Evangelische Kirche 1,54 Promille - Käßmann muss um Job bangen

Alkoholfahrt mit 1,54 Promille, Ermittlungsverfahren eröffnet: Für Bischöfin Margot Käßmann, die Repräsentantin der evangelischen Kirche, wird es eng. Die internen Kritiker formieren sich - und fordern eine Stellungnahme. Alle öffentlichen Termine sind abgesagt.

"Auch eine Bischöfin ist keine Heilige, sondern nur ein Mensch, der fehlbar ist."

Der frühere bayerische Ministerpräsident und Vizepräses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, Günther Beckstein

Vier erwachsene Töchter, eine sympathische Art, krisenerprobt wegen Scheidung und Krebserkrankung - und eine offene Kritik am Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr: So wurde Margot Käßmann zum Jahreswechsel bundesweit bekannt.

Die vor vier Monaten zur Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gewählte Bischöfin aus Hannover wurde quasi über Nacht zur umstrittenen Symbolfigur der Protestanten. Und dann das: eine Alkoholfahrt mit ihrem Dienstwagen (VW Phaeton) durch die Innenstadt von Hannover, bei der sie mit 1,54 Promille gestoppt wurde.

Das ist ziemlich viel für einen bunten Abend. Und für die Fastenzeit. Schließlich hatte Käßmann noch im vorigen Jahr erklärt: "Fasten bringt eine Chance für einen neuen Blick auf das Leben." Und auf die Frage, worauf sie gerade verzichte: "Ich verzichte auf Alkohol."

Und prompt lockt sie alle ihre internen Kritiker aus den Sofamöbeln hervor - jene innerkirchlichen Gegner, denen ihre persönliche Afghanistan-Offensive viel zu weit ging. Die Reformerin mit Charme, die eine rote Ampel überfahren hatte, muss auf einmal um ihren Job kämpfen.

Zunächst einmal sind alle in den nächsten Tagen geplanten öffentlichen Auftritte abgesagt. Meldungen, wonach die EKD derzeit über den Verbleib Käßmanns im Amt der Ratsvorsitzenden berät, wollte ein Sprecher am Dienstag in Hannover auf Anfrage nicht kommentieren. Der Bischöfin droht nach der promillehaltigen Autofahrt ein Ermittlungsverfahren wegen Trunkenheit am Steuer.

Am Abend wollte der Rat der EKD in einer Telefonkonferenz über den Vorfall beraten. Mit einer Entscheidung über die Zukunft Käßmanns sei aber wohl nicht zu rechnen, erklärte EKD-Sprecher Reinhard Mawick.

Führende Protestanten bewerteten den Vorfall unterschiedlich. Katrin Göring-Eckardt, Präses der EKD-Synode, sagte in der Tagesschau, eine Fahrt mit 1,5 Promille sei "nicht akzeptabel". Sie wisse aus Gesprächen mit Käßmann, dass diese von ihrem Fehlverhalten selbst am meisten getroffen sei. Deshalb respektiere sie, dass sich Käßmann jetzt für eine Zeit zurückziehen werde. Sie schätze Käßmanns Arbeit außerordentlich.

Blackout unter Dauerstress

In der Leipziger Volkszeitung hob der Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemmer den Stress hervor, der mit Käßmanns Amt verbunden sei. Schorlemmer bezeichnete Käßmanns Verhalten als "Blackout, der leider immer wieder Leuten passiert, die in öffentlichen Ämtern unter Dauerstress stehen". Auch die EKD-Ratsvorsitzende stehe in ihrem Amt unter einer enormen Spannung, die sich mit Alkohol abbauen lasse. "Die Häme, die es jetzt geben wird, ist schlimmer als der Strafbefehl", betonte der Theologe. Zugleich bezeichnet er die Alkoholfahrt als Verfehlung, die nicht einfach zu rechtfertigen sei. Daher sei es gut, dass Käßmann zu ihrem Fehler stehe.

Auch Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) gab Käßmann in der Kölnischen Rundschau Rückendeckung. Geistliche seien auch nur Menschen, die Heiligkeit der Kirche beziehe sich nicht auf die Heiligkeit der Amtsträger, sagte er. Er bedauere, dass nun so hämisch über die Bischöfin berichtet werde.

