Von Kai Strittmatter und Martin Zips

Heute beginnt in Antalya der Prozess gegen den 17-Jährigen Deutschen, weil er angeblich eine 13-Jährige sexuell missbraucht hat. Derweil macht ein anderer Belästigungsfall Schlagzeilen in der Türkei.

Drei Monate sitzt er schon in der südtürkischen Küstenstadt Antalya in Untersuchungshaft, der 17-jährige Marco W. aus Uelzen. Am heutigen Freitag wird er zum zweiten Mal einem Richter vorgeführt - unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Eigentlich hätte der Realschüler an diesem Tag in der Sternschule in Uelzen sein Zeugnis überreicht bekommen sollen.

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Kommt heute vor Gericht: der 17-jährige Marco im Gefängnis von Antalya (© Foto: dpa)

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Dass es anders kam, daran ist die Geschichte mit der 13-jährigen Charlotte M. schuld. Die beiden hatten sich in den Osterferien im türkischen Touristenort Side kennengelernt. Am letzten Urlaubstag hatten Charlottes Eltern Marco W. angezeigt; angeblich soll er sich ihrer Tochter sexuell genähert haben. Marco W. sagt, Charlotte hätte sich ihm gegenüber als 15-Jährige ausgegeben. Außerdem habe er sie nicht missbraucht.

Wahrscheinlich wird es nur ein kurzer Auftritt vor Gericht werden, kaum ein Beobachter rechnet jetzt schon mit einem Urteil. Die meisten tippen auf eine schnelle Vertagung, sodass die spannende Frage vor allem die bleibt: Erspart der Richter Abdullah Yildiz dem Schüler für die weitere Dauer des Verfahrens die 30-Mann-Zelle, in der er einsitzt? Setzt er ihn frei, gegen Kaution und unter Meldeauflagen, wie dies auch deutsche Politiker mehrfach gefordert haben?

Eine Prognose wagt kaum einer, längst überlagern politische Töne das Verfahren - und so mancher zweifelt, ob dies zum Vorteil von Marco W. war. Nachdem die türkische Öffentlichkeit den Fall zunächst ignoriert hatte, haben die teils schrill vorgetragenen Forderungen mancher deutscher Politiker an die Türkei Abwehrreflexe ausgelöst:

Technische Hilfswerk sammelt für Marco

Man verbat sich die Einmischung, die Türkei sei keine Kolonie, ihre Justiz unabhängig, und sexueller Missbrauch alles andere als ein Kavaliersdelikt. Mittlerweile haben deutsche Juristen darauf hingewiesen, dass auch nach deutschem Recht im Falle des jungen Uelzeners ein Strafverfahren hätte eingeleitet werden müssen.

Seitdem die türkischen Behörden Drehverbote vor dem Gefängnis erließen und seitdem eine Nachrichtensperre verhängt und die Familie von Charlotte M. unter Polizeischutz gestellt wurde, ist es in Sachen Marco W. in den deutschen Medien recht ruhig geworden. Nur das Technische Hilfswerk in Uelzen, bei dem Marco Mitglied ist, sammelt weiterhin Spenden - die Anwaltskosten, die Flüge, die schwere Krankheit von Marcos Vater haben die Familie in finanzielle Not gestürzt. Die Uelzener Kirchengemeinde veranstaltet Fürbittengottesdienste für Marco, Plakate in den Schaufenstern der Geschäfte weisen auf Benefizveranstaltungen für die Familie hin.

Das türkische Massenblatt Hürriyet indes, das den Fall zunächst eher nüchtern begleitet hatte, setzte jetzt zu einer Retourkutsche an: Zwei Tage in Folge berichtete es vom Fall des in Berlin lebenden türkischstämmigen Erstklässlers Emre B. Der Siebenjährige war offenbar vom Rektor seiner Grundschule in Berlin-Mitte für fünf Tage vom Unterricht suspendiert worden, wegen angeblicher "sexueller Belästigung" einer Mitschülerin.

Emre B. sagte Hürriyet, es habe sich um eine harmlose Rauferei gehandelt. Die Zeitung stellte auf ihrer Titelseite das Bild des siebenjährigen Emre neben das von Marco W. und titelte: "Bei Marco heißt es ,Flirt', bei Emre ,Belästigung'". Emres Mutter kündigte an, in Deutschland vor Gericht zu ziehen. Und Emres Vater sagt: "Die Doppelmoral in Europa und Deutschland ist grenzenlos."

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(SZ vom 6.7.2007)