Essen Vorsitzender der Essener Tafel verteidigt sich

Zu viele Bedürftige: Lebensmittelausgabe bei der Tafel in Essen.

(Foto: dpa)
  • Die Essener Tafel will angesichts des großen Andrangs vorerst keine Ausländer mehr als Neukunden aufzunehmen.
  • Politiker und Verantwortliche anderer Tafeln kritisieren diese Entscheidung als "nicht nachvollziehbar" und "menschenverachtend".
  • Jörg Sartor, Vorsitzender der Essener Tafel, erläutert seine Beweggründe und nennt die Diskussion scheinheilig.

"Da der Anteil ausländischer Mitbürger bei unseren Kunden auf 75 Prozent angestiegen ist, sehen wir uns gezwungen, um eine vernünftige Integration zu gewährleisten, zurzeit nur Kunden mit deutschem Personalausweis aufzunehmen". Dieser Satz steht schon seit vergangenen Dezember auf der Internetseite der "Tafel" in Essen, aber erst vor ein paar Tagen fiel er einer Reporterin der WAZ auf. Sie recherchierte an einer ganz anderen Geschichte über die Hilfsorganisation. Auf ihren Bericht folgte heftiger Protest: "Anmeldestopp für Ausländer", "Hilfe nur noch für Deutsche" - so klangen die Reaktionen darauf.

"Viele ausländische Mitbürger befinden sich in Notsituationen. Sie auszuschließen finde ich entsetzlich", so äußerte sich Miguel Martin González Kliefken, CDU-Politiker und Mitglied im Integrationsrat in Essen. Das lokale Straßenmagazin fiftyfifty will Abgewiesenen eine anwaltliche Unterstützung bieten. "Es ist schon schlimm genug, dass arme Menschen in einem reichen Land wie Deutschland auf Lebensmittelspenden angewiesen sind. Dass jetzt allerdings der Pass entscheidet, ob jemand etwas zu Essen bekommt, wenn er Hunger hat, ist unhaltbar und menschenverachtend", sagte Julia von Lindern, Sozialarbeiterin bei fiftyfifty.

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Auch Jochen Brühl, der Bundesvorsitzende der Tafeln, kritisierte im ARD-Morgenmagazin, die Entscheidung der Kollegen. "Wir sagen ganz klar: Die Not steht im Vordergrund, auf keinen Fall die Herkunft. Die Notbremse der Essener Tafel ist nicht nachvollziehbar." Der Schritt sei aber möglicherweise aus Hilflosigkeit oder Überforderung erfolgt. Die nordrhein-westfälische Landesregierung hat sich ebenfalls gegen den Ausschluss von Ausländern ausgesprochen. "Entscheidend kann nur die Bedürftigkeit, nicht die Herkunft sein", sagte NRW-Integrationsminister Joachim Stamp (FDP) dem Spiegel.

Jörg Sartor, der Vorsitzende der Essener Tafel, hatte direkt nach der WAZ-Geschichte betont, dass der Aufnahmestopp nur vorläufig gelte. In ein paar Wochen werde man wahrscheinlich wieder Menschen mit nichtdeutschem Pass aufnehmen können. Außerdem gelte die Begrenzung ohnehin nur für neue "Kunden". Wer bisher regelmäßig zur Tafel komme, werde auch weiterhin Lebensmittel bekommen. Aber es half alles nichts. Die Geschichte war in der Welt. Tenor: Die Essener Tafel ist ausländerfeindlich.

Jetzt wählt Sartor gegenüber t-online.de deutliche Worte. Er beharrt auf seiner Position und argumentiert, seine Kritiker machten es sich zu leicht. 1800 Familien, insgesamt etwa 6000 Menschen, könne die Essener Tafel versorgen. Es gebe an vier Tagen eine Essensausgabe an elf Stellen in der Stadt. Mehr sei nicht möglich, denn sämtliche Mitarbeiter arbeiteten nur ehrenamtlich. "Wir wollen nicht das Rote Kreuz, die Caritas oder die Diakonie werden", so Sartor. Die Tafeln seien eine "Zusatzversorgung, keine Grundversorgung". "Wenn wir morgen die Tür abschließen in Essen, dann geht es zwar vielen schlechter, aber es verhungert kein Mensch", so der Tafel-Vorsitzende.

"Wir erklären das, dann akzeptieren die Leute das"

Die neue Regel, nur noch Neukunden mit deutschen Pass aufzunehmen, praktiziere man bereits seit dem 10. Januar. Nicht eine Beschwerde von Betroffenen habe es seitdem gegeben. "Wir erklären das, und dann akzeptieren die Leute das", sagt Sartor. Auch früher sei es so gewesen, dass man stets etwa die Hälfte der Menschen habe abweisen müssen. Allerdings würde immer mal wieder Plätze frei, weil bis auf einige Härtefälle die Regel gelte, dass man ein Jahr lang zur Tafel kommen dürfte und danach genauso lange aussetzen müsse.

Sartor ärgert sich nach eigenem Bekunden über Wortmeldungen von Tafel-Kollegen, die ihn hart angehen und jetzt betonen, dass es keine Bedürftigen erster und zweiter Klasse gebe. "Wir haben ja nicht gesagt 'Ausländer raus', sondern wir haben gesagt, wir haben keine weiteren Plätze im Moment für Ausländer". Es sei eben so, dass sich die deutsche Oma und die alleinerziehende deutsche Mutter zuletzt bei der Tafel nicht mehr wohlgefühlt hätten. Unter den Syrern und Russlanddeutschen gebe es "ein Nehmer-Gen", sagte Sartor zum Spiegel. Einige würden drängeln und schubsen, es fehle an "einer Anstellkultur". Auch deshalb habe man sich für den vorläufigen Stopp entschieden.

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Andere Tafeln hätten im Grunde Regelungen, die die gleiche Wirkung hätten wie die in Essen, etwa wenn an bestimmten Wochentagen nur bestimmte Gruppen kommen und Lebensmittel abholen dürften. Die Diskussion ist für ihn scheinheilig. "Wir wollten nicht so agieren wie andere Gutmenschen, die nach außen hin das so verkaufen und in Wirklichkeit anders denken", sagt Sartor und erklärt dann, dass er keinesfalls gedenkt, von seiner Position abzuweichen, selbst wenn der Protest von allerhächster Stelle käme: "Von mir aus kann die Angela mich anrufen. Ich würde der das so sagen, wie es ist".