Fall Susanna F. Seehofer wusste doch von Polizeieinsatz im Nordirak

Der Tatverdächtige Ali B. wird am 10. Juni in Wiesbaden von einer Spezialeinheit in U-Haft gebracht.

(Foto: dpa)
  • Bundesinnenminister Seehofer war entgegen erster Angaben aus seinem Ministerium doch über den Polizeieinsatz im Nordirak informiert.
  • Bundespolizisten hatten den Tatverdächtigen im Fall Susanna F. zurück nach Deutschland geholt.
  • Für den zu erwartenden Prozess gegen Ali B. dürfte die Tatsache, dass Seehofer von der Aktion wusste, nicht von Bedeutung sein.
Von Nico Fried, Berlin

Eleonore Petermann hatte einen schweren Stand. 35 Mal äußerte sich die Sprecherin des Bundesinnenministeriums (BMI) am Montag zu den Umständen der Reise von Dieter Romann in den Nordirak. Der Präsident der Bundespolizei hatte am Wochenende persönlich den Einsatz geleitet, mit dem der mutmaßliche Mörder der 14-jährigen Susanna F. von deutschen Spezialkräften aus der kurdischen Provinzhauptstadt Erbil nach Deutschland geholt wurde. Viel hatte Petermann zu den Details nicht mitzuteilen. Doch selbst das Wenige, das sie sagte, war nicht ganz korrekt, wie sich nun herausstellt.

Denn Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) war entgegen der bisherigen Darstellung Petermanns durchaus über die Reise von Romann in den Nordirak informiert. Romann habe den Minister am Samstagnachmittag aus Erbil angerufen und über die bevorstehende Überstellung von Ali B. informiert, teilt das Innenministerium am Dienstag mit. Außerdem habe Romann anschließend auch noch mit dem verantwortlichen Staatssekretär des BMI gesprochen.

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Am Montag hatte die Sprecherin Seehofers die Sache noch ganz anders dargestellt: Demnach habe Romann in Eigeninitiative gehandelt, Seehofer sei nicht informiert gewesen. Auf die Nachfrage, ob sich das Ministerium für derartige Aktivitäten Romanns nicht interessiere, antwortete Petermann: "Solange nichts Unrechtes geschieht, interessiert es uns nicht. Nein."

Bereits am Montagnachmittag hatte die Bundespolizei von sich aus darüber informiert, dass das Innenministerium sehr wohl über die Reise Romanns Bescheid gewusst habe. Am Dienstag gegen 17.30 Uhr erreichte die Journalisten der Bundespressekonferenz dann eine schriftliche Darlegung Petermanns, in der sie einräumt, dass sie sich "insoweit korrigieren" müsse. Dem Iraker Ali B. wird vorgeworfen, die 14-jährige Susanna F. getötet zu haben. Er hatte sich mit seiner Familie in den Nordirak abgesetzt. Nach seiner Ankunft in Deutschland hat er die Tat nach Angaben der hessischen Justiz gestanden.

"Herr Minister hat sich durch ihn die Rechtmäßigkeit der Maßnahme bestätigen lassen"

Für den zu erwartenden Prozess gegen Ali B. dürfte die Tatsache, dass Seehofer von der Aktion wusste, nicht von Bedeutung sein. Wenn die Frage, wie Ali B. nach Deutschland geholt wurde, überhaupt eine Rolle spielt, dann eher unter dem Aspekt, ob die Bundespolizei gemäß der deutschen Rechtslage gehandelt hat.

Immer wieder verweisen das BMI und die Bundespolizei darauf, dass sich die Beamten, die Romann in einer Lufthansa-Linienmaschine nach Erbil begleitet hatten, das Flugzeug nicht verlassen hätten. Das ist bedeutsam, weil es den Polizisten nicht erlaubt gewesen wäre, eine Verhaftung auf irakischem Territorium zu vollziehen. Die Sorge trieb offenbar auch den Minister selbst um, als er mit Romann telefonierte. In der korrigierten Darstellung des BMI vom Dienstag heißt es: "Herr Minister hat sich durch ihn die Rechtmäßigkeit der Maßnahme bestätigen lassen."

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Die irakische Regierung kritisierte am Mittwochmorgen dennoch die Übergabe des Tatverdächtigen an Deutschland als Rechtsverstoß kritisiert. Es gebe zwischen beiden Ländern kein Abkommen über eine Auslieferung von gesuchten Personen, teilte das Außenministerium in Bagdad mit. Den Verstoß hätten sowohl die kurdische Regionalregierung als auch Deutschland begangen. Nur das Justizministerium der irakischen Zentralregierung in Bagdad habe die Befugnis für einen Austausch von Gesuchten.