Der Vorsitzende einer Vereinigung konservativer Protestanten, der Hamburger Pastor Ulrich Rüß, kommentierte die Causa so: "Für Frau Käßmann ist durch die Fahrt mit 1,5 Promille als Bischöfin und Ratsvorsitzende eine besonders schwere und belastende Situation eingetreten. Mitgefühl ist eher angesagt als Häme." Sie wisse um die "Koordinaten der Verantwortung in ihrem Amt und wird für sich aus ihrem Gewissen über mögliche Konsequenzen entscheiden müssen."

Käßmann sei nicht nur Privatperson, sondern Landesbischöfin und Ratsvorsitzende der EKD. Sie habe mit ihren Ämtern Vorbildfunktion. "Keiner will und soll den Moralapostel spielen. Aber dennoch gilt: Ihre Glaubwürdigkeit und die Autorität des Amtes sind beschädigt, die Kirche im Ganzen hat Schaden genommen. Das weiß Frau Käßmann, und das weiß auch der Rat der EKD."

Käßmann selbst sagte in Bild: "Ich bin über mich selbst erschrocken, dass ich so einen schlimmen Fehler gemacht habe." Sie werde sich "selbstverständlich" den rechtlichen Konsequenzen stellen. Die hannoversche Landesbischöfin hatte das Spitzenamt erst vor vier Monaten vom Berliner Bischof Wolfgang Huber übernommen.

Ernste Bewährungsprobe

Jetzt kommt früh eine sehr ernste Bewährungsprobe. Die Kritik des Bild-Kolumnisten Hugo Müller-Vogg konnte sie noch abperlen lassen: "Die Friedensbotschaft der Bischöfin zeugt von gutem Willen - aber leider nicht von politischem und strategischem Denken. Denn guter Wille allein schafft keinen Frieden", meinte er zu ihren Afghanistan-Äußerungen.

Der Sprecher der Landeskirche, Johannes Neukirch, sagte dem Evangelischen Pressedienst, seit 2008 gebe es kein Disziplinarverfahren mehr in solchen Fällen. Wenn ein Beamter oder eine Beamtin der Landeskirche erstmals mit Alkohol am Steuer gestoppt werde, gebe es in der Regel eine Rüge. "Die Bischöfin wird behandelt wie jede andere Pastorin auch", erläuterte Neukirch. Zunächst wolle man die Ergebnisse der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen abwarten.

Die Bischöfin muss sich nun auf den Entzug des Führerscheins und eine Geldstrafe von einem Monatsgehalt einstellen. Es sei ein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden, teilte die Polizei Hannover mit. Dies ist ab einem Wert von 1,1 Promille der Fall. Für Käßmann bedeutet das ein Strafverfahren.

Private Schlagzeilen

Wie Staatsanwalt Lendeckel erklärte, sei Käßmanns Führerschein beschlagnahmt und die Fahrerlaubnis vorläufig entzogen worden. Die folgenden Sanktionen hingen unter anderem von den Einlassungen des Verteidigers der Bischöfin ab. Der Prozess um die Alkoholfahrt könne bei Ersttätern in einem schriftlichen Verfahren abgewickelt werden - in dem Fall müsste die Bischöfin nicht vor Gericht erscheinen.

Käßmann war im Oktober vergangenen Jahres an die Spitze der EKD gewählt worden und vertritt in diesem Amt 25 Millionen Protestanten. Als hannoversche Landesbischöfin ist sie seit zehn Jahren im Amt.

Es ist nicht das erste Mal, dass Käßmanns Privatleben für Schlagzeilen sorgt. Als sie sich 2007 als erste amtierende deutsche Bischöfin von ihrem Mann scheiden ließ, sorgte dies für großes Aufsehen und kontroverse Diskussionen. Nach 26 Ehejahren und vier gemeinsamen Töchtern entschieden sie und ihr Mann sich damals für eine Trennung. Sie selbst bezeichnete dies einmal als einen "unendlich schweren Schritt", den sie aber trotz allem gehen musste.

Im Video: Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EDK), Bischöfin Margot Käßmann, ist angeblich mit 1,5 Promille am Steuer erwischt worden.

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