Aus den Berichten, die Regenass im Tagesanzeiger veröffentlichte, entsteht das Bild eines Sektenführers, der mit einem gewissen Charisma und allen möglichen bizarren Inszenierungen seine blindgläubigen Jünger bis auf den letzten Cent ausplünderte.

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Er könne sich in andere Körper versetzen, er könne an mehreren Orten gleichzeitig sein, er könne Gedanken lesen und Wunderheilungen vollbringen.

Es sei selbstverständlich gewesen, dass die Jünger dem Meister ihr Geld überließen, die meisten hätten ihm ihre Pensionskassengelder, bis zu 100.000 Franken, übergeben.

"Geld ist Sünde"In dieser Szene, so erfuhr Regenass von seinen Informanten, habe sich auch Helg Sgarbi bewegt, er sei schon Anfang der Neunziger Jahre von Barretta auf reiche Frauen angesetzt worden. "Geld ist Sünde", habe Barretta zu Sgarbi gesagt, er müsse die Frauen davon "reinigen".

Eine der Ersten, die Sgarbi auf diese Weise zu reinigen versuchte, war die 83-jährige, steinreiche Baronin Verena du Pasquier, die Sgarbi per Schenkungsvertrag knapp 30 Millionen Schweizer Franken vermachte. Sgarbis Pech war, dass die Baronin aber mit der Ärztin Christiane und deren Ehemann Konsul Hans Hermann Weyer befreundet war.

Die recherchierten, dass die Baronin nicht das einzige Ausbeutungsobjekt Sgarbis war. Sie konnten die Freundin schließlich dazu bewegen, Sgarbi anzuzeigen.

Als die Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufnahm, zahlte Sgarbi einen Großteil des Geldes zurück. Die Weyers aber bedrohte er brieflich mit allem möglichen Unheil ("wir verfolgen euch in jeden Winkel dieser Erde").

Christiane Weyer erstattete Anzeige; 2003 wurde Sgarbi vom Bezirksgericht Bülach wegen versuchter Nötigung zu einer Bewährungsstrafe von sechs Monaten verurteilt - ein Umstand, der sich jetzt durchaus strafverschärfend auswirken könnte.

Bescheidene Verhältnisse

Trotz des vielen Geldes, das Sgarbi aus seinen Opfern herauspresste, lebte er persönlich in höchst bescheidenen Verhältnissen. Hans Hermann Weyer erzählt, Sgarbi habe zeitweise sogar bei McDonalds in Zürich gearbeitet, er selbst habe dort einen Hamburger bei ihm gekauft.

Ernano Barretta dagegen lebt in ganz und gar unbescheidenen Verhältnissen. Er baute nahe seines Heimatdorfs ein luxuriöses Landhotel, in dessen Tiefgarage eine ganze Armada von Luxusautos steht.

Die ehemaligen Barretta-Jünger halten es deshalb für ganz selbstverständlich, dass Sgarbi, der Barretta treu ergeben sei, die Millionen, die er von Susanne Klatten und anderen ergaunerte, bei Barretta abliefern musste.

Als Sgarbi sich mit ihr am Nachmittag des 21. August 2007 im Münchner Hotel Holiday Inn traf, logierte Barretta im Nebenzimmer. Als Sgarbi am 14. Januar 2008 auf dem Weg zur Autobahnraststelle Irschenberg war, um weitere 14 Millionen Euro von Susanne Klatten in Empfang zu nehmen, war Barretta immer in seiner Nähe.

Sgarbi wurde auf einem Autobahnparkplatz in Tirol festgenommen, Barretta gleich mit, aber weil die deutsche Staatsanwaltschaft zu diesem Zeitpunkt noch keine Erkenntnisse über dessen Rolle hatte, kam er wieder auf freien Fuß.

Inzwischen hat Italiens Justiz Anklage gegen Barretta erhoben. "Wir müssen davon ausgehen", sagt Anton Winkler, der Sprecher der Münchner Staatsanwaltschaft, "dass Barretta in Teilbereichen als Mittäter in Frage kommt". In der Anklageschrift gegen Helg Sgarbi kommt dieser Name nicht vor.

Der skrupelloseste Gigolo aller Zeiten hat in seinen Vernehmungen kein Wort über das Verhältnis zu seinem Guru geäußert.

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(SZ vom 09.03.2009)