Ex-FBI-Agent Joe Navarro Hitler, Stalin - und vielleicht mein Ehemann?

Viele der weltweit durch ihre grausamen Taten zu Berühmtheit gelangten Psychopathen hätten - in der Rückschau - mehrere der genannten Persönlichkeitsstörungen in sich vereint. Adolf Hitler etwa (wobei das kaum begründet wird), Josef Stalin und Pol Pot, aber auch Anders Behring Breivik oder Charles Manson. Besonders häufig und mordsgefährlich sei die Kombination Narzisst und Raubtier. Die meisten Massenmörder und Kriegsherren wiesen Persönlichkeitsstörungen dieser Art auf.

Und da steht der arme Leser nun, aufgewiegelt durch einen Ex-Polizisten aus einem Land zwischen Terror-Angst und Überwachungsskandal, und fragt sich: Ist es denn wirklich so schlimm? Muss ich mich von meinem Ehemann scheiden lassen, weil er bisweilen zwar "bombastisch, charismatisch, clever, strahlend, witzig" ist (wie Navarro Opfer den typischen Narzissten beschreiben lässt), aber auch "aalglatt, angstfrei, heftig, theatralisch und verächtlich"? Wird er sich irgendwann in den totalen Psychopathen verwandeln und mir ernsthaft schaden?

"Seine Affären sind heiß, aber kurzlebig"

Nimmt man nämlich Navarro ernst, ist das mit hoher Wahrscheinlichkeit so. Frei nach dem Motto "Diese Typen ändern sich nie - also sehen Sie zu, dass Sie Land gewinnen", rät er seinen Lesern, sich vor allem vor "Raubtieren" in Schutz zu nehmen, aber auch vor Narzissten - weil sie sich eh immer nur um sich selbst drehten. Kombinierte Persönlichkeitsstörungen sind sowieso die schlimmsten, also: Finger weg, rät der Kriminalist. Nur im Umgang mit emotional instabilen ("die Therapie wird lang und intensiv, aber sie kann durchaus helfen") oder paranoiden Persönlichkeiten ("Sie können versuchen, professionelle Hilfe zu organisieren, aber passen Sie bitte auf") ist er etwas milder und rät nicht explizit, diese Menschen komplett zu meiden.

Damit der Leser selbst herausfinden kann, mit welcher Art Psychopath er es in seinem Umfeld zu tun hat und wie weit die Persönlichkeitsstörung fortgeschritten sei, präsentiert Navarro Tests zum Ankreuzen für jeden der vier Typen. "Hat am Arbeitsplatz große Wut auf seine Kollegen geäußert." "Seine Affären sind heiß, aber kurzlebig." "Redet ständig von sich und seinen Plänen." "Ist intolerant gegenüber Meinungen anderer", oder auch: "Ist manipulativ und schafft es nur zu oft, Menschen dazu zu bringen, etwas für ihn zu tun." Wer diese für sich genommen noch vergleichsweise harmlos wirkenden Äußerungen pro Persönlichkeitsstörung bis zu 35 Mal ankreuzt, muss sich laut Navarro zwar Sorgen machen, aber noch nicht allzu große. Bis zu 65 Kreuzchen deuten definitiv auf die Persönlichkeitsstörung hin. Noch mehr Kreuzchen erhalten laut Navarro nur hoffnungslose Fälle.

Denn den Ex-FBI-Agenten interessieren, so schreibt er, nicht die Täter, sondern die Opfer. "Es gibt zwei Typen Mensch auf dieser Welt: diejenigen, die geben, und die, die nehmen", stellt er seinem Werk voran. Ein Satz, der das Problem des gesamten Buches zusammenfasst.

Unter Generalverdacht

Denn es gibt eben nicht nur schwarz und weiß. Viele dieser oft beschriebenen Persönlichkeitsstörungen (im Übrigen sogar unter demselben Buchtitel bereits von Psychologen verfasst, teils gar bewundernd) tauchen bei Menschen in so geringem Umfang auf, dass sie zwar unangenehm sind - aber nicht unbedingt immer gefährlich.

Die Welt wäre wohl voller einsamer und dadurch vielleicht noch gefährlicherer Psychopathen, wenn sich jeder den Ratschlag zu Herzen nehmen würde, Menschen mit diesen Anwandlungen komplett zu meiden. Und wer garantiert Navarro, dass nicht ein Psychopath diese Tests mit seinen eigenen Angehörigen macht - und sich dadurch erst recht zu Straftaten verführen lässt? Oder dass eine vergleichsweise harmlose Paranoia-Frau mit einem halbwegs psychopathischen Narzissten-Mann glücklich werden kann - und nur mit ihm, weil alle anderen ihre Andersartigkeit überfordern würde? Und er ihre Probleme nicht so wild findet, weil er sowieso meist mit sich beschäftigt ist? Während sie seine Egozentrik von sich selbst ablenkt? Die Welt ist bunt. Und ein bisschen Psychopathentum lauert eben überall. Mit letzterem liegt Navarro wohl richtig. Allerdings sind seine Ratschläge doch arg durch seinen ehemaligen Job geprägt. Und stellen erst mal die gesamte Menschheit unter Generalverdacht.

Dabei krankt die Analyse noch weniger am Bezug zur Realität als an der redundant vorgetragenen und leicht manipulativen Darstellung, wie sie typisch ist für US-Ratgeberliteratur.

Das Übermaß an Misstrauen, mit dem Navarro auf die Welt blickt, wäre besser auf die vielen Menschen verteilt, die zu gutgläubig durchs Leben gehen. Denn in diesem Punkt hat der Autor absolut recht: Viele Verbrechen können gerade deshalb geschehen, weil die Opfer ihre körperlichen wie seelischen Peiniger komplett unterschätzt haben. Oder ihnen zu sehr vertrauen - wollen.

Daumen hoch!

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