Schildkröte vor Erstickungstod gerettet Mund-zu-Maul-Beatmung

"Es war ein bisschen schleimig": Der britische Arzt Ben Waterfall zögerte trotzdem nicht lange und leistete seiner Schildkröte Atlas erste Hilfe, als ihr der Erstickungstod drohte. Sechs Minuten lang. Das geliebte Haustier zeigt sich wenig dankbar.

Interview: Anja Perkuhn

Einen Moment hat Ben Waterfall nicht aufgepasst und schon war der Unfall im Garten passiert: Atlas, eine Schildkröte, die bis dahin ein unbeschwertes Leben geführt hatte, fiel eines Abends in eine Wasserschüssel. Besitzer Ben Waterfall, 34, Arzt aus Devon in Südengland, reagierte blitzschnell und beatmete das Tier Mund zu Maul, bis es zurück ins Leben kam - nach sechs Minuten.

SZ: Mister Waterfall, kennen Sie den? Kommt eine Schildkröte zum Arzt ...

Ben Waterfall: Oh nein, keine Witze mehr über Ärzte und Schildkröten. Die Kollegen und Freunde hören doch gerade damit auf.

Welchen hören Sie denn am häufigsten?

Natürlich alle mit Doktor Dolittle, das waren so viele. Und vor ein paar Tagen hing bei uns im Krankenhaus an der Infotafel ein Zettel mit dem Hinweis: "Doktor Waterfall, Spezialist für Torticullis". Weil Torticullis so ähnlich klingt wie tortoise, Schildkröte.

Und was ist das wirklich?

Ein Schiefhals, beim Menschen.

Mister Waterfall, Ihre Schildkröte ist beinahe ertrunken. Eigentlich denkt man, die könnten schwimmen. Ist Atlas ... speziell?

Nein, er ist einfach eine Landschildkröte, die schwimmen nie. Dass die Wasserschüssel im Garten stand, war auch ein blöder Zufall. Wir wissen nicht genau, wie das passiert ist, ich kam in den Garten und sah, wie seine Beine aus der Schüssel ragten.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ihn Mund zu Maul zu beatmen?

Ich sah ihn dort ertrinken. Was tut man, wenn jemand ertrinkt? Man beatmet ihn.

Ziemlich lange sogar. An was haben Sie gedacht, während Sie sechs Minuten in Atlas hineingeatmet haben?

Ich habe mir die ganze Zeit Sorgen gemacht, dass er tot sein könnte. Wir haben ihn erst anderthalb Jahre und wir sind schon Freunde, auch wenn er meistens etwas mürrisch ist.

Haben Sie mal darüber nachgedacht ...

... ob er Selbstmord begehen wollte? Nein, ich denke, er ist nicht lebensmüde. Ich habe auch dafür gesorgt, dass es im Garten keine Wasserbehälter mehr gibt. Er müsste also jetzt einen anderen Weg finden.

Wie hat die Schildkröte geschmeckt?

Es war vor allem hart. Und ein bisschen schleimig.

Die Aktion hätte auch wirkungslos sein können: Es gibt Schildkröten, die durch ihren Hintern atmen können.

Tatsächlich? Das wusste ich nicht. Aber es ist ja gutgegangen.

Glauben Sie an einen Himmel für Tiere?

Warum nicht? Ich bin zwar nicht religiös, aber es wäre doch schön. Und es ist ein guter Weg, Kindern den Tod zu erklären.

Wie haben Sie Ihrem Sohn erklärt, was da passiert ist?

Er ist erst zwei Jahre alt, deshalb haben wir ihm nur gesagt, Atlas wollte schwimmen.

In solchen Grenzsituationen zieht ja angeblich das Leben in Bildern vorbei.

Puh, das stelle ich mir bei Atlas langsam vor. Die Bilder müssen wirklich seeehr langsam vorbeigezogen sein. Aber ich denke, es waren schöne Bilder. Er knabbert immer an unseren Zehen, wenn wir im Garten sitzen.

Wirkt er dankbar auf Sie?

Nein, eigentlich ist er sogar noch etwas mürrischer als vorher. Aber vielleicht hat er einfach nicht begriffen, was ich getan habe. Wenn du eine Schildkröte bist und du wachst auf und merkst, dass dich ein Kerl knutscht, ist es wahrscheinlich schwierig, dankbar zu sein.