wie wehrt man die Hände von Polizisten ab, die einen an den Haaren packen? An den Hüften? Am Arm? Die Aktivistinnen sagen, sie bereiten sich auf den "Heiligen Krieg" vor.

Eine Fernsehredakteurin brüllt, dass sie böse schauen sollen. Die Kameras richten sich auf die Mädchen, die schön und böse aussehen. Neben einer Jesusfigur aus Pappe trainiert die Malerin Oksana Schatschko, 26, sie ist blass, dünn, mit einem Puppengesicht ohne Emotion. Sie ist die zweite der vier Femen-Gründerinnen, die von Kiew nach Paris fliehen musste. Sie kam am Abend mit einem Bus, plötzlich stand sie da, in der Tür des Lavoir moderne, und seitdem bewegt sie sich durch diese Stadt, als sei sie betäubt.

Es sieht nicht nur brutal aus, es ist lebensgefährlich

Wie Schewtschenko musste auch Schatschko dem ukrainischen Geheimdienst entkommen, wegen der Sache mit dem Kreuz. Schewtschenko hatte es im August in Kiew mit einer Motorsäge gefällt, aus Solidarität mit Pussy Riot. Das Kreuz war sechs Meter hoch, Schatschko hatte ein Seil gehalten, damit es auf eine Wiese und nicht auf Menschen fällt. Jetzt gibt es einen Haftbefehl. Viele waren verletzt in ihren religiösen Gefühlen. Andere fanden das größenwahnsinnig oder wahnsinnig mutig. Zehn Verfahren laufen in der Ukraine gegen Femen. Es sieht nicht nur brutal aus, wenn Polizisten sie nach Aktionen von der Straße zerren. Es ist lebensgefährlich.

Nach einem Protest gegen Präsident Lukaschenko vor knapp einem Jahr hat der weißrussische Geheimdienst Schewtschenko, Schatschko und eine dritte Aktivistin entführt und einem stundenlangen Martyrium ausgesetzt. Die Männer verbanden ihnen die Augen, zogen sie aus, übergossen sie mit Öl. Sie sagten, wir zünden euch an und vergewaltigen euch. Dann schnitten sie ihnen die Haare ab und setzten sie im Wald aus.

Inna Schewtschenko steht auf einem Podium der Universität Sciences Po, als sie davon erzählt. Ein Abend mit künftigen Führungskräften in Paris, die über postsowjetische Protestformen diskutieren. Ihre Stimme zittert kurz, das Wort Angst vermeidet sie. Es ist ein Moment, der daran erinnert, dass hinter dem Pariser popkulturellen Spektakel auch Menschen stecken.

Kurz zuvor war sie mit einer Horde Aktivistinnen in die Eingangshalle der Uni getreten, man hatte sie am Arm berührt und zu einem Foto geführt. Es war ihr eigenes, es zeigt sie stark, schön, halb nackt und mit erhobener Faust vor einer Trabantensiedlung in der Ukraine, World Press Photo 2012 steht darunter. Es ist wirklich ein gutes Bild.

"Do you like it?", fragt die Organisatorin. Schewtschenko ist ein Knopfdruck-Mädchen, sie kann sehr schüchtern und im nächsten Moment eiskalt sein. Sie reißt die Faust hoch, klick, klick. Femen nennen sich selbst "Pop-Feministinnen".