Fall Debra Milke Die ganze Wahrheit

Ein weiterer Vorfall datiert zurück bis ins Jahr 1973: Damals suspendierte die Polizei Saldate für fünf Tage vom Dienst. Er hatte eine Autofahrerin wegen eines kaputten Rücklichts angehalten, sich zu ihr ins Auto gesetzt, sich "gewisse Freiheiten" genommen und sich anschließend mit ihr zum Sex verabredet.

Internen Ermittlern gestand er diese Geschichte erst, nachdem er am Lügendetektor durchgefallen war. Am Ende des Disziplinarverfahrens hieß es, Saldates "Ehrlichkeit, Kompetenz und Zuverlässigkeit" stünden in Frage.

Als im ersten Prozess Wort gegen Wort stand, wäre dieser Eintrag in der Dienstakte unschätzbar wertvoll gewesen für die Verteidigung. Und tatsächlich hätte die Anklage das Dokument damals offenlegen müssen, was sie aber nicht tat - ein offensichtlicher Verstoß gegen das Grundrecht auf ein faires Strafverfahren.

Die ganze Wahrheit über Saldate wurde erst bekannt, nachdem Milkes Verteidigung in einem Kraftakt zehn Mitarbeiter in die örtliche Gerichtskanzlei schickte und Saldates Namen in sämtlichen Justizakten der Jahre 1982 bis 1990 suchen ließ. Nach 7000 Stunden Arbeit hatten sie, was die Behörden ihnen illegaler Weise fortwährend verweigert hatten: eine Dokumentation der vielen Verfehlungen Saldates und damit das Fundament für die jetzige Entscheidung des Berufungsgerichts.

Die Henkersmahlzeit war bereits ausgewählt

Dennoch wäre es für Debra Milke beinahe zu spät gewesen: Anfang 1998 schien ihre Hinrichtung unausweichlich zu sein. Sie hatte schon ihre Henkersmahlzeit ausgewählt, Zeugen für die Hinrichtung bestimmt und mit dem Anstalts-Geistlichen gesprochen. Sogar der Gefängnisarzt war schon bei ihr gewesen und hatte ihre Venen abgetastet, um herauszufinden, wo er die Giftspritze - "eine intravenöse Injektion von Substanzen in Mengen, die ausreichen, den Tod herbeizuführen" - am besten setzen könnte. Dann konnte ihr Verteidiger doch eine Verschiebung erwirken.

"Mein Körper ist nur noch Hülle", so beschrieb Debra Milke sich danach.

Auf diplomatische Hilfe aus Deutschland konnte sie nicht hoffen: Milke stammt zwar von einer deutschen Mutter ab, besitzt aber selbst nicht die deutsche Staatsbürgerschaft. So durfte sich der deutsche Honorarkonsul in Arizona nicht im Namen der Bundesrepublik für die Inhaftierte einsetzen.

In seiner Entscheidung hält Richter Alex Kozinski ausdrücklich fest, dass die Staatsanwaltschaft nicht nur ihre Pflichten zur Offenlegung von Beweisen vernachlässigt, sondern Saldates Geschichte "aktiv vertuscht" habe. Die Gerichte im Bundesstaat Arizona hätten es gleichzeitig versäumt, die Rechte der Angeklagten zu schützen. Mehr staatliches Versagen in einem einzigen Kriminalfall ist - in Rechtsstaaten jedenfalls - kaum möglich.

Niemand weiß, wie lange es noch dauert

Der Staat Arizona allerdings gibt sich noch nicht geschlagen. Generalstaatsanwalt Tom Horne hat erklärt, Debra Milke habe die Tötung ihres Sohnes veranlasst, dies sei ein schreckliches Verbrechen. Deswegen werde er persönlich in Washington plädieren, falls der Fall vor das Oberste Gericht der USA gelange.

Sollte der Staat Arizona mit seinen nächsten Rechtsmitteln scheitern, muss er einem örtlichen Bundesgericht zunächst einmal die komplette Personalakte Saldates aushändigen. Anschließend dürfte das Gericht die Freilassung Debra Milkes anordnen, es sei denn, der Staat verlangt einen neuen Strafprozess. Wie lange sich all das noch hinzieht, ob über Wochen, Monate oder Jahre, ist noch völlig unklar.

Detective Armando Saldate wurde, nachdem er den Fall Milke in kürzester Zeit und unter dem Beifall der örtlichen Medien gelöst hatte, zum Constable gewählt - ein angesehener Posten am Gericht, eine Mischung aus Sheriff und Gerichtsvollzieher. Heute soll er als Rentner in Phoenix leben. Würde der Fall neu aufgerollt, müsste Saldate wohl erneut als Zeuge erscheinen. Er, der Debra Milkes Mutter nach der Totenfeier für Christopher Milke gesagt hatte, ihre Tochter sei "schuldig wie die Hölle und das Böse".